Logo Deutscher Evangelischer Kirchentag. Berlin/Wittenberg, 24.-28. Mai 2017
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Integration

Gelebter interreligiöser Dialog

Bislang deutschlandweit einzigartig: die Flüchtlingskirche in Berlin. Ein Ort des Ankommens, der Spiritualität, der Bildung und Beratung, in dem sowohl Geflüchtete als auch Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, Stärkung und Rat finden. Im Oktober startete das Projekt.

Von Christiane Bertelsmann

Die St. Simeonkirche liegt in einer Gegend, die so gar nichts mit dem schicken, bunten Ausgeh-Kreuzberg zu tun hat, das die Party-Touristen aus der ganzen Welt gerne als Abendbühne nutzen. Zwischen schlichten, in den 50er und 60er Jahren schnell hochgezogenen Mehrfamilienhäusern leuchtet das Backsteinrot der neogotischen Kirche. Neben dem selbstgeschriebenen Schild in Neonpink "Flüchtlingskirche St. Simeon" weist ein Zettel den Weg zum "Internationalen Café".

Auch Christine hat sich auf den Weg zur Flüchtlingskirche in die Wassertorstraße in Berlin gemacht. Die 77-Jährige möchte sich ehrenamtlich engagieren, Menschen helfen, die aus ihren Heimatländern fliehen mussten und in Deutschland auf ein neues Leben hoffen. Rund drei Dutzend Gäste sitzen zusammen im großen Gemeindesaal. Eine Gruppe junger Männer aus dem Irak spielt Mühle. Christine nimmt Kontakt mit einem kleinen Mädchen aus Ägypten auf. "Das ist eine Giraffe und das ist ein Tiger", erklärt die gelernte Biologin und schiebt die Spielzeugtiere über den kleinen Tisch. Das Mädchen nickt zustimmend und lächelt. "Ich würde gern ehrenamtlich auf die Kinder der Geflüchteten aufpassen", sagt die Berlinerin, die drei Jahre in Nordafrika gearbeitet hat und ihre Erfahrungen gern einbringen möchte. Und für die Mütter könne sie eine Art Kulturdolmetscherin sein.

Anlaufstelle für Flüchtlinge und Ehrenamtliche

Am 8. Oktober wurde die Flüchtlingskirche in der St. Simeonskirche eröffnet, die zum Kirchenkreis Berlin-Mitte gehört. Als Projekt der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) entstand im Rahmen der Unterstützungsarbeit für Flüchtlinge eine Anlaufstelle für Menschen, ungeachtet ihrer Herkunft, Konfession, rechtlichem Status, Alter, Geschlecht und Sprache. Nicht nur Flüchtlinge finden hier Beratung, medizinische Angebote und seelischen Beistand, auch für Ehrenamtliche bietet die Flüchtlingskirche einen Ort des Austauschs, der Vernetzung und Information. Kulturelle Veranstaltungen wie Ausstellungen, Konzerte, Lesungen und Theaterabende gestalten Geflüchtete und Beheimatete gemeinsam. Die spirituellen Angebote und Seelsorge stehen allen offen, gleich welcher Konfession und Religion.

Medizinische Versorgung, Bildung und Beratung

"Wir wachsen noch", sagt Projektleiterin Anke Dietrich. "Viele Angebote müssen wir noch ausprobieren und schauen, wie sie angenommen werden. Immer wieder kommen neue dazu." Zum Beispiel die Sprechstunde der Ärztin Thea Jordan. Geflüchtete können sich auch ohne Krankenversicherung von der ehrenamtlich arbeitenden Medizinerin gratis behandeln lassen. Außerdem planen die Organisatorinnen Deutsch- und Alphabetisierungskurse.

Zu den weiteren regelmäßigen Terminen gehören die Asylberatung und die Rechtsberatung, die der Verein Asyl in der Kirche seit Gründung der Flüchtlingskirche dreimal wöchentlich anbietet. "Das Besondere hier ist, dass wir nicht nur Angebote für Geflüchtete haben, sondern dass auch Beheimatete bei uns Rat und Hilfe finden", erklärt die Sozialpädagogin.

Ort geistlichen Lebens

Dass die Flüchtlingskirche auch ein Ort geistlichen Lebens ist, dafür sorgt Pfarrerin Beate Dirschauer. "Was wir hier tun, ist gelebter interreligiöser und interkultureller Dialog", sagt sie, "Wir richten uns an Menschen aller Konfessionen und Religionen, übrigens auch an Konfessionslose."

Ob Friedensgebet, besondere Gottesdienst, Gottesdienstreihen oder Politisches Abendgebet – man feiere in liturgischer Gastfreundschaft miteinander und suche dabei auf dem Boden des Vertrauten auch nach neugewonnenen Ausdrucksformen des Glaubens. Als mobiles Beratungsangebot hat das Diakonische Werk Berlin Stadtmitte, als Träger der Flüchtlingskirche, noch zwei weitere Pfarrstellen in Teilzeit in Brandenburg und auf dem Gebiet der schlesischen Oberlausitz eingerichtet.

Gemeinsame Gebete bieten Erleichterung

Anne, 39, Politologin aus Berlin und ehrenamtliche Helferin, nimmt einen Schluck Tee und schreibt dann auf Deutsch das Vaterunser auf ein weißes Blatt. Ihr gegenüber sitzt Amir*. Er lebt erst seit fünf Wochen in Berlin. Amir ist Christ wie viele in seiner Heimatstadt Hasaka im Nordosten Syriens. Immer wieder kamen dort bei Anschlägen der IS-Terrormiliz Menschen ums Leben. "Auch Menschen aus meiner Familie wurden getötet", erzählt Amir leise. "Mit meiner Mutter und meinem Bruder konnte ich in den Libanon fliehen." Einer seiner Brüder ist bis heute verschwunden, entführt. Was aus ihm geworden ist, weiß Amir nicht. Während seine Mutter und ein anderer Bruder in Beirut blieben, gelang Amir die Flucht nach Deutschland. Heute Abend will er in der Flüchtlingskirche beten.

Während die anderen Gäste weiter plaudern und Kaffee trinken, ziehen sich Pfarrerin Beate Dirschauer, Anne mit dem Vaterunser-Zettel und eine Hand voll weiterer Gäste in den eine Treppe höher gelegenen Kirchraum zurück. Die Pfarrerin zündet in der dunklen Kirche Kerzen an und singt mit der kleinen Gottesdienstgemeinde das Taizé –Lied "Dona nobis pacem". Dann sprechen alle das Vaterunser. Nach ein paar Sekunden Schweigen spendet Pfarrerin Dirschauer den Abschluss-Segen. "Ich habe 18 Tage nicht in einer Kirche beten können", sagt Amir danach. "Für mich war es eine große Erleichterung, endlich wieder mit Gott zu sprechen."

Geflüchtete Menschen machen gemeinsam Musik
Bild: Svea Pietschmann

Essen, Musik, Tanz und Geschichten

Unterdessen macht Cinedu Osobie auf der Kochplatte unten im Saal die Suppe heiß. Süßkartoffel-Kichererbsen, es duftet köstlich. Dede, Bruder, wie ihn seine Freunde nennen, gehört fest zum Team der Flüchtlingskirche. Er leitet das Café, kocht und backt Kuchen und hört zu, wenn Geflüchtete Rat oder einfach nur ein offenes Ohr brauchen. "Er ist für viele so etwas wie ein Anker in der Flüchtlingskirche", sagt Anke Dietrich. Dedes eigene Geschichte ist keine, die man sich so leicht beim Kaffee anhören kann. Der 46-Jährige ist Nigerianer, war Kindersoldat in Sierra Leone und versucht schon seit 1993, in Deutschland Fuß zu fassen. Jetzt endlich hat er eine Duldung – und damit die Möglichkeit, zu arbeiten.

Nachdem er die Suppe ausgeteilt hat, trommelt Dede mit Jules, einem Philosophiestudent aus den Niederlanden. Die jungen Männer aus dem Irak tanzen dazu, holen Handys aus den Taschen und machen Selfies mit den Gästen. Amir hat sich schon den Termin für das Friedensgebet am nächsten Tag notiert. Auch Christine, die Biologin, will wiederkommen: "Ich bin 1938 geboren und weiß, wie sich Krieg anfühlt und wie es ist, auf der Straße zu sitzen und nichts zu haben", sagt sie. Und was sie sicher auch weiß: Wie gut es tut, wenn da jemand ist, der einem die Hand reicht.

*Name geändert

Zur Autorin: Christiane Bertelsmann ist freie Journalistin in Berlin.

Dieser Artikel stammt aus Der Kirchentag – Das Magazin, Ausgabe 4/2015. Mehr erfahren ....

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