Mein Kirchentag
Losung

Eine Losung, die Brücken baut

„Du siehst mich“ lautet die Losung für den Kirchentag in Berlin und Wittenberg vom 24. bis 28. Mai 2017. Sie bildet auch den Leitgedanken für sechs Kirchentage auf dem Weg in acht mitteldeutschen Städten.

Von Alexander Matzkeit

Das Fenster im vierten Stock der Humboldt-Box in Berlin-Mitte gibt den Blick frei auf die Weite des Lustgartens, östlich vom Garten befindet sich die größte Kirche Berlins, der evangelische Berliner Dom mit seiner mächtigen Kuppel. Im Westen ist das Brandenburger Tor zu sehen, weiter im Osten der Fernsehturm. Von dem Platz, der zur öffentlichen Vorstellung der neuen Losung am 12. Oktober gewählt wurde, sehen Menschen nicht nur weit, es ist auch ein guter Ort, um gesehen zu werden.

„Du siehst mich“ schreibt Christina Aus der Au, die am Wochenende zuvor gerade offiziell das Amt der Kirchentagspräsidentin übernommen hat, im Blitzlichtgewitter der Fotografierenden auf eine orange Tafel und schickt sie damit in die Welt: die Losung für den 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin und Wittenberg.

„Du bist ein Gott, der mich sieht“

Die Worte stammen aus dem 16. Kapitel des 1. Buch Mose. Hagar, die ägyptische Sklavin von Sarai, der kinderlosen Ehefrau Abrahams, lässt sich auf deren Geheiß von Abraham schwängern und wird anschließend so von ihr gedemütigt, dass sie flieht. An einer Wasserquelle in der Wüste trifft sie einen Engel, der sie zurückschickt, ihr aber zweierlei verheißt: Ihre Nachkommen werden zahlreich sein – was sonst in der Bibel nur Männern zugesprochen wird –, und ihr Sohn Ismael wird als freier Mensch im Land wohnen. „Und sie nannte den Namen des HERRN, der mit ihr redete: Du bist ein Gott, der mich sieht“, übersetzt Luther im 13. Vers.

Von der Sehnsucht, beachtet zu werden

Gott sieht Hagar, und sie fühlt sich wahrgenommen und beachtet. „Die Sehnsucht danach ist groß. Dafür schicken wir permanent Bilder von uns selbst in die Welt, per Selfie, Facebook und WhatsApp“, erklärt Christina Aus der Au. Wirklich gemeint zu sein gehe aber tiefer.

„Die Freude darüber, dass mich jemand sieht und sich für mich interessiert, die kennt jede und jeder. Das verbindet Menschen untereinander, egal, ob, was oder an wen sie glauben“, sagt sie weiter. Der Kirchentag komme nach Berlin, in eine säkulare und zugleich multireligiöse Stadt, in der nichts, was mit Religion zu tun habe, selbstverständlich sei. „Deswegen wird der Kirchentag fragen: Wie können wir verständlich reden; davon, dass wir glauben, dass Gott uns ansieht? Welche neue Sprache brauchen wir, um gemeinsam über Dinge zu sprechen, die jeden Menschen in seinem Innersten bewegen?“

Sehen stiftet Beziehung

Auch für Generalsekretärin Ellen Ueberschär ist „Du siehst mich“ ein Satz, der über den biblischen Kontext hinaus Anerkennung, Wertschätzung und Zuwendung aussagt. „Sehen stiftet Beziehung, nicht nur mit Gott, sondern auch im Miteinander aller Menschen“, sagt sie. „Ansehen bedeutet Anerkennen und Wertschätzen. Wegsehen ist Missachtung und Ignoranz.“

Markus Dröge, Christina Aus der Au und Ellen Ueberschär mit der Losung

Eine Losung, die Brücken baut

Das gelte auch für Menschen, die vor Krieg und Gewalt flüchten. Die Losung baut eine Brücke. „Weil sie aus dem Umkreis der Abraham-Geschichten stammt, ergeben sich in der Geschichte der Hagar, einer der Ursprungslegenden des Volkes Israel, Verbindungslinien und Anknüpfungspunkte für den interreligiösen Dialog“, sagt die Generalsekretärin. Hagar wird im Neuen Testament erwähnt, und in den Hadithen, den Sammlungen der Aussprüche Mohammeds, wird ihre Geschichte ausgeschmückt.

Für Markus Dröge, den Bischof der gastgebenden Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, ist „Du siehst mich“ eine gute Losung für einen Kirchentag im Reformationsjahr 2017. Er sieht Parallelen zwischen Hagar und Martin Luther: „Ein an sich selbst verzweifelter Mönch hat entdeckt, dass ein gnädiger Gott ihn anschaut. Das hat ihn verändert und dann die Welt. Seine theologischen Erkenntnisse haben die Kirche reformiert, seine Bibelübersetzung die Einheit der deutschen Sprache befördert, sein Katechismus eine Bildungsbewegung begründet.“ Die Kirchentagslosung reize dazu, die Bedeutung der Reformation noch einmal anders in den Blick zu nehmen und wieder neu zu verstehen, wie befreiend es sei, Wertschätzung bei Gott zu genießen.

Aufmerksam sein für Menschen ohne Ansehen

„Ich freue mich, dass ich jetzt mit dieser Losung auf den Kirchentag 2017 zugehen kann“, sagt der Bischof. „Mit ihr wünsche ich mir einen Kirchentag voller Aufmerksamkeit: aufmerksam für Menschen ohne Ansehen, in einer Stadt, in der Arm und Reich weit auseinanderklaffen; aufmerksam für politische Entwicklungen, in einer sich rasant verändernden Gesellschaft; aufmerksam für Menschen, die nicht oder anders an Gott glauben, hier im Osten Deutschlands und in einer Stadt voller kultureller und weltanschaulicher Gegensätze; aufmerksam für eine Kirche, die sich ändert, weil sie sich ändern muss.“

Die Losung ist Überschrift des gesamten Kirchentages, der Kirchentage auf dem Weg und Predigttext für den Himmelfahrtsgottesdienst am 25. Mai. Flankiert wird sie von biblischen Texten, die ebenfalls mit Sehen und Aufmerksamkeit zu tun haben.

Der Kirchentagspsalm 139, der auch über dem Eröffnungsgottesdienst steht, enthält die Worte „Deine Augen sehen mich“. Und für den großen Festgottesdienst in Wittenberg sind Worte aus dem „Hohelied der Liebe“ des 1. Korintherbriefs vorgesehen, „Von Angesicht zu Angesicht“ (1. Korinther 13,12). Es wird wie immer spannend sein, was sich Projektleitungen und Programmausschüsse, Mitwirkendengruppen und Organisatorinnen zu diesen ausdrucksstarken Worten einfallen lassen.

Das Bild, auf dem Markus Dröge, Christina Aus der Au und Ellen Ueberschär stolz die Tafel mit der Losung präsentieren, ist nach der Losungspräsentation auch schnell auf allen Internetkanälen des Kirchentages zu sehen, die pünktlich zum „Umzug“ nach Berlin ebenfallsin Orange erstrahlen. Auf der Kirchentags-Facebookseite wird es 198 mal geteilt und erreicht laut Statistik über 55.000 Menschen. Mit dem Gesehen-werden geht es auf jeden Fall schon gut los.

Dieser Artikel stammt aus Der Kirchentag – Das Magazin Ausgabe 4/2015. Abonnieren Sie das Magazin hier oder laden Sie es als PDF herunter.

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