Mein Kirchentag
Programm

Ein Thementableau entsteht

30 kluge Menschen und ein Entwurf. Beim Themenkonvent in Fulda wird die erste Fassung des Thementableaus besprochen. Einblicke in einen wichtigen Schritt der Programmfindung.

Heimat oder Flucht? Wie der Thementag heißen sollte, wird im Fuldaer Bonifatiushaus heiß diskutiert. „Flucht“, das könnte 2017 schon gar nicht mehr das Hauptthema sein, meint eine der Diskutantinnen – viel wichtiger sei doch in Zukunft die Frage nach Integration und Heimatgefühl. Das mag schon sein, wirft jemand anderes ein, aber der Begriff „Flucht“ binde das Thema auch zurück an die Geschichte hinter der Losung. Vielleicht doch ein Doppeltitel?

Die Programmentstehung eines Kirchentages ist von außen nicht immer leicht zu durchdringen. So viele Gremien und Häuser sind involviert – Präsidium, Präsidialversammlung, Kirchentagsbüro, Projektleitungen – dass es manchmal schwer fällt, den Überblick zu behalten, wer eigentlich genau was macht. Eins jedoch ist sicher: Das Programm entsteht nicht per Dekret Einzelner. Es wird in einem mehrstufigen Prozess geformt, in dem immer wieder sehr viele kluge Menschen gemeinsam an einem Tisch sitzen und miteinander diskutieren.

Möglichst viele sachkundige Augen

Der sogenannte Themenkonvent ist eine zentrale Stufe dieses Prozesses. An einem konzentrierten Tag werden von einer etwa 30-köpfigen Gruppe aus allen Sparten der Präsidialversammlung die bisher gesammelten eigenen Ideen und die der Landeskirche, aus ständigen Ausschüssen und von Partnern einmal durchdiskutiert. Die vorgeschlagenen Themen werden manchmal konkretisiert, oft genug aber auch weiter aufgefächert als bisher. Der Schlüsselgedanke ist, dass schon einmal möglichst viele sachkundige Augen einen Entwurf miteinander diskutieren, bevor Präsidialversammlung und Präsidium einen Monat später das endgültige Thementableau beschließen.

So feiern die Andacht zu Beginn des Themenkonvents Theologinnen und Naturwissenschaftler, Künstler und Journalistinnen, Aktivisten und Mitglieder sozialer Organisationen. Der Einfachheit halber wird die Runde nach einer ersten Plenumsdiskussion in drei Gruppen geteilt, die sich jeweils mit den groben Themenbereichen Religion/Kirche, Gesellschaft/Kultur und Internationales/Politik auseinandersetzen sollen. Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au ermuntert die Anwesenden, die Losung „Du siehst mich“ auf jeden Fall immer „dialogisch“ zu denken. Niemand solle von oben herab die Welt erklären, es solle um gegenseitiges Ansehen und Wahrnehmen gehen.

Drei liturgische Tage

Der Themenkonvent sei einer ihrer Lieblingstermine des Kirchentagsjahres, sagt Studienleiterin Silke Lechner zu Anfang. Hier sind die Themen noch nicht völlig ausgeformt, aber ihr Potenzial ist bereits erahnbar. So ist im Bereich Religion eine anthropologische Podienreihe geplant, die den Begriff „Menschenbild“ beleuchten soll. Drei Liturgische Tage soll es geben: „Großstadt“, „Beten“ und „Flucht“ (oder eben „Heimat“). Reformation wird natürlich eine große Rolle spielen, Religiöse Pluralisierung, und vielleicht sogar „Flirten“ – da sind sich die Anwesenden aber noch nicht sicher.

In der Gruppe Kultur/Gesellschaft wird lange über das ursprünglich vorgeschlagene Thema „Digitalisierung“ diskutiert. Ist nicht das eigentliche Thema nicht Digitalisierung sondern Wahrnehmung von Wirklichkeit? Lassen sich hier nicht auch Bezüge zur Diskussion um „Lügenpresse“, zu Hass und Angst in den sozialen Medien finden? Das Stichwort „Die unwirkliche Gesellschaft“ steht im Raum. Auch „Revolutionen“ soll ein Thema werden – war die Reformation eine Revolution?

Am Puls der Zeit

Im Bereich Internationales ist völlig klar, dass der Nahe Osten genauso Thema sein muss wie die Europäische Union und ihre internationale Handlungsfähigkeit. „Flucht, Migration, Integration“ lautet auch hier eine Überschrift, die das Thema eher von politischer als von geistlicher Seite beleuchten soll. Friedenspolitik wird eine Rolle spielen, Wirtschaft und Klimawandel. Für Kirchentagskenner mag das erwartbar klingen, aber die spezifische Art, wie die Themen schon jetzt mit Leben gefüllt werden, ist doch jedes Mal anders. Diejenigen, die hier diskutieren, haben ihr Ohr am Puls der Zeit, werfen spontan Erinnerungen aus Forschungsprojekten oder Kongressen ein. Das Gute ist, dass sich hier am Ende niemand vollständig einig sein muss. Entschieden wird erst drei Wochen später.

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