Mein Kirchentag
Predigt

"Du siehst mich" heißt Gottvertrauen

Ellen Ueberschär war zum KirchentagsSonntag am 24. Januar in Fürstenwalde zu Gast. Im Dom St. Marien predigte sie zur Losung des Kirchentages.

Einzusehen, dass wir verlassen sind, ist fürchterlich – verlassen zumal von der christlichen Welt, die beschlossen hat, auf Distanz zu gehen, um die Gefahr von sich fern zu halten. Wir bedeuten ihnen nichts.

Navid Kermanis Zitate aus dem E-Mail-Wechsel mit Pater Jacques, dem Abt eines syrischen Wüstenklosters, gingen mit seiner Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels um die Welt.

Das Kloster, das er selbst besucht hatte, der Abt, mit dem er selbst gesprochen hatte, war ein Ort des Friedens, des Miteinanders der Religionen. Durch den IS wurde es ein Ort des Grauens, der Entführungen und Ermordungen.

Kermani: „Im September 2015 tauchen auf einer Website des Islamischen Staates Fotos auf, die einige der Christen aus Qaryatein in den ersten Stuhlreihen einer Schulaula zeigen, kahlgeschoren, (...) bis auf die Knochen abgemagert, ihre Blicke leer, sie alle von der Geiselhaft gezeichnet. Auch Pater Jaques ist auf den Photos zu erkennen in ziviler Kleidung, ebenfalls kahlgeschoren und abgezehrt, deutlich wahrnehmbar die Erschütterung in seinem Blick. (...) Es ist ein ruhiger, aber ganz und gar deprimierter, hilfloser Blick, den uns Pater Jacques auf dem Foto zuwirft, während er die Hand vor den Mund hält, als wolle er nicht wahrhaben, was er sieht. Mit dem eigenen Martyrium hatte er gerechnet, aber dass seine Gemeinde in Gefangenschaft geriet, die Kinder, die er getauft, die Liebenden, die er miteinander vermählt, die Alten, denen er die letzte Ölung versprochen hat, das muss ihn um den Verstand bringen, selbst den bedächtigen, innerlich so starken, gottergebenen Pater Jacques um den Verstand. Seinetwegen waren die Entführten schließlich in Quaryatein geblieben, statt wie so viele andere Christen aus Syrien zu fliehen. Pater Jacques wird denken, dass er Schuld auf sich geladen hat. Aber Gott, das weiß ich, wird anders über ihn urteilen.“

Wir bedeuten ihnen nichts

Pater Jacques, so berichtet Kermani, wurde befreit, er kehrte zurück in die Gemeinschaft des Klosters von Mar Musa. Offenbar waren zahlreiche Menschen an der Befreiung beteiligt, sie alle Muslime und jeder einzelne von ihnen hat sein Leben für einen christlichen Priester riskiert.

Wir bedeuten ihnen nichts. Sagt Pater Jacques. Zu uns. Du siehst mich. Sagt Hagar, die Sklavin. Zu Gott. Das Hinsehen Gottes im Widerspruch zu unserem Wegsehen. Zwei Schicksale, die verbunden sind. Nicht nur, weil sich beide im Nahen Osten abspielen. Da, wo die Welt so brennt, wie sie vor 100 Jahren in Europa loderte. Verbunden sind die Schicksale auch, weil sie mit Gott zu tun haben.

Hagar, die Sklavin. Eine Ägypterin. Die Kammerzofe gewissermaßen für Sarah, die Frau von Abraham.

Zwischen diesen dreien, Abraham, Sarah und Hagar entspinnt sich eine komplizierte Geschichte.

Eine komplizierte Geschichte

Zunächst: Mann und Frau: Sarah und Abraham sind alt und kinderlos. Kinder zu haben – das war im Orient die einzig denkbare Lebenserfüllung für Frauen. Sarah hat keine Kinder, zum Verzweifeln ist das.

Diese Verzweiflung muss man verstehen, um zu begreifen, was dann geschieht: Sarah gibt ihre Kammerzofe als Leihmutter an Abraham.

Hagar ist Objekt. Sexobjekt, Objekt der Sehnsucht nach DEM Kind. Sie handelt nicht. An ihr wird gehandelt, mit ihr wird gehandelt. Sodann: Die beiden Frauen untereinander – schwierig: Mal Konkurrenz, mal Solidarität, hier konfliktreich. Als Hagar schwanger ist, kehren sich die Machtverhältnisse um. Sarah, die den Plan ausgeheckt hatte, Sarah, die Herrin, Sarah, deren Wort Gewicht hatte, wird leicht. Wird verletzlich, als Hagar schwanger ist.

Hagar wird gewichtiger, nicht nur körperlich, auch seelisch. Als sie merkte, dass sie schwanger war, verlor ihre Herrin an Gewicht in ihren Augen. Ein Kind zu erwarten, heißt, die Zukunft in sich zu tragen.

Selbst wenn sie weiß, dass das Kind nicht ihres sein wird.

Die Machtverhältnisse kippen: Sarah wird ein Leichtgewicht, Hagar ein Schwergewicht. Der Konflikt unausweichlich. Was auch immer Sarah Hagar angetan hat – es muss so dramatisch gewesen, dass die schwangere Hagar mit nichts als sich selbst und dem Kind in ihrem Bauch flieht... - In die Wüste.

Eine umgekehrte Auszugsgeschichte - nicht das Volk Israel verlässt die Sklaverei in Ägypten, sondern die Ägypterin Hagar flieht aus der Sklaverei im Haus Sarahs, der Israelitin. Der Akt der Selbstbefreiung, das Weglaufen fühlt sich im ersten Moment gut an, atmet Freiheit. Aber die Wüste ist nicht der Raum der Freiheit, sondern der Gefahr – für die Seele und für Leib und Leben. Hagar gibt auf. Gibt sich auf und das Kind.

Ich bin auf der Flucht

Plötzlich aber geschieht etwas, das ihr Leben herausreißt: Ein Jemand, ein Bote Gottes, ein Engel sieht sie, spricht freundlich. Gottes Bote fand sie an einer Wasserquelle in der Wüste, an der Quelle auf dem Weg nach Schur. Und sprach sie an: Hagar! Du Sklavin Saras, woher kommst Du und wohin willst Du?

Sie sagte. Weg von Sara, meiner Herrin! Ich bin auf der Flucht!

Woher sie kommt, kann Hagar ehrlich sagen. Woher wir kommen, können wir meistens auch präzise sagen. Die Christen in Syrien können sagen, woher sie kommen: aus einer zweitausendjährigen Tradition. Und im Kloster Mar Musa aus einer friedlichen Zeit. Aber wohin sie gehen, das wissen sie nicht, der Gedanke an die Zukunft schnürt die Kehle zu. Einzusehen, dass wir verlassen sind, ist fürchterlich – verlassen zumal von der christlichen Welt, die beschlossen hat, auf Distanz zu gehen, um die Gefahr von sich fern zu halten.

Wir bedeuten ihnen nichts. Pater Jacques - In der Wüste des Krieges und der Grausamkeiten allein, ohne Hoffnung gelassen. Aber Hagars Geschichte geht weiter, sie geht mit Gott weiter. Plötzlich ist Wasser da, rettende Nahrung, ein Blick, eine Stimme, die ihr sagt: es wird nicht ewig so bleiben.

Geh zurück und hab Vertrauen. Bring das Kind zur Welt. Es hat eine große Zukunft. Hagar vertraut, sie verspürt ein warmes Gefühl, es könnte sein, dass am Ende alles gut wird. Und solange es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende. In der Wüste, zwischen Tod und Leben, wird Hagar zur Theologin: Sie definiert ihre wüste Situation, sie definiert ihre Gottesbegegnung.

Der Gott, der mich sieht

El Roi. Sagt sie: Du bist ein Gott, der mich sieht, mich, die Sklavin, mich die Einsame, mich, die Sterbende. El Roi, du bist ein Gott, der sieht, dass ich leben will. Du siehst mich. Hagar meint: Gott, du siehst meine Würde, du machst mich groß, du reißt mich aus dem Tod, Du machst mich lebendig. El Roi, du bist ein Gott der mich sieht, nicht ein Gott, der mich übersieht. Du bist kein Gott, der nur meine Fehler sieht, Du bist kein Gott, der nur sieht, was er sehen will. Du bist ein Gott, der mich sieht, mein Leben.

Diese junge Frau, deren Name – im Gegensatz zu vielen anderen Frauen – überliefert ist und seinen festen Platz im Alten Testament hat, diese Hagar gibt Gott einen Namen. Du siehst mich – ist also ein Name für Gott, ein Name für das Vertrauen, ein Name für: Gottvertrauen.

Namen zu verteilen, war in der Antike ein Privileg der Männer. Adam benennt die Tiere im Paradies. Aber dieser Name, den Hagar gefunden hat, ist etwas Besonderes. Jeder fühlt sich angesprochen, jede fühlt sich hineingenommen in diesen Blickkontakt, der Leben rettet.

Guck mal, Mama!

Wir kennen das mit den Blicken. Manche von Ihnen fahren vielleicht 7:24 Uhr mit dem RE nach Berlin irgendwo in der Mitte zur Arbeit. Da ist das mit den Blicken besonders gut zu beobachten. Versuchen Sie mal, einen Blick zu erhaschen – unmöglich! Jede schaut auf ihr Smartphone, in die Zeitung, auf den Boden. Bloß nicht den anderen sehen. Sehen ist Berührung und Berührung wollen wir morgens, brummbärig wie wir sind, so gut es geht, vermeiden. Das ist normal.

Etwas Besonderes ist es, Gesehen zu werden. Guck mal! Ruft ein Kind und fordert die Mama auf, hinzuschauen. Guck mal! Guck auf mich, nimm mich wahr, ich bin da! Als Erwachsene trauen wir uns das nicht mehr. Was für Kinder normal ist, wandelt sich zu etwas Besonderen – gesehen zu werden als Mensch, so wie ich bin.

Was bleibt, ist die Sehnsucht, gesehen, oder besser gesagt, geliebt zu werden. Es fühlt sich nämlich gut an, wenn ich mit Liebe angeschaut werde. Ein warmes Gefühl ist das, es holt mich aus der Angst, es macht mich stark. Wie Hagar. Sie wird gesehen. Sie gibt Gott einen Namen, der ihr eigenes Leben umwertet: In diesem Moment ist sie mehr als eine rechtlose Frau.

Von Gott gesehen zu werden – Leben, Hoffnung, Zukunft.

Von Gott gesehen zu werden – Grund für die Würde des Menschen als Gottes Geschöpf.

Von Gott angesehen zu werden – Anerkennung, Rettung.

Gibt es Rettung für die Christen im Nahen Osten? Gibt es Hoffnung? Wenig. Alle Experten sprechen von der Möglichkeit, dass das Christentum in der Region, in der es entstanden ist, vor der Auslöschung steht. Das friedliche Vielvölkergemisch, Sprachengemisch, darunter Aramäisch, die Sprache, die Jesus gesprochen hat – unwiderbringlich verloren. Auch wenn es weiter geht – es wird nie wieder so sein, wie es war.

Was wir tun können

Aber ganz ohne Möglichkeiten sind wir nicht: Wir können eine Politik unterstützen, die für Frieden sorgt, wir können Menschen in Syrien und im Irak unterstützen über Brot für die Welt und andere Hilfsorganisationen. Wir können immer wieder daran erinnern, dass Christinnen und Christen systematisch verfolgt, entführt, ermordet werden. Wir können beweisen, dass sie uns etwas bedeuten und nicht nichts: Mit Mahnwachen und vor allem – mit Gebeten.

Rufen wir den Gott an, der Hagar, der Sklavin, Hoffnung und Lebenszuversicht gegeben hat.

Rufen wir den Gott an, der Maria, die Sklavin, das Magnificat singen ließ,

Rufen wir den Gott an, der die Gewaltigen vom Thron stößt und die Niedrigen erhöht.

Rufen wir Gott an, der aus allem auch, aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen kann und will, wie Dietrich Bonhoeffer es gesagt hat – Und weiter: Gott ist kein zeitloses Schicksal, sondern er wartet auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten.

Du siehst mich - das ist die Losung für den Kirchentag, der 2017 nach Berlin kommt. Das Leiden der Christinnen und Christen im Nahen Osten wird ein wichtiges Thema sein, und wichtig wird auch sein, mit denen, die aus Krieg und Krisen hierher geflohen sind, gute Nachbarschaft einzuüben. Warum nicht mit einigen, die heute noch im Haus Hoffnung oder in der Odersun-Halle als Flüchtlinge wohnen, zum Kirchentag kommen? Ich bin sicher, es sind Christinnen und Christen unter ihnen wie Pater Jacques, wie Serop Megerditchian, ein aramäisch-orthodoxer Priester aus Aleppo, der zum Kirchentag in Stuttgart aus Syrien ausreisen durfte, der um seine Gemeinde gekämpft hat. Der das erfahren hat, was Pater Jacques so vermisst – dass uns ihr Schicksal nicht egal ist, dass wir hinsehen und hinhören!

Du siehst mich – mögen die Christen in Syrien das sagen können, mögen wir das sagen können. Du siehst mich – das ist ein Gottvertrauen, das ich Ihnen wünsche. Dieses warme Gefühl des Gottvertrauens, das möge Sie durch das Jahr begleiten und wenn Sie irgendwo auf der Straße eine Schrift sehen: „Du siehst mich“, dann denken Sie an dieses Gefühl und an den Kirchentag, der kommt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Bild: Amanda (cropped), CC-BY-2.0

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