Mein Kirchentag
Weihnachtsbotschaft

"Wir dürfen die Freiheit nicht aus dem Blick verlieren"

Eine Weihnachtsbotschaft von Ellen Ueberschär, Generalsekretärin des Kirchentages

Nein, keine weitere Besinnung, kein weiterer Aufruf, zusammenzustehen, sich von der Gewalt nicht unterkriegen zu lassen, die Gesellschaft offen zu halten, auch für Flüchtlinge. Keine theologische Erklärung, warum der Kern von Weihnachten in der Verletzlichkeit und Menschlichkeit liegt, und das Gottesbild des christlichen Abendlandes prägen. Das ist alles gesagt und auch von allen.

Aber die leise Furcht, die uns beschleicht, das Ungewisse am Vorabend eines Jahres, das ein großes werden wollte, bleibt. Und das Gefühl, dass gerade mehr zu Ende geht als irgendein Jahr, auch.

Vielleicht ist es gut, sich Vorbilder zu suchen. Menschen, die klar waren in ihren Positionen, die provoziert haben, um faulen Frieden zu stören, die Humor als Möglichkeit genutzt haben, Ängstlichkeit in Offenheit zu wandeln – wahrhaftig und glaubwürdig.

Zum Beispiel Loriot mit seiner Kritik an einer verspannten Gesinnungsethik, die am Moment vorbeilebt: Der Akademiker Dr. Klöbner sitzt durch komische Zufälle zusammen mit dem Großindustriellen Müller-Lüdenscheidt in einer Hotelbadewanne. Während Dr. Klöbner das Leistungsprinzip in der Disziplin des Badewannentauchens mit dem Satz: „Aber ich kann länger als Sie!“ verteidigt, hält der unterlegene Industrielle die sogenannten Werte einer funktionierenden Gesellschaft hoch: „Ehrlichkeit, Toleranz … Mut, Anstand .. Hilfsbereitschaft …, aber auch: Tüchtigkeit, Zähigkeit, Sauberkeit.“ Die preußisch-protestantische Werte, die Loriot hier zusammenstellt, sind eben auch irgendwie der Versuch, die eigene Würde selbst herstellen zu müssen. Mit seiner Hilflosigkeit in einem Moment der Nacktheit, der Menschlichkeit, hat Herr Müller-Lüdenscheid die große Münze der guten Gesinnung schon verspielt.

Und was heißt das für das kommende Jahr?

Behalten wir unsere Werte, halten wir sie hoch! Aber schauen wir auch hin, ob wir nicht gerade in der Badewanne mit einem nackten Mann sitzen, was ja Bob Dylan, der Literaturnobelpreisträger 2016 auf pointierte Weise auch für noch prominentere Menschen der Weltgeschichte festgestellt hat: „Even the president of the United States must sometimes have to stand naked.“

Zum Beispiel Hildegard Hamm-Brücher, die unter größtem Druck ihre Promotion im Jahr 1945 im Labor durchstand und die nie locker gelassen hat, wenn es um die Anerkennung deutscher Schuld für die Verbrechen des Nationalsozialismus ging. Das „freiheitliche Gemeinwesen“ und die Demokratiefähigkeit junger Menschen waren ihre Botschaft und wäre sie Bundespräsidentin geworden, hätten noch mehr Menschen von ihrer persönlichen Ausstrahlungskraft profitiert.

Was heißt das für das kommende Jahr? Wir dürfen die Freiheit nicht aus dem Blick verlieren, und das in einer Mischung aus Glaubensüberzeugung und beherzter Beharrlichkeit.

Zum Beispiel Martin Niemöller, der das Schweigen der Mehrheit angeklagt hat, die meint, sie sei ja nicht betroffen: „Als sie die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. ... Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, denn ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es niemanden mehr, der hätte protestieren können.“

Was heißt diese Adaption der Bibelstelle Mt 25 für das kommende Jahr? Politisch wach sein aus Glauben, sich an dem orientieren, was vor Augen liegt und vor allem an denen, die Obdach, Zuflucht und Schutz brauchen. Sich orientieren an einem Gott, der fragt, ob wir das, was wir sagen, auch wahrhaftig meinen und dafür einstehen und den shitstorm aus Hass und Häme aushalten, der heute als Mittel politischer Äußerung Konjunktur hat.

Zum Beispiel ein Lied, das der Liederdichter und Frankfurter Pfarrer Eugen Eckert 1981 geschrieben hat. Es gibt kaum einen Liedtext, der das Empfinden vieler Menschen am Ende des Jahres 2016 so auf den Punkt bringt, wie dieses. Es möge Ihren Wechsel in das Jahr 2017 tröstlich und ermutigend begleiten, bis wir uns wiedersehen, spätestens am 28.Mai 2017 in Wittenberg!

Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht / bringe ich vor Dich  

Wandle sie in Weite – Herr erbarme dich

Meine ganze Ohnmacht, was mich beugt und hemmt / bringe ich vor Dich  

Wandle sie in Stärke – Herr erbarme dich

Mein verlor'nes Zutrau'n, meine Ängstlichkeit / bringe ich vor Dich

Wandle sie in Wärme – Herr erbarme dich

Meine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit / bringe ich vor dich

Wandle sie in Heimat –  Herr, erbarme dich

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