Mein Kirchentag
Nachruf

Der Wunsch nach Freiheit

Hildegard Hamm-Brücher - die Aufrichtige, die Kämpferische, die Mutmacherin bis in die letzten Tage ihres Lebens hinein. Eine durchsetzungsstarke Prominente, die ihre Würde zu bewahren wusste, ihrer Zerbrechlichkeit im hohen Alter trotzte und bei alledem erfrischend unkompliziert war. Ein Nachruf

Von Ellen Ueberschär

Als wir Hildegard Hamm-Brücher schriftlich baten, für den Jubiläumsband zu 60 Jahren Kirchentag einen Beitrag zu verfassen, notierte sie auf den Brief: „Ja, das mache ich!“ und faxte ihn kurzerhand zurück an das Kirchentagsbüro. Dieser Beitrag nun ist ein lesenswertes Resümee ihrer wirkungsvollen Arbeit beim Kirchentag.

Ihre Annäherung an den Kirchentag begann in den späten 1950er Jahren und führte zu ihrer Wahl in das Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages im Jahr 1975, während sie beruflich und politisch auf dem Höhepunkt ihres Wirkens als Staatsministerin im Auswärtigen Amt stand.

Verantwortung im Aufschwung

Hildegard Hamm-Brücher übernahm Verantwortung im Präsidium in einer Zeit des Aufschwungs. Die Krise, in die der Kirchentag nach 1969 geraten war, löste sich gerade auf. Die in den 1970er Jahren erneuerte Attraktivität des Kirchentages war der Einführung eines Prinzips zu verdanken, das bis heute Kern des Selbstverständnisses der Kirchentagsbewegung ist und zugleich auf leidenschaftliche Unterstützung durch Hildegard Hamm-Brücher stieß: Das Prinzip der Partizipation.

Für die liberale Politikerin war Partizipation die bürgerschaftliche Seite der Demokratie. Ohne Partizipation konnte der demokratische Staat nicht funktionieren und in diesem Sinne etablierte sie auf dem Markt der Möglichkeiten, dem Aushängeschild partizipativer Kirchentagskultur ein Projekt: „Christen im Parlament“. 2009 schrieb sie rückblickend: „Politiker aus allen Parteien, Glaubens- und Unglaubensrichtungen beteiligten sich daran. Zeitweise gab es nicht nur großen Andrang, sondern auch deftige Diskussionen. Entscheidend aber war, dass die Teilnehmenden Politiker zum Ansprechen vorfanden.“

Die freiheitliche Grundlage

Frieden und Gerechtigkeit waren die Themen, mit denen die Kirchentage der späten 1970er, vor allem aber der 1980er Jahre groß wurden. Die Friedensdemonstrationen, die – unabhängig vom Präsidium – die Kirchentage der frühen 1980er Jahre so einprägsam werden ließen, wurden kontrovers diskutiert. In all diesen Diskussionen verlor Hildegard Hamm-Brücher die Basis jeder demokratischen Meinungsäußerung nicht aus dem Blick: ihre freiheitliche Grundlage.

Militanter Pazifismus war ihr ebenso suspekt wie die traditionelle Obrigkeitsnähe des deutschen Protestantismus. In einem Interview zu ihrem 88. Geburtstag resümierte sie: „Wer einmal die Erfahrung gemacht hat, dass Freiheit schrecklich missbraucht werden kann, der zittert, ob er überhaupt zurechtkommt mit ihr. Man muss begreifen, dass der Wunsch nach Freiheit die Triebfeder für ein anderes Leben ist, dann wird man sie auch schützen. Das Prinzip Verantwortung muss mit ihr zusammen erzogen und eingeübt werden.“

Ursachenforschung der NS-Zeit

Es war diese Triebfeder der Freiheit, die auch ihr Kirchentagsengagement steuerte. Durch alles, was sie auf dem Kirchentag initiierte, scheint hindurch, dass sie dort besonders viel Freude empfand und Erfolge ihrer Arbeit sah, wo sie junge Menschen mit ihrer Botschaft erreichte. So erinnerte sie noch 30 Jahre später die überwiegend jugendliche Zuhörerschaft, als sie 1987 auf dem Kirchentag in Frankfurt am Main über „Politische Tugenden in einer (noch) nicht gefestigten Demokratie“ sprach.

Zwei Jahre zuvor hatte Richard von Weizsäcker, ebenfalls Mitglied des Präsidiums, den 8. Mai einen Tag der Befreiung genannt. Im Juni 1987 illustrierte Hildegard Hamm-Brücher, die selbst unter der Verfolgung durch die Nationalsozialisten gelitten hatte, deren Name mit denen der Widerstandskämpferinnen der „Weißen Rose“ genannt worden war, dass die Ursachenforschung der NS-Zeit nicht am Ende, sondern an ihrem Anfang stand und dass auch der Protestantismus seinen Anteil am Unrechtsregime noch lange nicht aufgeklärt hatte.

Politisch Brisant

Sie selbst schätzte eine andere Rede als ihren „politisch brisantesten“ Beitrag auf Kirchentagen ein. 1997 hielt sie im Rahmen einer Veranstaltung der Aktion Sühnezeichen eine Rede zur „Entschädigung und Wiedergutmachung für NS-Verfolgte. Endlich Gerechtigkeit schaffen“. Mit diesem mutigen Vortrag brachte sie die Entschädigung von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiterin ins öffentliche Bewusstsein. Diese und weitere Aktivitäten mündeten in die Einrichtung eines Entschädigungsfonds durch die Bundesrepublik Deutschland und die deutsche Wirtschaft.

Der Kirchentag verdankt Hildegard Hamm-Brücher viel. Ihr Zugang zu schwierigen Themen, den sie mit „vernünftig, selbstkritisch, realistisch“ beschreiben konnte, hat die Kirchentagsbewegung in einer unruhigen Zeit vor Einseitigkeit und Selbstzufriedenheit bewahrt. Danke, Frau Hamm-Brücher!

Zur Autorin Ellen Ueberschär ist Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages.

Unser Foto zeigt Hildegard Hamm-Brücher mit Mitgliedern von Kollegium und Präsidium vor dem Kirchentagsbüro in Fulda im Jahr 1984

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