Logo Deutscher Evangelischer Kirchentag. Berlin/Wittenberg, 24.-28. Mai 2017
Mein Kirchentag
Anschläge von Paris

Der Traum von Europa

Die Anschläge von Paris haben Ellen Ueberschär erschüttert. In ihrem Text erklärt sie, wie und warum man jetzt über Religion reden sollte.

Am Freitag das Unfassbare – eine der vitalen Hauptstädte Europas, die traumhafte Metropole Frankreichs wird ein Ort des Wütens und der Angst. Eine Stadt im Ausnahmezustand, ein Kontinent im Trauma. Am Samstag schon wird das Ende des europäischen Traumes konstatiert. Der Bau von Zäunen und Stacheldraht war schon vor dem Pariser Inferno ein Vorbote, die Aussetzung des Schengen-Abkommens, das uns der Illusion hingeben ließ, in einem geeinten Europa zu leben, besiegelt das Sterben des Traums vom gesellschaftlichen Frieden.

Die gezielten Anschläge auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" und den jüdischen Supermarkt im Januar erscheinen heute wie ein Menetekel – die Handschrift, die noch größeres Unheil verheißt. Die rechtstaatliche Antwort, die das Gewaltmonopol des Staates wieder herstellt, muss erfolgen. Das zweite ist die politische Lösung der Krisen und Kriege im Nahen und Mittleren Osten. Aber was passiert darüber hinaus?

Schnell ist wiederum der Vorwurf herausgeholt, der Islam sei schuld; junge Muslime, die zu tausenden in den Banlieues westeuropäischer Hauptstädte sitzen und unsere freiheitlichen Gesellschaften hassen. Und noch schneller wird eine Verbindung hergestellt, die keine ist: Die Angst vor den Terroristen, die "Allahu Akbar" rufen, springt über auf Menschen, die hier Schutz suchen und zu tausenden vor der Gewalt des Krieges fliehen, die im Nahen Osten mit europäisch produzierten Waffen, durchaus auch made in Germany, ausgeübt wird. Menschen, verbal schon entpersonalisiert mit Zuschreibungen wie „Lawine“ und „Krise“, werden zu leiden haben unter den Folgen und Folgerungen der Angriffe. Als Christinnen und Christen, als Citoyens dieser Gesellschaft müssen wir uns dieser irrationalen Übertragung von Angst entgegenstellen.

Es ist falsch, den Mördern zu glauben, sie verehrten einen Gott. "Allahu akbar" ist ein Gebet, kein Aufruf zur Gewalt!

Es ist falsch, Religion pauschal als gewaltfördernd zu stigmatisieren und aus dem öffentlichen Leben herauszuhalten. Der französische Laizismus bietet keine Lösung für das Problem.

Es ist richtig, jetzt Flüchtlingskindern aus Afghanistan, aus dem Irak und aus Syrien einen aufgeklärten Religionsunterricht zu geben.

Es ist richtig, jetzt die Traumata, die Ohnmacht in ihren Herkunftsländern zum Thema zu machen, den Patriarchalismus und die strukturelle und familiäre Gewalt, vor allem gegen Frauen.

Es ist richtig, jetzt verschärft über Religion zu reden:

Was ist Religion, was bedeutet es, ein religiöser Mensch zu sein? Was sind die Grundlagen und was sind die Konsequenzen im ethischen Verhalten? Religionshass ist keine Antwort auf diesen Terror. Aber es reicht auch nicht, den interreligiösen Dialog zu beschwören. Wir müssen das Verhältnis von Religion und Gewalt zum Thema machen – noch mehr, als wir es auf dem Kirchentag im Sommer 2015 in Stuttgart getan haben.

Keine monotheistische Religion ist gewalttätig. Aber alle Religionen haben ein historisch-kontingentes Verhältnis zur Gewalt. Auch das Christentum hat eine jahrhundertelange Geschichte des religiösen Extremismus und der glaubensmäßig begründeten Gewalt hinter sich. Es hat aber auch eine Geschichte der Gewaltkritik, eine Geschichte des Friedens, der Friedfertigkeit hinter sich und lebt heute daraus.

Nein, der Traum von einem Europa, das durch Jahrhunderte blutiger Konflikte gegangen ist, religiös oder auch antireligiös begründet, ist nicht zu Ende. Ganz im Gegenteil: Dieser Traum lebt. Er hat seine Wurzeln in der biblischen Vision vom Frieden, vom Shalom. Es ist der einzige Traum, der bleibt, wenn sinnlose Opfer zu betrauern sind – so ist die Welt nicht gemeint. Gewalt wird nicht das letzte Wort haben:

Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen.
Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben,
und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.
Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen,
und niemand wird sie schrecken.
(Micha 4)

Diese Friedensvision hat den im letzten Jahrhundert den Eisernen Vorhang zu Fall gebracht. Sie wird auch die Kraft haben, dem Terror, der den Namen jeder Religion mit Blut tränkt, eine Antwort zu geben.

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