Mein Kirchentag
Bibelarbeit

Klugheit will erworben sein

Nicht oft enden Bibelarbeiten auf dem Kirchentag mit stehendem Applaus. Die Bibelarbeit von Erhard Eppler am 5. Juni erntete ihn gleich minutenlang. Der 88-jährige ehemalige Kirchentagspräsident verabschiedete sich in Stuttgart mit seiner Auslegung von Matthäus 25,1-13 von der Kirchentagsbühne.

Von Erhard Eppler

Eine Bibelarbeit ist meist der Versuch eines theologisch nicht vorgebildeten Christenmenschen, mit einem Bibeltext zurechtzukommen, ihn zu verstehen, ganz unabhängig davon, ob er ihm zusagt.

Zuerst möchte ich ein paar Worte zu unserer Losung sagen, die gewissermaßen die Folie ist, auf deren Hintergrund unsere drei Texte für die Bibelarbeiten stehen. Unsere Losung stammt aus dem 90. Psalm, einem Klagepsalm, der die Vergänglichkeit des Menschen mit vielen eindrücklichen Bildern beschwört und in die Bitte an Gott mündet: "Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen", wie Luther übersetzt hat, oder genauer "... dass unsere Tage gezählt sind, dass wir gut daran tun, sie zu zählen, auf dass wir klug werden". Was ist das für eine Klugheit, die uns zuwachsen kann, wenn wir uns klar darüber sind, dass wir ein "Gras" sind, "das am Morgen blüht und sprosst und das abends welkt und verdorrt"? Lassen Sie mich sprechen als das, was ich bin, ein alter Mann, ein fünffacher Uropa, der also wissen muss, dass seine Tage gezählt sind.

Was ist das für eine Klugheit, die aus diesem Wissen kommt? Die deutsche Sprache unterscheidet zwischen klug und gescheit. Wenn ein elfjähriges Mädchen schneller begreift als andere, besser im Kopf rechnen, ungehemmter englisch parlieren kann, dann sagen wir, es sei gescheit. Wir Schwaben haben da noch eine Besonderheit: "Des isch a Gscheidle." Die Verkleinerungsform "le", die schon leicht ironisch wirkt, wenn sie sich auf einen Studenten oder eine junge Frau bezieht, sorgt dafür, dass die Hauptsache offen bleibt. Ob nämlich aus dem munteren Gscheidle eine kluge Frau oder ein kluger Mann wird, bleibt offen. Wenn man die 40 hinter sich hat, ist "Gscheidle" kein Kompliment mehr.

Wenn wir so über uns Bescheid wissen, werden wir bescheiden. Wir sind alle sehr kleine Lichter, die rasch verlöschen. Vielleicht werden wir auch dankbar für das, was wir in unserem – in jedem Fall kurzen – Leben erfahren: das erste Lächeln eines Säuglings, Bachs Weihnachtsoratorium, die Akeleien im Garten oder die gemeinsame Kartoffelernte mit Kindern im Kindergartenalter, wenn der Uropa mit seiner Grabgabel die Knollen freilegt und die Kleinen sich fröhlich juchzend darauf stürzen. Das Leben bietet viel Schönes. Wir müssen es nur wahrnehmen. Wenn wir unsere Vergänglichkeit annehmen, wird es auch leichter, mit uns selbst Frieden zu schließen, zu unseren Stärken und unseren Schwächen zu stehen, nichts mehr zu spielen, was wir nicht sind. Daher ist die Klugheit, von der der Psalmist spricht, ein Feind der Eitelkeit. Und ich habe erlebt, dass Eitelkeit die gescheitesten Menschen scheitern lässt. Vielleicht macht das Bedenken, das der Psalmist fordert, auch nachsichtiger gegen andere, vorsichtiger bei Urteilen über andere, großzügiger im Übersehen von kleinen Bosheiten. Vielleicht entbindet dieses Wissen auch einen Humor, der nicht nur trotzdem, sondern auch über sich selbst lacht.

Klug in diesem Sinne kann eine alte Bäuerin sein, aber keineswegs jeder brillante Professor. Der Psalmist redet auch nicht vom Klugsein, sondern vom Klugwerden. Mit einer gewissen Intelligenz kann man geboren werden. Klugheit will erworben sein, erlernt, erarbeitet.

Die Parabel nacherzählt

Und nun lassen Sie uns an unseren Text, die Parabel von den törichten und den klugen Jungfrauen, gehen. Ich lese die Lutherübersetzung in der revidierten Fassung von 1984:

"Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen. Aber fünf von ihnen waren töricht, und fünf waren klug. Die törichten nahmen ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit. Die klugen aber nahmen Öl mit in ihren Gefäßen, samt ihren Lampen. Als nun der Bräutigam lange ausblieb, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein. Um Mitternacht aber erhob sich lautes Rufen: 'Siehe, der Bräutigam kommt! Geht hinaus, ihm entgegen!' Da standen diese Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen fertig. Die törichten aber sprachen zu den klugen: 'Gebt uns von eurem Öl, denn unsre Lampen verlöschen.' Da antworteten die klugen und sprachen: 'Nein, sonst würde es für uns und euch nicht genug sein; geht aber zum Kaufmann und kauft für euch selbst.' Und als sie hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit, und die Tür wurde verschlossen. Später kamen auch die andern Jungfrauen und sprachen: 'Herr, Herr, tu uns auf!' Er antwortete aber und sprach: 'Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.'"

Die Parabel von den klugen und törichten Mädchen – wir müssen uns ziemlich junge, aber heiratsfähige und wohl auch heiratswillige Mädchen vorstellen – ist ziemlich einfach. Da sind also zehn Mädchen zu einer Hochzeit eingeladen, sie sollen den Bräutigam begleiten, wahrscheinlich auf seinem Weg vom Haus der Braut, die allerdings im Text gar nicht auftritt, in das Haus des neuen Paares. Da dies bei Nacht geschieht, haben sie Fackeln bei sich, die mit Öl gespeist werden. Fünf von ihnen haben zusätzlich noch eine Ölreserve bei sich, für den Fall, dass der Bräutigam sich verspätet. Das tut er, offenbar ausgiebig und rücksichtslos, sodass alle zehn Mädchen über das Warten einschlafen. Vielleicht könnten wir hier einschalten, dass bei diesem stundenlangen Warten die klugen nicht auf die Idee kommen, die weniger klugen zu fragen, ob sie auch eine Reserve bei sich haben. Denn zu dieser Zeit hätten die angeblich törichten ja noch Öl einkaufen können. Die klugen wie die törichten denken offenbar nur an die Hochzeit – und an sich.

Geweckt werden alle zehn Mädchen, als der Bräutigam sich ankündigt. Erst jetzt fällt es den leichtsinnigen ein, die vorsorglichen um etwas Öl zu bitten. Sie bekommen die Antwort: "Nein, sonst reicht es für beide nicht." Ob diese Antwort stimmt, sagt der Text nicht. Aber sie ist schwer widerlegbar. Also gehen die klugen mit dem Bräutigam zur Hochzeit, die törichten werden, als sie mit ihrem Öl und mit deutlicher Verspätung vom Kaufmann kommen, ausgerechnet vom Bräutigam abgewiesen, mit der harten, wohl auch wahrheitswidrigen Bemerkung: "Ich kenne euch nicht!" Er kennt sie wohl, er will sie nicht kennen.

Aus vielen Auslegungen, die ich mir angesehen habe, weiß ich: Man kommt um alle Schwierigkeiten herum, wenn man in die Allegorie ausweicht, wenn man also das Öl für die Fackeln als Bild für den Glauben oder gar den Heiligen Geist versteht: Den einen ging der Glaube, den sie immerhin lange Zeit hatten, aus, den anderen nicht. Darum hat der Bräutigam – und das war der wiederkehrende Christus – die einen mit zur Hochzeit genommen, die anderen schroff abgewiesen. Meine Schwierigkeit bestand nur darin, dass hier nur vom Öl die Rede war, nicht vom Glauben.

Wer ist klug, wer ist töricht?

Bleiben wir also einfach beim Text. Beide Übersetzungen beginnen mit dem Wörtchen dann. Dieses Wörtchen dann muss sich beziehen auf das, was vorher geschehen sein muss, was vielleicht im Kapitel 24 des Matthäusevangeliums steht. Wir müssen also darauf zurückkommen.

Nach diesem dann kommt ein Satz, den wir nur begreifen können als nicht ganz gelungene Überschrift über die ganze Parabel. Bei Luther: "Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Jungfrauen." Vielleicht lässt sich über das Himmelreich nur in Gleichnissen reden. Aber dieses? Wenn wir uns dadurch nicht verwirren lassen wollen, müssen wir gespannt sein auf das, was kommt. Aber da kommt nur, was die zehn Mädchen tun: "… die ihre Lampen (Fackeln) nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen." Wird hier das Himmelreich offenbar mit einer Hochzeit verglichen? Das könnte einleuchten. Was diese zehn Mädchen mit dem Reich zu tun haben, um dessen Kommen wir täglich beten, wissen wir immer noch nicht, wohl aber, dass sie damit zu tun haben. Geht es um den Zugang zu diesem Reich?

Verglichen mit den wunderbaren Geschichten und Gleichnissen, die Jesus uns erzählt hat, müssen wir uns erst mühsam zurechtfinden. Da ist eine Hochzeit, aber keine Braut. Die zehn Mädchen warten auf den Bräutigam, aber wir wissen nicht wo. Nach jüdischer Sitte wird die Braut aus ihrem Elternhaus vom Bräutigam abgeholt und zu seinem Haus geführt, in das Haus des neuen Paares, wo auch die Hochzeitsnacht verbracht wird. Dann haben die zehn Mädchen wohl vor dem Haus der Braut gewartet und fünf davon haben dann das Paar zum Haus des Bräutigams begleitet. Aber im Text bleibt offen, wo die Mädchen gewartet und – alle miteinander – geschlafen haben. Offenbar ist dies dem Erzähler nicht so wichtig. Worauf es ihm ankommt, ist die Moral von der Geschichte. Und die kommt sofort, ehe wir wissen, wie sie begründet ist: "Aber fünf von ihnen waren töricht, und fünf von ihnen waren klug."

Das ist, man verzeihe, wenn ein Laie dies sagt, ganz unjesuanisch. Jesus, der nach Matthäus hier spricht, ist bei seinen großen Gleichnissen ganz anders verfahren. Er hat erzählt, wunderbar konkret aus dem Leben von Weinbauern, Händlern, Zöllnern, vom verlorenen Sohn, den sein Vater trotz allem immer noch geliebt hat und dessen jammervolle Heimkehr er feiern ließ, vom barmherzigen Samariter, der genau so geholfen hat, wie es nötig und richtig war. Die Moral von der Geschichte hat Jesus meist seinen Hörern überlassen. Und hier soll er schon ein Urteil über ein paar aufgeregte, vielleicht auch überdrehte Mädchen gefällt haben, ehe er erzählt warum?

Jesus hat durchaus gewusst, dass, wer mit der Moral von der Geschichte anfängt, die Spannung vermindert. Bleibt ja nur noch zu erfahren, wie die Klugen belohnt und die Törichten bestraft werden. Aber gerade weil hier das Urteil schon vor der Erzählung kommt, regt sich bei mir der Widerspruch oder doch zumindest die Frage: Worin besteht denn nun die Klugheit der einen und die Torheit der anderen?

Alle zehn haben sich auf die Hochzeit gefreut. Alle zehn wollten wahrscheinlich wissen, was die Braut anhat, ob der Bräutigam stattlich, sympathisch aussieht. Alle zehn sind aufgeregt, haben viel gelacht, auch gehofft, neue Bekanntschaften zu machen. Vielleicht hofften sie auch, vom Verhalten der Braut einiges lernen zu können für den Tag, an dem sie selbst heiraten würden. Und niemand hätte ihnen all dies übel nehmen können. Der einzige Unterschied bestand darin, dass die einen für alle denkbaren Fälle vorgesorgt hatten, die anderen nicht. Sie hatten vielleicht gehofft, schon aus Rücksicht auf die Braut müsse der Bräutigam pünktlich sein. Aber das ist vielleicht zu modern gedacht.

Eine unjesuanische Geschichte

Sogar wenn man die Vor-Sicht, die Vor-Sorge, das Bedenken aller Möglichkeiten klug nennen will, was ist dies dann für eine Klugheit? Sicher nicht die, von der der Psalmist spricht. Es ist der Wille, auf alles vorbereitet zu sein, nichts dem Zufall zu überlassen, die eigene Aufgabe unter allen Umständen perfekt zu erledigen. Damit kann man weit kommen, auch in unserer Erfolgsgesellschaft. Das ist nicht nichts. Aber eben: Diese perfekte Vorbereitung, dieses sicher ist sicher kann auch für Unternehmungen dienen, die keineswegs so ehrenhaft sind wie unsere Hochzeit, etwa für einen Wohnungseinbruch. Die fünf Klugen sind die fünf Tüchtigen, Verlässlichen. Reicht dies aus dafür, dass die einen angenommen, die anderen verstoßen werden, zumal es um junge Mädchen geht, die zu einer Hochzeit geladen sind und die alles Mögliche bewegt, denen alles Mögliche vorschwebt, nur nicht ein Bräutigam, der sie – und damit doch wohl auch seine Braut – stundenlang warten lässt. Sicher, die Vorsorglichen bekamen Recht, die Sorglosen kamen zu spät. Und wer zu spät kommt ... – darüber haben wir Deutschen in den letzten Jahrzehnten gerne philosophiert, angeregt von einem russischen Staatsmann.

Jedenfalls, nehmen wir die Parabel von den zehn Mädchen, wie sie ist, fügen nichts hinzu und streichen nichts ab, dann kann ich einen bedeutenden intellektuellen oder gar moralischen Unterschied zwischen den Klugen und den Törichten nicht erkennen. Und wenn wir uns an das erinnern, was das Neue Testament sonst über Jesus berichtet: Er hat Schlimmeres vergeben als das, was die fünf schusseligen Mädchen verbrochen haben.

Ich habe jedenfalls gelegentlich über die Worte Jesu nachgedacht, in denen er die Vögel unter dem Himmel preist. "Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen. Und unser himmlischer Vater nähret sie doch!" (Mt 6,26). Oder an den erstaunlichen Rat: "Sorget nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass ein jeder Tag seine eigene Plage hat" (Mt 6,34). Das ist ein sehr weltliches Plädoyer für das, was wir ein gelassenes, entspanntes Gottvertrauen nennen könnten. Und lässt sich eine kindliche, noch nicht ganz bewusste Form des Gottvertrauens nicht auch bei den fünf Ausgesperrten vermuten? Sicher, die Perfektionisten unserer Erfolgsgesellschaft reden da eher von Wurstigkeit. Aber sie berufen sich auch nicht auf Jesus.

Was mich dabei besonders irritiert, ist der Umstand, dass – falls wirklich Jesus selbst die Geschichte erzählt haben sollte – er am Ende von sich selbst redet. Denn darin stimmen die Interpreten überein: Der Bräutigam steht für den wiederkehrenden Christus. Der irdische Jesus beschreibt also den wiederkehrenden Christus, und der historische Jesus tut dies so, dass er ihn zum gnadenlosen Richter macht über fünf junge Mädchen, die sich eben so verhalten haben, wie aufgeregte, erwartungsvolle, ein bisschen überdrehte Mädchen sich manchmal verhalten. Wenn ich am Stil der Erzählung ablese, dass Jesus so nie geredet hat, dann zeigt der erbarmungslose Schluss einen Christus, der auch in seinem Handeln wenig zu tun hat mit dem Jesus, der die Ehebrecherin vor den Steinen ihrer Peiniger rettet, übrigens nach langem Schweigen und mit der Aufforderung: "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein." Und ausgerechnet dieser Jesus kündigt den erbarmungslosen Christus an.

Worin besteht nun die Klugheit der klugen Mädchen? Sie besteht einzig darin, dass sie für alle Fälle vorgesorgt haben. Sie wussten so wenig wie die törichten, dass der Bräutigam sich verspäten würde, aber sie konnten es auch nicht ausschließen. Also haben sie eine Ölreserve mitgenommen. Das war vorsichtig, umsichtig, vorsorglich, lebenstüchtig, vielleicht gewissenhaft und, wenn man so will, auch klug. Aber es war eine ganz andere Klugheit als die, welche der Psalmist meint. Es war die Klugheit, die im Alltag erfolgreich macht. So wie die klugen Mädchen kommt man im Leben weiter. Aber diese Art von Klugheit ist auch vereinbar mit Karrierismus, Geldgier, sogar mit Betrug. Auch wer dieser Einschätzung nicht folgen kann, wird mir zustimmen, dass die Klugheit der Mädchen nichts, wirklich nichts zu tun hat mit der Klugheit, die der Psalmist meint. Was sie verbindet ist allenfalls, dass beide Klugheiten mit dem Intelligenzquotienten nichts zu tun haben.

Nun werden Sie mir vorwerfen, so gehe man mit Bibeltexten nicht um. Dafür habe ich Verständnis. Daher habe ich mich, nachdem mich meine Interpretation zu dem Schluss gebracht hatte, diese Parabel könne so nicht von Jesus selbst stammen, in der theologischen Literatur umgesehen. Dabei habe ich festgestellt, dass eine eindrucksvolle Schar bedeutender Theologen zum selben Schluss gekommen ist.

Denn was ich als Nichttheologe getan habe, war etwas ganz Einfaches, Elementares: Ich habe mein Jesusbild verteidigt. Der Jesus, der mich zum Glied meiner Kirche gemacht hat, kann so nicht geredet und gehandelt haben. In Form und Inhalt widerspricht diese Parabel meinem Bild des Jesus von Nazareth, der auszog, das Reich seines väterlichen Gottes zu verkünden, der uns das Vater unser gelehrt hat und wohl schon früh wusste, dass er dafür mit dem Leben bezahlen musste.

Ich habe zu Beginn das Wörtchen "dann" erwähnt, mit dem unser Text beginnt. Wir werden sehen, wie wichtig es ist. Und wie unsere Parabel noch einen Sinn bekommt, wenn wir es ernst nehmen.

Die Bedeutung des Wortes "dann"

Matthäus kommt aus einer judenchristlichen Gemeinde, und offenbar aus einer, die nicht lange vor der Niederschrift des Matthäusevangeliums mit der Synagoge, also der jüdischen Religion, gebrochen hat. So ist das ganze Kapitel 23 eine leidenschaftliche, zornige Abrechnung mit den Pharisäern und Schriftgelehrten, deren Autorität man nun nicht mehr anerkennt. Der immer wiederkehrende Vorwurf ist die Heuchelei. Die Gemeinden, die wie die des Matthäus aus dem Judentum kamen, hatten daher nicht nur die Verfolgung durch die römischen Behörden durchzustehen, sie wurden auch von den meisten Juden als Abtrünnige behandelt.

Das Matthäusevangelium ist nach dem Jahre 70 nach Christus, also nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch die Römer verfasst worden. Matthäus weiß vom Ende des Tempels, der für die Juden das wichtigste Zeichen ihrer nationalen Identität war. Für ihn waren die Ruinen des Tempels Vorboten der Endzeit. Das ganze 24. Kapitel seines Evangeliums hat nur zwei Themen: die Bedrängnis durch die Christenverfolgung und die Hoffnung auf deren definitives Ende durch die Wiederkunft Christi.

Die frühen Christen waren so etwas wie Freiwild. Man konnte sie im Zirkus den wilden Bestien zum Fraß vorwerfen. Viele zogen diesen schauerlichen Tod einer Verleugnung ihres Glaubens vor. Matthäus 24,13: "Dann werden sie euch der Bedrängnis preisgeben und euch töten. Und ihr werdet gehasst werden um meines Namens willen von allen Völkern." – Also auch von den Juden. – "Dann werden viele abfallen und werden sich untereinander verraten und werden sich untereinander hassen."

Das war die Wirklichkeit der christlichen Gemeinden gegen Ende des ersten Jahrhunderts. Was sie durchhalten ließ, was ihnen Kraft gab, war die Hoffnung auf Christi Wiederkunft, das zweite große Thema des 24. Kapitels, unmittelbar vor unserer Parabel. "Sogleich aber nach der Bedrängnis jener Zeit wird die Sonne sich verfinstern und die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und dann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohns am Himmel. Und dann werden wehklagen alle Geschlechter auf Erden und sehen den Menschensohn kommen auf den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit. Und er wird seine Engel senden mit hellen Posaunen und sie werden seine Auserwählten sammeln von den vier Winden, von einem Ende des Himmels bis zum andern." (Mt 24,29-31)

Was hier mit den umwerfenden Bildern aus einem uns fernen Weltbild angekündigt wird, ist so etwas wie die totale Revolution. Wer vorher die Auserwählten bedrängt und gejagt und getötet hat, wird wehklagen, wenn der Menschensohn kommt. Und die Engel des Herrn werden die sammeln, die in aller Bedrängnis treu geblieben sind. Wer eine solche Hoffnung hat, dem fließen Kräfte zu, die alle Not überwinden.

Bleibt die Frage, wann dies geschieht. Sie trieb die Christen um. Darauf gibt Vers 34 des 24. Kapitels eine erste, beruhigende Antwort: "Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht." In dieser Generation also wird der Menschensohn kommen. Aber der genaue Zeitpunkt bleibt ungewiss. Nicht einmal Jesus selbst weiß ihn. In Matthäus 24,36 sagt Jesus: "Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater." Auch Jesus, der nach Matthäus hier selbst seine Wiederkehr ankündigt, kann keinen Zeitpunkt nennen.

In Vers 42 ermahnt Jesus die Gemeinde: "Darum wachet, denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt." Und in Vers 22: "Darum seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr’s nicht meint."

Darauf also bezieht sich das Wörtchen dann. Dann, wenn alle jeden Augenblick die Wiederkunft Christi erwarten, erwarten müssen und damit das Ende aller Verfolgung und den endgültigen Sieg der Verfolgten.

Was bewegt uns hier und heute?

Nun kann man auch die Frage stellen, ob der historische Jesus so über die Wiederkunft des auferstandenen Christus geredet hat. Keinem Zweifel unterliegt, dass die Urgemeinde Gründe dafür hatte, die Wiederkunft Christi zu erwarten, und zwar noch in ihrer Generation, aber ohne den Zeitpunkt zu kennen. Sicher ist auch, dass die geplagten, verfemten, gejagten Christengemeinden zur Zeit des Matthäus in der Wiederkunft des Menschensohns ihre einzige Chance sahen. Diese Gemeinden lebten von der Hoffnung, dass der wiederkommende Christus sie erretten, aufrichten, rechtfertigen, erhöhen werde. Sie fieberten dem Tag und der Stunde entgegen, die sie nicht kannten und die einfach nicht kommen wollte. Bis heute.

Dass da Wachsamkeit angesagt war, und zwar immer, leuchtet unmittelbar ein, denn der Herr konnte ja gerade dann kommen, wenn nichts darauf hindeutete. Matthäus war sicher nicht der Einzige, der die Wachsamkeit predigte. Und zu seiner Predigt gehört die Geschichte von den zehn Jungfrauen. Nicht alles, was wir daran nicht ganz stimmig fanden, wird dadurch sinnvoll, aber das Vergehen der törichten Mädchen bekommt ein ganz anderes Gewicht. Sie warteten nicht auf irgendeinen Bräutigam, dessen Braut unsichtbar blieb; es ging um die letzte Hoffnung der frühen Christen, von der bekannt war, dass sie kommen werde, möglicherweise genau dann, wenn niemand sie erwartet. Da mussten die Wartenden wirklich auf alles vorbereitet sein. Und wer dies nicht begriff, musste naiv, leichtsinnig, unzuverlässig, töricht sein. Es ging nicht um ein mehr oder weniger gelungenes Hochzeitsfest, sondern um die Fortexistenz der christlichen Gemeinde, für viele um Leben und Tod.

Man mag darüber streiten, ob das Gleichnis dann wirklich passt, ob es nicht eher verharmlosen muss, worum es der frühen Gemeinde geht. Aber dass Matthäus wusste, warum die fünf schusseligen Mädchen so hart bestraft werden mussten, müssen wir ihm zugestehen. Wo und wie Matthäus an die Geschichte von den zehn Jungfrauen kam, wissen wir nicht. Vielleicht hat Jesus in irgendeinem Zusammenhang wirklich einmal etwas Ähnliches erzählt. Jedenfalls: Das, was wir in den ersten 13 Versen des 25. Kapitels bei Matthäus lesen, bezieht sich auf die Naherwartung der Wiederkunft Christi, die Matthäus bei seinen Zuhörern voraussetzen konnte, die aber uns im Jahr 2015 nicht bewegt, die, wenn wir ehrlich sind, für unser Leben und sogar für unser Christsein kaum etwas bedeutet. Wir sprechen zwar im apostolischen Glaubensbekenntnis nach, was für Christen vor bald 2.000 Jahren die Hoffnung schlechthin war, "von dannen er wiederkommt zu richten die Lebenden und die Toten". Aber bewegt uns das hier und heute?

Was Matthäus uns da erzählt, war für ihn und seine Zuhörer zwar nicht eine Beschreibung des Himmelreichs oder auch der gerechten Welt Gottes, wohl aber ein Bild für den Weg dahin, und zwar aus der äußersten Not. Er führte vor etwa 1.900 Jahren über die stete, unausgesetzte Wachsamkeit und dann über die Wiederkunft des Herrn.

Dann, um dieses wichtige Wörtchen noch einmal zu zitieren, wird die Parabel von den zehn Mädchen zwar nicht so stimmig wie die großen Gleichnisse Jesu, denn sie spiegelt ja nicht die tödliche Gefahr, in der die Gemeinden die Wiederkunft Christi herbeisehnten, aber es wird doch klar, was das Vergehen der fünf Törichten war: Sie haben, obwohl sie, wie alle anderen, wussten, dass der Herr jeden Augenblick kommen konnte und wohl genau dann kommen würde, wenn niemand es erwartet, trotzdem nicht vorgesorgt. Natürlich haben die Zeitgenossen des Matthäus die Parabel ganz anders gehört als wir. Sie haben sicher auch nicht eingewandt, was sie erlebten, erduldeten und erhofften, sei mit dem Bild einer Hochzeit nicht ganz getroffen. Sie füllten die Parabel mit ihren Ängsten und ihren Hoffnungen. Und so hat sie Matthäus auch aufgeschrieben. Dass wir, 1.900 Jahre nach Matthäus, anders an den Text herangehen, ist nicht nur unser Recht, sondern einfach unsere Aufgabe als Spätgeborene. Ganz sicher ist dieser Text kein Anlass, unser Jesusbild zu revidieren.

Natürlich, wir hätten auch in die allegorische Auslegung ausweichen können. Wenn mit dem Öl der Glaube oder gar der Heilige Geist gemeint sein sollte, bliebe ja immer noch die Frage, ob wir denn unseren Glauben oder gar den Heiligen Geist ansparen, horten können, sodass immer noch eine Reserve übrig ist.

Vielleicht ist meine philologische Ausbildung daran schuld, dass ich den Weg gewählt habe, den Sie nun bedenken und beurteilen müssen. Was ich Ihnen vorgetragen habe, ist sicher nicht die volle Wahrheit, es ist das Protokoll der harten Arbeit eines alten Mannes, der es dem Evangelisten Matthäus nicht übelnimmt, wenn dieser seinen Herrn Jesus eine nicht ganz gelungene Parabel vortragen lässt. Aber ich wage die Hoffnung, dass der kluge Matthäus eher schmunzeln als schimpfen würde, wenn er meine Arbeit zu Gesicht bekäme.

Wir sind nicht, wir werden klug

Liebe Freundinnen und Freunde des Kirchentages, erlauben Sie mir noch eine persönliche Schlussbemerkung. Dies war wohl mein letzter Beitrag zu einem Kirchentag. Beim nächsten Kirchentag in Berlin werde ich, wenn ich noch lebe, den 90. Geburtstag hinter mir haben, und da reist man nicht mehr gern.

Heute denke ich zurück an meinen ersten Beitrag zu einem Kirchentag in Hannover 1967, also vor 48 Jahren. Ich musste über Vorurteile reden. Dabei habe ich mich festgebissen an einem Bonhoefferwort, das auch zur Losung unseres Kirchentages passt. Es stammt aus einem Brief kurz vor seiner Verhaftung, also von der Jahreswende 1942/43: "Dummheit ist kein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt." Also hat die Dummheit, die Bonhoeffer meint, offenbar etwas mit der Klugheit gemein, die der Psalmist meint: Beide sind keine intellektuelle Leistungsfähigkeit, weder dürftige und noch beachtliche, sondern ein menschlicher Zustand, eine menschliche Haltung, eine Errungenschaft. Der Psalmist redet, wie gesagt, auch nicht vom Klugsein, sondern vom Klugwerden. Bonhoeffer meint, dumm werde man gemacht, genauer: man lasse etwas mit sich machen, was dumm macht. Man ist für Dummheit verantwortlich. Da hatte er wohl die Juristen des NS-Staates vor Augen, die Funktionäre der Partei, die intellektuell durchaus beweglich und, wenn man so will, auch fähig waren, aber sie hatten sich dumm machen lassen. "Der Dumme ist im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden" , schreibt Bonhoeffer. Der Dumme stellt sich nicht in Frage, er neigt sogar zur Eitelkeit. Was zu seiner Ideologie, seinen Vorurteilen, auch zu seinem Selbstbild nicht passt, wehrt er ab, notfalls sogar aggressiv. Es dringt nicht bis zu ihm vor. Dankbarkeit ist ihm fremd. Was er bekommt, steht ihm zu. Bekommt er es nicht, fordert er es ein. Er hat immer ein gutes Gewissen. Was es Schlimmes gibt, ist draußen, bei den anderen. Wären alle so wie er, gäbe es keine Probleme. Die kommen von den Juden, den Russen, den Kommunisten.

Das ist alles nicht angeboren wie vielleicht der Intelligenzquotient. Der Psalmist sagt uns, wie wir klug werden. Bonhoeffer hatte es mit Menschen, wohl vor allem solchen, die ihn schikanierten, zu tun, die sich dumm machen ließen und wohl dann auch andere dumm machten. Wenn dies stimmt, dann bekommt das, was wir Erziehung nennen, eine ganz neue Bedeutung, genauer: das, was uns erzieht, und das sind ja nicht nur unsere Eltern, nicht nur unsere Lehrerinnen und Lehrer. Das sind unsere Medien, der Umgangston in unseren Büros und Fabriken, unser einseitiger Leistungsbegriff, all das, was ich unsere Erfolgsgesellschaft nenne, die sich als Leistungsgesellschaft ausgibt.

Sie alle haben Einfluss darauf, ob wir schließlich mit dem menschlichen Defekt herumlaufen, den Bonhoeffer Dummheit nennt, oder ob wir jedes Jahr ein kleines bisschen klüger werden. Wenn wir das wissen, dann können wir abwägen: Ist dies ein Film, der uns klüger machen könnte, oder einer, mit dem schlaue Leute Geld verdienen wollen, indem sie uns dümmer machen? Wie, mit welchen Erwartungen und Hoffnungen müssen wir ins Stadion gehen oder den Fernseher einschalten, um ein Fußballspiel anzusehen, eine der schönsten Sportarten, welche die Menschen – beinahe hätte ich gesagt: die Briten – erfunden haben? Jedenfalls bleibt die letzte Verantwortung dafür, ob wir klüger oder dümmer werden, bei uns selbst.

Wahrscheinlich wird es nie Einigkeit darüber geben, was uns klüger, was uns dumm macht. Aber eine Diskussion darüber könnte unserer Gesellschaft, die ich für eine Erfolgsgesellschaft halte, nicht schaden.

Wir sind nicht, wir werden klug oder dumm, wir lassen uns klug oder dumm machen. Wir werden klug, wenn wir alles tun, um uns nicht dumm machen zu lassen. Wir werden klüger, wenn wir mit unserer Eitelkeit fertig werden, wenn wir uns anderen Menschen zuwenden, wenn wir unsere Grenzen, die geistigen und die physischen, erkennen und anerkennen, nicht nur die Grenze unserer Endlichkeit, unserer Vergänglichkeit, auch die unserer Fähigkeiten. Und wir werden klüger, wenn wir wachsam sind gegen alles, was uns dumm machen könnte. Wenn wir es schließlich sogar merken, spüren, wenn wir auf dem Weg sind, dümmer zu werden. Und das ist heute nicht wenig. Man kann ganz schön Geld verdienen, indem man Menschen dumm macht. Das kann mit Werbung geschehen, mit einer Zeitung, mit einer Ideologie, einem Fernsehsender, mit einer Firma. Das Klugwerden, um das es diesem Kirchentag geht, ist heute trotz Internet nicht leichter als vor 2.000 Jahren.

Zum Autor: Erhard Eppler ist SPD-Politiker, war Kirchentagspräsident der Kirchentage 1983 und 1991 und prominenter Vertreter der Friedensbewegung.

Zum Text: Erhard Epplers Bibelarbeit ist erschienen im Taschenbuch "damit wir klug werden", das die wichtigsten Texte des Stuttgarter Kirchentages enthält. Es ist im KirchentagsShop erhältlich.

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