Logo Deutscher Evangelischer Kirchentag. Berlin/Wittenberg, 24.-28. Mai 2017
Mein Kirchentag
Interview

Dabei sein ist alles!

International und ökumenisch werden 500 Jahre Reformation gefeiert. Welche Botschaften von diesem evangelischen Großereignis ausgehen, darüber sprechen Margot Käßmann und Christina Aus der Au.

Eine Botschafterin der EKD für das Reformationsjubiläum und eine Präsidentin des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentages, zwei der wichtigsten repräsentativen Ämter im Jahr des Reformationsjubiläums – haben die unterschiedlichen Bezeichnungen Auswirkungen auf das Verständnis Ihrer Aufgabe?

Christina Aus der Au: Das war mir bisher nicht so bewusst, denn wir sind beide mit derselben Botschaft unterwegs: Die Reformation findet heute und hier statt. Wir wollen wachrütteln, zum Nachdenken anregen – wir arbeiten somit von zwei Seiten auf dasselbe Ziel hin, von daher macht das keinen Unterschied, außer dass ich ehrenamtlich tätig bin.

Margot Käßmann: Und ich hauptamtlich. Aber gerade diese Repräsentanz von Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen spielt eine wichtige Rolle 2017. Für mich ist es ein historisch bedeutsamer Moment, dass Kirchentag als Laienbewegung und die EKD als verfasste Kirche bei den Feierlichkeiten zum 500. Reformationsjubiläum so gut zusammenarbeiten.

Zwei Frauen an der Spitze, das ist für Kirche nicht gerade bezeichnend. Hat das für Ihre Arbeit eine Bedeutung?

Christina Aus der Au: Ich bin zwar nicht die erste Frau als Präsidentin des Kirchentages, aber es ist gut, dass gerade im Reformationsjahr eine Frau als Repräsentantin den Kirchentag vertritt, denn Frauen kommen in der Geschichte der Reformation meist zu kurz, obwohl sie viel bewegt haben. Aber für mich ist es fast noch bedeutender, dass ich die erste nichtdeutsche Kirchentagspräsidentin bin und eben auch nicht lutherisch, sondern reformiert, das gibt noch mal eine ganz neue Perspektive.

Margot Käßmann: Mir war es wichtig, gerade als Frau ein solches Amt innezuhaben, denn wir haben alle Bilder im Kopf von dem, was Kirche ist, und bei vielen sind diese sehr männlich dominiert. Und dass die evangelische Kirche aus der reformatorischen Tradition heraus gesagt hat, alle Getauften können Priester, Bischof, Papst sein, bedeutet ja, dass Frauen alle Ämter wahrnehmen können. Das ist ein besonderes Kennzeichen der reformatorischen Kirchen. Allerdings merke ich insbesondere im Ausland, dass das für viele eine neue Erfahrung ist und für Frauen sehr ermutigend.

Die größten Ereignisse stehen kurz bevor, das bedeutet eine Fülle an Terminen. Wie sieht Ihr Zeitplan aus?

Margot Käßmann: In diesem Jahr haben die Termine noch mal mächtig zugenommen. Bis April gibt es viele Einladungen und Reisen, ab Mai werde ich dann fast durchgängig in Wittenberg sein, weil ich als Vorsitzende der Projektleitung für die Weltausstellung vor Ort präsent sein möchte. Der Kirchentag hat Vorschläge gemacht, wie die verschiedenen Einladungen am sinnvollsten angenommen werden können. So bin ich Donnerstag in Berlin, aber die anderen Tage bin ich in den Kirchentagstädten auf dem Weg, in Magdeburg, Weimar und Erfurt am Freitag, in Halle, Leipzig und Wittenberg am Samstag.

Wie geht es Ihnen mit Ihrer Aufgabe als Kirchentagspräsidentin?

Christina Aus der Au: Anfangs konnte ich mir gar nicht vorstellen, was da auf mich zukommt. Aber ich bin in die Aufgabe hineingewachsen und lerne von den Menschen, denen ich begegne und die mich begleiten. Und es wäre nicht zu schaffen ohne ein Team von Menschen, die mich unterstützen, die mitplanen, die auch Feedback geben, die Reden vorskizzieren. Es macht viel Spaß, ist aber auch anstrengend.

Große Fußstapfen

Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Christina Aus der Au: Am erstaunlichsten finde ich die Geschichte des Kirchentages, es ist wirklich unglaublich, welche große Rolle der Kirchentag seit 1949 in Deutschland spielt und wie prägend er ist, auch mit seinen Persönlichkeiten. Dass ich in diese Fußstapfen treten soll, davor hatte ich anfangs doch einigen Respekt. Aber der Kirchentag lebt nicht von einer Person allein, sondern von der Bewegung, man wird getragen und stößt offene Türen auf. Auch dort, wo man es vielleicht nicht erwartet, bei Menschen aus Politik und Wirtschaft, die auf einmal bereit sind, etwas mit dem Kirchentag auf die Beine zu stellen, das freut mich immer wieder.

Was hat den Beginn Ihrer Amtszeit geprägt?

Margot Käßmann: 2012 war es noch ein bisschen unklar, ob das Ganze nicht doch ein Luther-Gedenktag oder Lutherfestival wird. Sehr hilfreich war der Kongress 2013, zu dem der Schweizerische Evangelische Kirchenbund und die EKD alle ihre Partnerkirchen eingeladen haben. Das Reformationsjubiläum wurde als gemeinsame Chance erkannt und zum gemeinsamen Projekt gemacht. Dass wir es international ausrichten, ist jetzt schon ein Riesenerfolg – dazu gehört zum Beispiel der Europäische Stationenweg mit dem Reformationstruck.

Christina Aus der Au: Ja, der Truck ist wirklich enorm wichtig. Er nimmt die Fäden der Reformation auf, 68 Stationen in 19 europäischen Ländern, das ist ein tolles Projekt. Und jeder Ort hat seine eigene Geschichte zur Reformation, die er dem Truck mitgeben kann für die Weltausstellung in Wittenberg. Die Verbindung mit den Städten in Europa zeigt, wie vielfältig die Reformation ist und dass alle daran beteiligt sind. Es ist schon jetzt eine fröhliche und ansteckende Feier, auch gemeinsam mit Katholikinnen und Katholiken. Wir feiern mit diesem Jubiläum nicht die Spaltung, sondern den gemeinsamen Weg in aller Verschiedenheit.

Margot Käßmann: Dass wir das Reformationsjubiläum so international und ökumenisch ausrichten, ist wirklich besonders und hat es zuvor so noch nie gegeben.

Internationales Interesse

Sie haben beide schon viel erlebt auf dem Weg zum Reformationssommer, was waren Ihre ganz persönlichen Höhepunkte?

Margot Käßmann: Mich hat sehr gefreut, wie viele Menschen mich eingeladen haben, ob Kirchengemeinden, der Deutsche Kongress der Schmerzmediziner oder der Deutsche Richterbund, also vielfältigste Gruppierungen. Und das Interesse reicht weit über Europa hinaus. Besonders für kleine Kirchen, die sich in einer Minderheitensituation befinden, ist es wichtig, dass wir in Deutschland das Reformationsjubiläum gestalten und sie ein Teil davon sein können. In Ostdeutschland haben mich besonders die vollen Gottesdienste erfreut, das ist nicht selbstverständlich.

Christina Aus der Au: Mich hat am meisten beeindruckt, wie vor Ort etwas zusammenwächst, das es vorher so nicht gab. Wir arbeiten mit zivilgesellschaftlichen Partnerinnen und Partnern zusammen, die früher keinen Kontakt zur Kirche hatten. Da entstehen Beziehungen, auch nachhaltig. Denn wer ein Projekt gemeinsam erarbeitet, der geht danach nicht mehr grußlos aneinander vorbei. Das ist auch der Vorteil der Kirchentage auf dem Weg, Reformation in der Region sichtbar zu machen.

Mit dem Abstand von fast 20 Jahren als Generalsekretärin des Kirchentages, wie blicken Sie heute auf das Verhältnis von Kirchentag und verfasster Kirche?

Margot Käßmann: Ich finde es nach wie vor wichtig, dass der Kirchentag eine Bewegung ist und nicht allzu institutionell starr wird. Jede Kirche muss sich weiter reformieren, das haben die Reformatoren schon gesagt. Aber natürlich ist eine Kirche immer wieder geneigt, Institution zu werden und beharrende Kräfte zu stärken, die Dogmatik in den Vordergrund zu stellen.

Christina Aus der Au: Ich kann das nur bestätigen. Unterschiedlichste Menschen kommen zum Kirchentag, sowohl Bischöfinnen und Bischöfe wie auch Leute von der Basis, und beide bringen etwas mit und lernen vor Ort Neues kennen. Diese Erfahrungen werden nach Hause getragen und wirken dort nach, eine Reformation der Institution Kirche quasi von innen heraus.

Margot Käßmann: Wenn das Zusammenspiel von Kirchentag und verfasster Kirche gut gelingt, ist das kreativ befruchtend.

Als reformierte schweizerische Theologin, was ist für Sie das Wichtigste an den Feierlichkeiten zum Reformationsjubiläum?

Christina Aus der Au: Die Erfahrung, wie sehr das Reformationsjubiläum in Deutschland eine zivilgesellschaftliche Aktivität ist, das hat mich sehr überrascht. Ich merke, wie viel säkularer die Schweiz ist. Da hat der Bund gesagt, das Reformationsjubiläum ist Sache der Kantone. Die Kantone haben gesagt, es ist die Sache der Kirchen. Dass dies ein Ereignis ist, das alle betrifft und entsprechend von allen getragen wird, das war anfangs nicht so im Bewusstsein. Ich glaube, die Schweizer lernen jetzt gerade von Deutschland, dass es wichtig ist, 500 Jahre Reformation gemeinsam zu gestalten und zu merken: Das prägt uns und unser Demokratie- und Selbstverständnis. Wenn das Reformationsjubiläum in seiner ganzen Breite ausstrahlt auch in die Länder, in denen das nicht so zivilgesellschaftlich diskutiert wird, das wäre eine wunderbare Sache.

Reformatorische Gelassenheit

Wenn Sie an den Reformationssommer und den Kirchentag denken – gibt es ein Signal, das Sie senden wollen?

Christina Aus der Au: Mein Anliegen ist in der Losung wunderbar verpackt: Du siehst mich. Das bedeutet Menschen wahrnehmen und miteinander ins Gespräch kommen. Nicht über Menschen reden, weder über Flüchtlinge noch über Andersdenkende, sondern mit den Menschen reden und zuhören in reformatorischer Gelassenheit. Ich würde mir wünschen, dass wir lernen, entspannter und gelassener zu sein und keine Angst zu haben, sondern uns einzulassen auch auf eine andere Sichtweise. Die entscheidende Frage ist: Wie können wir zusammenfinden, auch mit unterschiedlicher Weltanschauung, Religion oder Herkunft, um eine lebenswerte Gesellschaft für möglichst viele zu gestalten? Also: Du siehst mich, du hörst mich, ich sehe dich, ich höre dich, wir kommen ins Gespräch darüber, wie wir miteinander leben wollen, das ist die Botschaft für mich.

Welche Botschaft wünschen Sie sich vom Reformationsjubiläum?

Margot Käßmann: Als Erstes steht für mich die „Rechtfertigung allein aus Glauben heraus“ im Mittelpunkt. Gerade in Zeiten zunehmenden Erfolgsdrucks ist es wichtig, dass der Mensch sich von Gott bejaht, geliebt und anerkannt weiß, ohne alles perfekt, gut und schön zu machen. Dieses bedingungslose Angenommen-Sein muss er sich nicht erwerben oder verdienen. Gottes Geschenk ist an keine Bedingungen geknüpft. Ich wünsche mir, dass wir davon etwas weitergeben in unserem Land. Das Zweite ist, weshalb wir auch das Europäische so betonen, dass wir diesem um sich greifenden Nationalismus etwas entgegensetzen. Das Christentum kennt keine nationalen Grenzen. Die Reformation ist international, und die europäische Kreativität hat den Freiheitsgedanken entfacht. In diesem Sommer sollte ganz klar werden, dass nationale Grenzen und Christsein nicht zusammenpassen – reformatorisches Christsein schon gar nicht.

Ende 2017 soll es nicht vorbei sein mit der Reformation, wie kann man den Gedanken daran weiter fortführen?

Margot Käßmann: Wir haben bei jeder der 16 Themenwochen Beobachtende, die darauf schauen, was die Diskussionen für Kirche-Sein in der Zukunft bedeuten, mit Blick auf die Globalisierung, auf Europa, auf die Ökumene und den Dialog der Religionen. Davon erhoffe ich mir Impulse. Wir müssen uns immer wieder fragen: Wie können wir das Salz der Erde sein? Es geht um Ermutigung, dass Menschen auftanken können für das Christsein vor Ort. Es geht um eine Glaubens-, aber auch um eine Lebenshaltung. Da ist mir Luther ein Vorbild, auch wenn ich weiß, dass er Schattenseiten hat. Aus dem Glauben heraus habe ich eine Haltung in dieser Welt, ich fühle mich bestärkt auch durch die Gemeinschaft – so lässt sich Zukunft gestalten. Wie kann Reformation weiter gelebt werden?

Christina Aus der Au: Bei uns geht es nach dem Kirchentag in Berlin und Wittenberg gleich weiter. Wir planen den Kirchentag in Dortmund 2019, dort wird auch Luthers Umgang mit der Sprache wichtig sein. Dass er und auch Zwingli die Bibel neu übersetzt haben in die Sprache des Volkes, sodass jede und jeder die Bibel verstehen kann, das ist ein ganz wichtiges reformatorisches Element. Denn wir wollen von dem, was uns wichtig ist, nicht in einer kirchlichen Sprache reden, wo nur Insider sich geborgen fühlen, sondern in einer Sprache, die man auch außerhalb der Kirchenmauern versteht, das ist ein Weg, die Reformation lebendig zu halten. Und 2021 gibt es den nächsten Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt. Es ist der dritte nach Berlin und München. Darauf werden wir aufbauen und gemeinsam an dem arbeiten, was wir aus diesem Reformationsjubiläum gelernt und auf den Weg gebracht haben.

Live dabei sein

Das Highlight der Veranstaltungen ist das Festwochenende in Wittenberg. Warum darf man dieses nicht verpassen?

Christina Aus der Au: Es ist einfach wunderbar und passend: Nach den Kirchentagen setzt man sich in Bewegung, macht sich auf nach Wittenberg, lernt auf dem Weg noch einmal neue Leute kennen, erlebt in Schlafsäcken die Nacht der Lichter mit Taizé-Liedern. Am Morgen wird man geweckt von den Bläsern und kommt zu diesem riesengroßen Festgottesdienst zusammen mit denjenigen, die am Sonntag ankommen. Da fließen unterschiedliche Ströme zusammen und feiern gemeinsam Gottesdienst. Und später breitet man die Picknickdecke aus, teilt Brot und Käse. Für mich bedeutet das Festwochenende: Bleibt nicht stehen, bleibt nicht sitzen, sondern lasst euch ein auf neue Begegnungen, es geht weiter.

Margot Käßmann: Ich möchte den Menschen gern sagen: Da solltest du dabei gewesen sein, denn das gibt es nur alle 500 Jahre einmal. Und ich wünsche mir, dass viele sagen: Das schaue ich mir nicht im Fernsehen an, sondern ich bin live dabei, es geht um ein Erlebnis für das ganze Leben. Übrigens: Es wird nicht schwer, dort hinzukommen. Der ICE fährt von Berlin in gut 30 Minuten nach Wittenberg. Also bitte am 28. Mai beim Festgottesdienst dabei sein und nicht am Samstagabend bereits nach Hause fahren …

Christina Aus der Au: … denn das wäre, wie vor dem Nachtisch aufhören.

Zu den Personen: Prof. Dr. Christina Aus der Au ist Privatdozentin für Systematische Theologie/Dogmatik an der Universität Basel und Geschäftsführerin des Zentrums für Kirchenentwicklung an der Universität Zürich. Die schweizerische evangelischreformierte Theologin und Philosophin ist Präsidentin des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentages in Berlin und Wittenberg und der Kirchentage auf dem Weg.

Prof. Dr. Dr. h.c. Margot Käßmann ist seit 2012 Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017 im Auftrag des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Von 2009 bis 2010 war sie Ratsvorsitzende der EKD, von 1999 bis 2010 Landesbischöfin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers, von 1995 bis 1999 Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages.

Interviewerin: Britta Jagusch ist Redakteurin des Magazins „Der Kirchentag“ und arbeitet als Journalistin in Frankfurt am Main.

Diese Seite teilen

Bleiben Sie immer über unsere neuesten Aktivitäten informiert.
Abonnieren Sie unseren regelmäßigen Newsletter.