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Debatte

Monetarisierung nicht pauschal verteufeln

Die finanzielle Entschädigung pauschal zu verdammen geht an der Wirklichkeit vorbei, sagt Theologe Gunther Schendel. Wichtiger sei es, mehr nicht-monetäre Anreize zu schaffen.

Die Monetarisierung im Ehrenamt zu verdammen – das fällt leicht. Aber ob wir es wollen oder nicht: Es gibt den Trend, dass Geld und andere Zuwendungen im Engagementbereich eine zunehmende Rolle spielen. Der Freiwilligensurvey hat gezeigt: Zwischen 1999 und 2009 ist der Anteil der Ehrenamtlichen, die für ihr Engagement gewisse Vergütungen bekommen, gestiegen. Eine Verdoppelung gibt es bei den Sachzuwendungen, eine Steigerung auch bei den pauschalen Aufwandsentschädigungen: Eine solche Zahlung erhält in Deutschland inzwischen jeder zehnte Freiwillige.

Inzwischen sind es also nicht mehr nur ehrenamtliche Schöffen, Feuerwehrleute und Lokalpolitiker, die eine Entschädigung erhalten. Und eine Studie aus dem Sozialwissenschaftlichen Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland belegt: Auch in Kirchengemeinden werden Pauschalen bezahlt, zum Beispiel im Bereich der Gemeindeleitung.

Ich gebe gern zu: Bei den Zahlungen an Ehrenamtliche gibt es problematische Tendenzen – das gilt gerade für den Bereich der ehrenamtlichen Pflege und Betreuung. Trotzdem plädiere ich dafür, die Monetarisierung nicht pauschal zu verdammen. Den Wohlfahrtsverbänden fällt es schwer, für Bereiche wie Pflege oder Demenz ausreichend Ehrenamtliche zu gewinnen. Sie suchen nach pragmatischen Lösungen. Da hilft es nicht, das Geld einfach als „toxisch“ zu bezeichnen.

Und es führt auch nicht weiter, wenn man die Unterstützung von Ehrenamtlichen aus prekären Verhältnissen mit dem Hinweis ablehnt: „Hier sind Staat und Wirtschaft in der Verantwortung!“ Natürlich ist das richtig. Aber zum Skandal der Armut gehört doch auch: Bislang sind es meist nur die Wohlhabenderen und Gebildeteren, die sich ehrenamtlich engagieren.

Gerade sie würden vom Ehrenamt am meisten profitieren, weil das Engagement Sinn, Struktur und Sozialkapital vermittelt.

Das Geld als Anreiz? Das entspricht zwar nicht dem „Reinheitsgebot“, nach dem ein Ehrenamt nur aus altruistischen Motiven übernommen wird. Aber wenn man ernst nimmt, dass es heute auch beim Engagement um die Reziprozität von Geben und Nehmen geht, dann lässt sich das Geld nicht verteufeln. Es wäre dann ein Motiv neben anderen, neben dem Gemeinwohl, neben eigenen Interessen wie Spaß oder Anerkennung. Und es wäre dann auch eine elementare Form der Anerkennung, für Menschen in Armut ein Beitrag zu ihrer Würde.

Klar ist für mich allerdings auch: Die „Hauptzutat“ zum ehrenamtlichen Engagement sollte der monetäre Anreiz nicht sein. Darum braucht es eine gute nichtmonetäre Anreiz- und Anerkennungskultur, aber auch eine Verständigung zwischen den Verbänden, Kirchen und der Diakonie über ihre Haltung zur Monetarisierung.

Regeln und Selbstverpflichtungen bringen mehr als pauschale Verdammungsurteile. Und sie machen die Träger des Freiwilligenbereichs auch dem Staat gegenüber glaubwürdiger, wenn es um die nötige Debatte über die künftige Gestaltung von Pflege und Betreuung geht.

Zum Autor: Dr. Gunther Schendel ist Theologe und Referent im Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD.

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