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Debatte

Entlohnung ist Gift für das Ehrenamt

Der Liebesdienst im Sinne von Caritas darf nicht von ökonomischen Kalkülen durchdrungen sein. Davon ist Sozialwissenschaftler und Diakon Ralph Fischer überzeugt.

Wie hoch darf der Fleischanteil einer veganen Mahlzeit sein? Nicht mehr als null Prozent. Die Frage, wie hoch die geldliche Entlohnung eines Ehrenamtes sein darf, lässt sich mit dem gleichen Zahlenwert beantworten. Allerdings sieht die Praxis anders aus. Denn wegen seiner fehlenden Legaldefinition wird der Begriff des Ehrenamts als Containerbegriff für sowohl unbezahlte als auch bezahlte gemeinwohlorientierte Tätigkeiten verwendet. Unbeschadet davon wird das Ehrenamt in der Bevölkerung, in der Politik und den Medien stets als unbezahltes Engagement gewürdigt – aus gutem Grund!

So gefährdet die Entlohnung ehrenamtlichen Engagements nach einer Studie des Zentrums für zivilgesellschaftliche Entwicklungen „einen überlebenswichtigen Kulturaltruismus, von dem die Gesellschaft lebt und dem eine wichtige Funktion immunologischer Art zukommt: Es kann Gesellschaften schützen und schützt sie tatsächlich vor der Durchdringung aller Lebensbereiche von ökonomischen Kalkülen.“

Das Ehrenamt braucht nicht nur keine Entlohnung, sie ist für dieses sogar hochtoxisch. Das Ehrenamt ist eine besondere Form von Care, eine „labor of love“. Es ist ein Liebesdienst im Sinne von Caritas, einer helfenden Liebe, oder, weniger religiös konnotiert, einer Liebe für eine Sache, deren Movens nicht der den Lebensunterhalt sichernde Erwerb oder ein materieller Gewinn ist. Wenn das Ehrenamt so zu verstehen ist, dann tritt deutlich zutage, dass es nicht käuflich ist, denn gekaufte Liebe ist alles außer Liebe.

Wo Geld fließt, gelten die Gesetze des Geldes. Da hat alles seinen Preis, da gibt es Anbieter und Kunden, teuer und billig. So wie die Liebe sich frei bindet und in dieser Freiheit Freude, Befriedigung und Sinn findet, ist die Freiwilligkeit ein Wesenskern des Ehrenamts. So erhält denn auch in einer Studie des Allensbach-Instituts das Motiv einer Entlohnung bei den Ehrenamtlichen die niedrigsten Zustimmungswerte, während das Gefühl, etwas bewegen zu können, dass man gebraucht wird und dass es Freude macht, die Spitzenposition einnimmt.

Das Argument, dass in unserem Land nicht wenige nicht genug haben, um sich umsonst engagieren zu können, verweist nicht auf die Notwendigkeit eines entlohnten „Ehrenamts“, sondern auf einen gesellschaftlichen Skandal, den zuvörderst Staat und Wirtschaft zu verantworten und zu lösen haben – aber nicht die Organisationen des Ehrenamts mit der Etablierung von gemeinwohlorientierten Billigstjobs.

Wenn dieses bezahlt wird, dann ist es das nicht mehr. Als die Bürger im antiken Athen für ihre Teilnahme an den Volksversammlungen Geldzahlungen erhielten, waren sie für Sokrates zu Soldempfängern herabgesunken. Eine Tugend kann man weder kaufen, noch kann man sie verkaufen. Tugend hat ihren Wert, aber kein Preisschild. Das gilt auch für die im Ehrenamt wirksamen Bürgertugenden.

Zum Autor: Dr. Ralph Fischer ist Fachreferent für Kirchenvorstandsarbeit und Mitglied der Fachstelle Engagementförderung in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck.

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