Mein Kirchentag
Andacht

Sie lieben wie uns selbst

Das Thema Flüchtlinge bewegt den Kirchentag auch abseits seiner Podien. Der Text dieser Andacht der Generalsekretärin entstand ursprünglich für eine Haussitzung in Fulda.

von Ellen Ueberschär

Mein Vater war ein herumirrender Aramäer – Arami owed awi

So beginnt das kleine geschichtliche Glaubensbekenntnis des Volkes Israel, das in der jüdischen Liturgie gerade jetzt, in der Zeit, in der Erntedank gefeiert wird, seinen Platz hat.

Es wird daran erinnert, dass es nicht selbstverständlich ist, eine Heimat zu haben. Die jüdische Geschichte beginnt mit Menschen, die zu einem anderen Volk gehörten. Abraham, Sara und ihre ganze Familie waren – Aramäer. Ihre Kinder und Enkel suchten noch Jahrzehnte später Partner aus der alten Heimat. Eine harte und klare Scheidung zwischen der alten und der neuen Zugehörigkeit gab es nicht.

Unter unseren Familien gibt es nur wenige, die immer schon an einem Ort waren – und was ist überhaupt immer? Nur wenige, wie die Sinti in Hamburg, die seit 600 Jahren dort leben, können soweit zurückdenken. Soweit, wie die jüdische Geschichte zurückreicht, können wir unsere Familiengeschichten ohnehin nicht rekonstruieren. Die meisten von uns wissen so ungefähr bis zum 30-jährigen Krieg, woher ihre Familien stammen. Die Familie meines Vaters, das waren umherirrende Schlesier aus einem kleinen Ort nicht weit von Breslau. Wie ist es bei Ihnen, wenn Sie einmal zurückdenken in Ihre Familiengeschichten?

Nach dem zweiten Weltkrieg sind viele Menschen, die aus den Gebieten östlich der Oder fliehen mussten, in Niedersachsen, Hessen und Bayern gelandet und heimisch geworden.

Mein Vater war ein umherirrender Aramäer. Und jetzt hat er hier Heimat gefunden.

Schon nach 70 Jahren sind die kulturellen Unterschiede abgeschliffen, die Kinder und Enkelkinder sprechen den einheimischen Dialekt und erst, wenn man sich näher kennenlernt, erfahren die Freunde, dass die Vorfahren nicht hier begraben liegen, sondern an einem Ort, mit dem man selbst eigentlich kaum etwas verbindet. Der noch vor Zeiten "neue Ort" ist die Heimat geworden.

Der Erinnerung an die eigene Fremdheitsgeschichte folgen in der Bibel viele Anweisungen, Überlegungen und vor allem Ermahnungen, mit Fremden menschlich umzugehen. Das deutet natürlich darauf hin, dass das Zusammenleben in der Antike auch nicht reibungslos funktionierte, dass Konflikte auf der Tagesordnung standen, dass Unterdrückung der Fremden das Übliche, deren pflegliche Behandlung aber das Gottgewollte war.

Wenn ein Fremdling bei Euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der Herr, Euer Gott. (3. Mose 19,33-34)

Nicht einmal die Selbstverständlichkeit, Fremde nicht zu bedrücken, scheint selbstverständlich gewesen zu sein. Sonst hätte es ein solcher Satz – ihr sollt den Fremdling nicht bedrücken – nicht in die heiligsten Texte geschafft.

Aus meiner Familie sind Menschen bedrückt worden – eine Tante musste als 12-Jährige auf einem Bauernhof in Schleswig Holstein schuften – es gab Essen und Trinken dafür, ja. Aber sie zog sich einen Bandscheibenvorfall zu, der kaum behandelt wurde. Bis heute ist in dem Ort in der Nähe Berlins, an dem ich aufgewachsen bin, ein bestimmtes Viertel unter den Älteren die "Flüchtlingssiedlung".

Geschichten der Kränkung, der Ablehnung durch die einheimische Bevölkerung, des sich selbst Hoch-Arbeitens sind die üblichen Erinnerungen, die bis in die dritte und vierte Generation weitergegeben werden.

Es ist nicht die Dankbarkeit für die Aufnahme, die überwiegt – es ist das Gefühl: wir haben es trotzdem geschafft.

Und genau diese Erinnerung an die Kränkung verhindert Großzügigkeit. Sie setzt fort, was schon immer so war – der Fremde ist der Feind: "einige meiner besten freunde sind fremde, aber diese fremden sind nicht von hier." Karl Valentin hat es auf den Punkt getroffen.

Die Bibel weiß das und deswegen tut sie etwas Unerhörtes – das, was zuvor ausdrücklich für das eigene Volk, die eigene Familie gesagt war – Du sollst Deinen Nächsten lieben, denn er ist wie du – das wird ausgeweitet, wird entgrenzt: Er soll bei Euch wohnen wie ein Einheimischer und: Du sollst ihn lieben wie dich selbst! Du meine Güte, alle Syrer, Afghanen, Irakis, Somalis – all diese jungen, dunkelhaarigen Männer mit ihrer so anderen Kultur, die wir nicht verstehen und die uns nicht verstehen – lieben wie uns selbst? Das ist unmöglich!

So denken wir. Und so verhalten wir uns.

Erst wenn wir uns ein wenig besinnen, unsere Bibel aufschlagen – und ich habe noch nicht einmal vom Liebesgebot gesprochen, das Jesus uns aufgegeben hat – kommt etwas Nachdenken in unsere Köpfe. Es ist nicht nur politische Vernunft, sondern auch christliche und biblische Vernunft, jetzt beherzt zu handeln.

Viele Menschen lassen sich anstecken, das ist auch gut so, melden sich bei den Flüchtlingsinitiativen und wollen helfen. Und wir wollen es vielleicht auch oder machen es schon.

In Fulda haben wir der Welcome-In-Initiative unser Haus und unseren Tagungsraum zur Verfügung gestellt. Ein kleiner Schritt. Fangen wir einmal an, dann ergibt sich das Weitere.

Wir sehen Menschen,
wir lernen sie kennen,
wir könnten sie dann vielleicht sogar lieben wie uns selbst.

AMEN

Diese Seite teilen

Bleiben Sie immer über unsere neuesten Aktivitäten informiert.
Abonnieren Sie unseren regelmäßigen Newsletter.