Mein Kirchentag
Thementag Arabischer Raum: Trennung von Opfern nach Konfession nicht sinnvoll

"Wir gehören zusammen"

Angesichts der Bürgerkriegs-Katastrophe in Syrien wünscht sich Bischof Elias Toumeh, griechisch-orthodoxer Patriarch von Antiochien, mehr Unterstützung von den Kirchen aus Europa, die auch direkt in Syrien ankäme und nicht nur bei den Flüchtlingscamps außerhalb des Landes. "Außerdem könnten die Kirchen mehr Druck auf die Politik ausüben, damit diese handelt", sagt er beim Thementag "Arabischer Raum".

Von Viktoria Bolmer

Eigentlich sollten beim Podium "Zum Beispiel Syrien"  neben den vier erschienenen Gästen auch ein Aktivist und ein muslimischer Gelehrter aus Syrien teilnehmen. "Die zwei haben aber leider keine Visa bekommen, um nach Deutschland zu reisen", erklärt Moderatorin Friederike Stolleis von der Friedrich-Ebert-Stiftung zu Beginn der Veranstaltung am Samstag den etwa 800 Besuchern. Ein Beispiel dafür, wie ernst die Lage in dem Staat am Mittelmeer ist.

In Syrien herrscht Bürgerkrieg. Mehr als 200.000 Menschen haben bereits ihr Leben verloren. Der Diktator Baschar al Assad begann 2011, Gewalt gegen Zivilisten einzusetzen, die mehr Freiheiten und wirtschaftliche und soziale Perspektiven forderten. Neben Assads strengem Regime wurde die islamische Terrormiliz "Islamischer Staat" zur stärksten Kraft. Diese will einen Islamischen Staat errichten und bekämpft sowohl die Rebellen in Syrien, als auch muslimische und christliche Minderheiten.

Deshalb möchte die Moderatorin auch über die Bedrohung von Christen in Syrien sprechen. Schnell stellt sich heraus: Die Frage danach ist falsch gestellt. "Es ist Krieg in Syrien. Gibt es eine Bedrohung für die Christen dort? Ja, weil sie Syrer sind. Wir sollten uns nicht auf einige wenige konzentrieren, sondern auf alle", sagt die syrische Journalistin und Aktivistin Rand Sabbagh. "Wir gehören zusammen, wir sind alle Menschen." Der griechisch-orthodoxe Bischof Elias Toumeh stimmt ihr zu: „Muslime sind Opfer des Krieges, wie auch wir Opfer des Krieges sind.“

Ein Land des Glaubens, ein Land der Hoffnung

Auch der syrische Islamwissenschaftler Mohammed Habash findet die Unterscheidung von Opfern anhand ihrer Konfession nicht sinnvoll. "Nicht nur Christen sind in Gefahr. Die Radikalen sind eine Gefahr für alle Syrer." Habash macht einen kurzen Rückblick. Syrien sei ein Land aller Religionen gewesen in der Geschichte. Muslime, Juden, Christen, jegliche Minderheiten hatten ihren Platz. "Ein Land des Glaubens, ein Land der Hoffnung". Heute sei es ein Land des Krieges. Aber wie kann das sein? "Diktatur und Ungerechtigkeit befeuern radikale Bewegungen", sagt Habbash. Beides existiere in Syrien. Doch die Radikalen haben keine Mehrheit. 80 Prozent der Syrer seien konservative Muslime, sagt Habbash, etwa 20 Prozent moderate und weniger als ein Prozent radikale Muslime. Konservative Muslime glauben zwar daran, dass es nur die eine wahre Religion gebe, den Islam, verfolgten aber keineswegs das Ziel, Andersgläubige gewaltsam zu bekämpfen.

Die Syrer sind eingezwängt zwischen dem "Islamischen Staat" und dem Diktator. "Wir brauchen eine dritte Gewalt, die sich gegen beide einsetzt", sagt Tarek Mitri, ehemaliger libanesischer Minister und Sondergesandter der Vereinten Nationen. Er glaube, diese dritte Gewalt hätte eine Mehrheit in der Gesellschaft, aber keine politische Stimme.

Hilfe auf internationaler Ebene ist dringend nötig, da sind sich die Gäste einig. "Wir brauchen die Unterstützung der Vereinten Nationen und des Sicherheitsrates", fordert Habbash. Bischof Toumeh wünsche sich außerdem mehr Unterstützung von den Kirchen aus Europa, die auch direkt in Syrien ankäme und nicht nur bei den Flüchtlingscamps außerhalb des Landes. "Außerdem könnten die Kirchen mehr Druck auf die Politik ausüben, damit diese handelt", sagt er. 

 

 

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