Mein Kirchentag
Hauptvortrag mit Kofi Annan und Frank-Walter Steinmeier

Der Frieden muss erarbeitet werden

Die alte Weltordnung ist nach dem Ende des Ost-West-Konfliks zerbrochen, gegenwärtig entsteht eine neue Weltordnung mit vielen Unwägbarkeiten von Gewalt und religiösem Fanatismus. Die reichen Industrienationen sind, so Außenminister Frank-Walter Steinmeier und der früher UN-Generalsekretär Kofi Annan, in der Pflicht, diesen Prozess friedenserhaltend zu begleiten.

Von Dirk Klose

"Die Welt ist aus den Fugen" titelte der Kirchentag für einen seiner Hauptvorträge am Samstagvormittag in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle. Als prominente Redner, die man sowohl für Experten als wohl auch ein wenig für "Feuerlöscher" hielt, waren Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier und der frühere Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, zu Gast. Zu ihnen gesellte sich im anschließenden Gespräch der britische Bischof Nick Baines - er hatte vor zwei Jahren in Hamburg die Predigt auf dem Abschlussgottesdienst des Kirchentages gehalten. Die 9.000 Zuhörer, die beide Politiker mit herzlichem Beifall begrüßten, erlebten im Stenogrammstil eine bedrückende tour d'horizon zur gegenwärtigen Weltlage, verbunden mit dem Appell, gerade als Deutsche im Bemühen um Friedensbewahrung und -sicherung nicht nachzulassen. 

Steinmeier berichtete zu Beginn ausführlich über seine Reisen in mehrere Flüchtlingslager in Nahost und über bedrückende Begegnungen mit Flüchtlingen, die oft genug Hab und Gut verloren und tote oder vermisste Familienangehörige zu beklagen hatten. Er erinnerte an eine Rede von Willy Brandt auf einem Kirchentag vor 32 Jahren, in der dieser von der "Ohnmacht der Mächtigen", die die internationale Politik kennzeichne, gesprochen hatte. Steinmeier pflichtete dem mit Blick auf die heutige Weltlage bei und meinte, er könne sich an keine Zeit erinnern, in der es so viele Krisen an soviel Orten und zu gleicher Zeit gegeben habe. Aber das sei kein Zufall: "Der Fall der Berliner Mauer vor 25 Jahren war das Symbol für das Ende des Kalten Krieges." Die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bestehende bipolare Ordnung der Welt, so Steinmeier weiter, war zerbrochen; die Hoffnung auf eine neue Welt des Friedens wurde nur allzu rasch zunichte gemacht. Steinmeier: "Es sind nicht zufällige Krisen, die wir jetzt erleben. Wir stehen vor gewaltigen tektonischen Veränderungen." Dabei stütze sich die neue Gewalt , ob ethnisch, religiös oder nationalistisch motiviert, auf modernste Techniken: "Wir erleben eine Verbindung von Internet und mittelalterlicher Gewalt."

Deutschland darf sich nicht heraushalten

Wortreiche Resolutionen oder auf Publicity bedachte Großkonferenzen trügen nicht zur Friedenssicherung in einer zerstrittenen Welt bei."Der Frieden muss erarbeitet werden! Und wenn das Vertrauen zwischen den Konfliktparteien völlig zerstört ist, müssen Dritte von außen einspringen." Hier kann und darf sich Deutschland, so Steinmeier sehr bestimmt,  nicht heraushalten: zum einen wegen seiner engen internationalen Verbindungen und Verflechtungen, zum anderen, da es selbst Hauptnutznießer der großen Wende von 1989 war. "Aufhören ist keine Option" sagte er, sich herauszuhalten, sei keine Lösung. Gerade aus christlicher Sicht dürfe man nicht wegsehen, sondern trage im Gegenteil gleichermaßen Verantwortung für sein Handeln wie für ein Nichthandeln. "Klug", um das Kirchentagsmotto aufzugreifen, sei es vielmehr, aus der Welt einen gerechteren Ort zu machen, auch wenn rasche Erfolge nicht immer zu erwarten seien. Aber: "Solange wir nicht aufgeben, behält die Hoffnung ihren Platz!"

Steinmeier verband seinen Appell zum Engagement mit der Hoffnung, den Vereinten Nationen könne es noch mehr als bisher gelingen, friedensbewahrend in der Welt zu wirken. Ziehe man rückblickend eine Bilanz, so sei diese insgesamt "gar nicht so schlecht", mit diplomatischen Mitteln eine Konfliktlösung am Verhandlungstisch erreicht zu haben. 

Schwieriger Kontakt mit nicht-staatlichen Mächten

Der aus Ghana kommende Kofi Annan war der siebte Generalsekretär der Vereinten Nationen. Noch immer ist er ein in der internationalen Diplomatie gefragter Mann; seine jüngste Mission im syrischen Bürgerkrieg war allerdings nicht von Erfolg gekrönt. Solche erfolglosen Missionen, so Annan mit leicht ironischem Unterton, kennzeichneten vielleicht überhaupt seine Amtszeit, was möglicherweise aber auch an der sich völlig veränderten Weltlage liege. Annan erinnerte an die Gründung der UNO nach dem Zweiten Weltkrieg; in den folgenden Jahrzehnten seien alle Nationen, zumal die unabhängig gewordenen Staaten in Afrika und Asien, der UNO beigetreten. Heute aber sei die Weltlage teilweise völlig anders: Neue nicht-staatliche Mächte sind entstanden und kämpfen gewaltsam um Länder und Reichtum. Diese neuen Mächte wie etwa der IS  in Syrien oder die nigerianisch-islamistische Boko Haram, fühlten sich von der UNO nicht repräsentiert, "sie wollen nicht nur nicht in die UNO, sie lehnen sie vielmehr völlig ab". Konsequenz sei, dass man mit diesen Terrororganisationen nur schwer in Kontakt, geschweige denn in einen konstruktiven Dialog komme.

Auch Annan appellierte an die Zuhörer, im Engagement für eine friedlichere Welt nicht nachzulassen.  "Wir dürfen nicht selbstgefällig werden", mahnte er. Auch sei allzu großer Pessimismus nicht immer gerechtfertigt. Von den vielzitierten Milleniumszielen der UNO sei - "so enttäuschend das immer noch sein mag" -  immerhin der größere Teil erreicht worden, wie die Bekämpfung von Hunger und Krankheiten zeige. Schon zu Beginn seines Auftritts hatte er sich erfreut über die, wie er sagte, "so sehr große Zahl von unter 30 jährigen" gezeigt. Er baue auf die Jüngeren, an ihnen liege es, eine bessere Welt zu schaffen. "Ihre Generation muss die Herausforderungen aufgreifen", rief er der Jugend zu, "ich verlasse mich auf Sie!"

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