Mein Kirchentag
Fulbert Steffensky über Glaube, Tod - und über Paul Gerhard

Am Fenster der Ewigkeit

Der eigene windschiefe Glaube und der Glaube der Toten, ein Brief an die Enkel und eine Hommage an Paul Gerhard, dazu unwirklich schöne Klavierimprovisationen von Michael Wollny - der "Feierabend" des 82-jährigen Theologen ist eine leise Sternstunde des Kirchentags

Von Steffen Groß

Kann dieser Mann eigentlich zaubern? Da tut Fulbert Steffensky einen Abend lang nichts anderes, als ein paar eigene Texte zu lesen, manche neu, andere schon bekannt, er gibt immer wieder die Bühne für den begnadeten Pianisten Michael Wollny frei - und am Ende applaudieren die Menschen im völlig überfüllten Hegelsaal der Liederhalle stehend, viele mit Tränen in den Augen. Woher der Zauber?

Da ist diese unglaublich wirkungsvolle Stimme: Langsam sprechend, von altersweiser Gelassenheit geprägt, aber gleichzeitig mit vibrierender Spannung ausgestattet. Ein bisschen rau, dann wieder voller Schmelz wie ein gute Chardonnay, nie laut, aber immer präsent - und unendlich wohltuend.

Da ist das Auftretens dieses Mannes: Der ehemalige Benediktinermönch und Witwer von Dorothee Sölle hat in seinem Leben so viel erlebt, erlitten und durchdacht, dass er weder sich noch seinen Zuhörern noch irgendetwas beweisen muss. Er nimmt sich selbst nicht wichtig, die Zuhörer aber unendlich ernst - und das spüren die Menschen  im steilen Saalrund. Menschen, Christen allemal  brauchen wohl solche altersweisen Lehrer, die den immer wieder fremden und anspruchsvollen christlichen Glauben mit ihrem Leben und ihrer Haltung be-glaubigen. Fulbert Steffensky kann das wie kein anderer, ein Nachfolger für die Rolle des großen alten Mannes des Kirchentages ist weit und breit nicht in Sicht. Steffensky selbst kann allerdings über soviel Ehrerbietung nur lachen: "Heinrich Böll hat oft gesagt: Die Friedhöfe sind  voll von unersetzlichen Menschen", lächelt er im Gespräch nach der Veranstaltung. Immerhin hat er, anders als in Hamburg, diesmal nicht seinen Abschied vom Kirchentag angekündigt.

Und da sind die Themen, die Steffensky anschlägt: Vom "eigenen, windschiefen Glauben" spricht er und von dem Glück, sich "im Glauben der Toten bergen zu können". Denn: "Glaube kann man teilen wie Brot." Er verliest einen Brief an seine Enkel, denen er drei Wünsche mitgibt: Dass das Brot für sie und alle Menschen selbstverständlich ist; dass sie "lernen, mit Grenzen zu leben, die Tugend der Bescheidenheit, nicht selbst unbegrenzt und unendlich sein zu wollen"; und "dass ihr Christen werdet und bleibt, die Sprache der Bibel  für eure Fragen und Wünsche behaltet." Oder seine Hommage an den großen protestantischen Liederdichter Paul Gerhard: "Wir erlauben uns, Texte zu singen, wir singen die Lieder aus der Fremde und schreiben unsere eigenen Wünsche und Fragen in ihre Fremdheit hinein." Gäste seien wir in den Liedern, "und dieser Gaststatus lässt uns in den Zelten ihrer Hoffnung wohnen."

Auch über den eigenen Tod und die Sterblichkeit weiß Steffensky Gutes zu sagen: "Die Todesstunde ist der Moment, da der Mensch am nächsten bei Gott ist, weil er am wenigsten bei sich selbst und den eigenen Möglichkeiten sein kann."

Das ist gewiss wahr, steht aber im größtmöglichen Kontrast zum zweiten Akteur des Abends: Denn die Möglichkeiten, die dem Jazzpianisten Michael Wollny zur Verfügung stehen, sind schier unendlich. Er lässt den Flügel raunen und jubeln, dröhnen und flüstern, sperrige Dissonanzen werden von wundervollen Harmoniefolgen abgelöst. Wollny bearbeitet die Saiten mit den bloßen Fingern, lässt das Instrument klirren und  säuseln - das Publikum inklusive dem Theologen Friedrich Schorlemmer und Ex-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse  tobt vor Begeisterung. Und am Ende animiert er alle, auf die Worte des Theologen in der einzig angemessenen Sprache zu antworten: Die Menschen singen gemeinsam Paul Gerhards Abendlied  "Nun ruhen alle Wälder" - und es scheint, als ginge in der Liederhalle ein Fenster zur Ewigkeit auf. 

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