Mein Kirchentag
Religiös neutraler Staat als Garant der Freiheit

Pluralität bestimmt die Moderne

Die moderne Welt ist vom Pluralismus geprägt, aber das führt keineswegs zu einem Niedergang oder gar einem Aussterben von Religion. Vielmehr kommt es neben einer Pluralität der Religionen auch zu einer Pluralität von Religion und Staat. Im Hauptvortrag „Glauben ohne Fanatismus“ skizzierte der deutsch-amerikanische Religionssoziologe Peter L. Berger einige Zukunftsperspektiven.

Von Wolfgang Heilig-Achneck

"Keine Religion wird heute mehr als selbstverständlich erlebt. Selbst dort, wo Modernität noch am Anfang steht, ist der einzelne mit verschiedenen religiösen Möglichkeiten konfrontiert; er kann, oft muss er wählen", stellte Berger fest. Und nicht alle Erhebungen liefern verlässliche Ergebnisse: Wenn Menschen auf die Frage nach ihrer religiösen Zugehörigkeit "nein/keine" angeben, lasse das keineswegs auf einen überzeugten Atheisten schließen. Viele haben eine Haltung innerer Distanz zu ihrer überkommenen Zugehörigkeit eingenommen – die Sicherheit in Glaubensangelegenheit ist generell geschwunden. Noch komplizierter seien derartige Untersuchungen beispielsweise in buddhistisch geprägten Kulturen, denen Begriffe wie Glauben und Gott im westlichen Verständnis fremd sind.

Zu den Folgen gehöre auch, dass religiöse Institutionen wie die Kirchen – "ob sie es wollen oder nicht" – zu Verbänden mit freiwilliger Zugehörigkeit werden, die Menschen überzeugen müssen. Zudem ist ein "Raum streng säkularer Rationalität" entstanden, geprägt von moderner Wissenschaft und Technologie. "Es gibt keine muslimische Physik und der Talmud eignet sich nicht als Handbuch der Zahnmedizin", so Berger.

Freiheit respektieren und schützen

Dass Religion und Modernität nicht unbedingt im Widerspruch zueinander stehen, machte Berger mit einem Schwenk nach Texas deutlich. "Dort können sie Petroleum-Ingenieure, Computer-Spezialisten und Herzchirurgen treffen, die glauben, dass man die Bahn eines tropischen Sturms durch Gebet umleiten kann. Und auch in der japanischen Gesellschaft, die gemeinhin als besonders säkular gilt, lasse sich vielgestaltige Religiosität beobachten.

Nur mit in der Regel vom Staat legitimierten und durchgeführten "Friedensformeln" sei zu gewährleisten, dass Pluralismus nicht in blutige Verfolgungen und Religionskriege mündet, meinte Berger – blieb aber einen Hinweis schuldig, wie aggressivem Fundamentalismus Einhalt zu gebieten ist, erst recht dort, wo dadurch und aus anderen Gründen alle staatlichen Strukturen zerfallen. Dennoch lasse sich Freiheit letztlich nur über einen religiös neutralen Staat gewährleisten. Dabei könnte sich der Staat selbst durchaus als islamisch oder orthodox verstehen, er müsste aber die Freiheit der anderen respektieren und schützen. Als Vorbild empfahl Berger dem Patriarchen von Moskau den Erzbischof von Canterbury.

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