Mein Kirchentag
Hauptvortrag "Luther in seiner Zeit für unsere Zeit"

Haben wollen sie ihn alle

Luther zieht immer. Mehr als 1.100 Kirchentagsgäste folgten den Vorträgen der systematischen Theologin Dorothea Sattler und einem der führenden Reformationshistoriker Heinz Schilling in der Stiftskirche.

Von Janka Hegemeister

Erste Einblicke über das Wirken des großen Reformators erhofften sich einige Besucherinnen und Besucher des Samstagvormittags. Luther für Anfänger gab es bei dieser Podiumsbesetzung jedoch nicht: Mit der Münsteraner Theologie-Professorin Dorothea Sattler und dem emeritierten Berliner Historik-Professor Heinz Schilling saßen zwei bekannte Experten auf dem Podium, die nicht immer einer Meinung waren. Die reformatorische Leistung Martin Luthers und seine Auswirkungen bis hinein in das 21. Jahrhundert schätzen sie jedoch beide.

"Die Reformation ist wegweisend für die demokratische säkulare Zivilgesellschaft", würdigte Professor Schilling Luthers Lebenswerk. "Es gibt wenige Beispiele in der Weltgeschichte, wo Akteur und Geschehen so eng miteinander verzahnt sind wie bei Martin Luther und der Reformation." Auch heute lebten wir in einer Zeit des Wandels, so Schilling. Die Dynamik des Wandels sei schon zu Luthers Zeiten mit Gewalt und Leid verbunden gewesen. Zugleich sei die Leidensgeschichte jedoch der Motor der Freiheit. Im Gegensatz zu Erasmus von Rotterdam schätzte Martin Luther die Freiheit höher als die Einheit, und er war auch bereit für die Freiheit Konflikte in Kauf zu nehmen.

War Luther katholisch?

War Luther katholisch? Und welche seiner Anliegen sind auch heute noch katholisch, fragte Dorothea Sattler in ihrem Vortrag. Die Direktorin des Ökumenischen Instituts der Katholisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster kommt zu einem positiven Ergebnis: "Luther war katholisch und bleibt es auch", unterstreicht sie und fügt hinzu: "Katholisch meint aber nicht römisch-katholisch." Katholisch sei keine Konfessionsbezeichnung, sondern meint weltweit alle Christen.

Für das anstehende Reformationsjubiläum im Jahr 2017 wünscht sich der Historiker Schilling zweierlei: Zum einen, dass die Ereignisse der Reformation vor 500 Jahren und die Konsequenzen für Alltag, Beruf und Familie im 21. Jahrhundert - nicht nur von Protestanten - bedacht würden. Und zum anderen, dass endlich Schluss ist mit der Apfelbaum-Romantik! Der Beginn der Neuzeit wurde nicht von Luther mit dem Hammer an das Wittenberger Kirchentor genagelt; der reformatorische Einfluss sei eine komplizierte dialektische Wirkungsgeschichte.

Die Ökumene muss weiter Fortschritte machen

Leider wurden die Kirchentagsgäste um eine hitzige Meinungsdebatte auf dem Podium gebracht – allerdings zugunsten der unzähligen Fragen aus dem Publikum. Abschließende Worte fand Moderator Hans Maier, Staatsminister a.D. aus München. Er selbst empfinde den Fortschritt der Ökumene in den letzten 80 Jahren deutlich sichtbarer als in den 400 Jahren zuvor: "Wir haben es aber noch nicht geschafft, eine Kirche zu werden. Zuerst müssen wir unsere konfessionelle Selbstgenügsamkeit überwinden und ein Gefühl dafür entwickeln, dass wir Fragmente sind, die sich verbinden müssen. Dann kann die Ökumene weiter Fortschritte machen."

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