Mein Kirchentag
Margot Käßmann

Migration neu und positiv denken

Abraham als "purer Wirtschaftsflüchtling" und Zuwanderung als Chance: Margot Käßmann zeichnet ein Bild, das Migration positiv wertet, und umarmt einen Ex-Flüchtling. Nils Muiznieks, Menschenrechtskommissar des Europarates, betont: Legale Wege für Flüchtlinge und Arbeitsmigranten sind die einzige Lösung."

Von Steffen Groß

"Wir müssen Migration neu denken. Das ist eine große Chance für uns!" Spätestens mit diesem Satz hat Margot Käßmann die überfüllte Carl-Benz-Arena vollends in der Hand."Wir begreifen erst, wer wir sind, wenn wir den Anderen, den Fremden begegnen. Und so lange wir in der Geburtenrate weltweit den letzten Platz belegen, werden die Flüchtlinge und Migranten in Deutschland sowieso dringend gebraucht", erklärte sie unter Beifall. Der biblische Abraham sei ein "purer Wirtschaftsflüchtling" gewesen, Mose habe das Volk Israel aus  politischer und rassischer Verfolgung geführt, und das Neue Testament verstehe die Israeliten als wanderndes, "also: migrierendes Gottesvolk". Die Ex-Bischöfin weiter: "Es kann nicht sein,  dass es nur eine Globalisierung für das Kapital und keine für die Menschen gibt."  Ihr Fazit: Wir verraten die europäischen Ideale der Freiheit, wenn sie nicht auch für Menschen außerhalb Europas gilt."

Vor Käßmann hatte Alassane Dicko von der Assoziation Malischer Abgeschobener gefordert, die Migranten nicht länger als Opfer, sondern als Partner zu betrachten: "Wir sind keine Flüchtlinge, wir sind Akteure der Mobilität, die in Westafrika eine jahrhundertelange Tradition hat, und wir wollen nach ein paar Jahren Arbeit in Europa zurück in unsere Heimat." Dicko weiter: "Wir sind auch keine Armen, wir sind nur verarmt, und das liegt an den ungerechten Handelsbeziehungen, für die auch die EU die Verantwortung trägt", betonte er unter Applaus. "Geben sie uns Landmaschinen, damit wir etwas mit unserem Land machen können, und helfen sie uns, eine Wasserversorgung aufzubauen." Dennoch werde es immer Migrationsbewegungen geben, "und das ist etwas, das beiden Seiten gut tut." Dem kann Käßmann gut zustimmen - und am Ende umarmen sich Ex-Flüchtling und Ex-Bischöfin herzlich.

Nils Muiznieks, Menschenrechtskommissar des Europarates, verwies auf den Artikel 13 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, wonach jeder Mensch das Recht habe, jedes Land einschließlich des eigenen zu verlassen. "Die einzige Lösung für das Flüchtlingsproblem sind legale Wege für Flüchtlinge und Arbeitsmigranten nach Europa." Er forderte, neben dem Asylrecht auch andere Wege nach Europa zu schaffen, die zum Beispiel aus dem Balkan kämen, um einige Monate in Westeuropa Geld zu verdienen, und dann zurückkehrten. "Und wir brauchen eine europäische Hilfs- und Seenotrettungsprogramm. Das Mittelmeer ist ein europäisches Gewässer, kein italienisches. Wir tragen eine gemeinsame Verantwortung."

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