Mein Kirchentag
Der schöpferische Umgang mit dem Leben im Alter

Der Gottesdienst als "Rollator des Glaubens"

"Hegelsaal gefüllt" – viele enttäuschte Gesichter gab es am Samstag vor der Liederhalle. Drinnen waren mindestens die Hälfte der über 1.700 Köpfe ergraut, aber alle in fröhlicher Stimmung, es wurde viel gelacht an diesem Nachmittag, was ja auch irgendwie im Thema vorgegeben war: "Von weisen Narren und alten Toren". Alle wollten von den Podiumsgästen etwas lernen "über den schöpferische Umgang mit dem Leben im Alter".

Von Margit Mantei

Ältere und alte Menschen wollen mehr für andere tun, auch für jüngere Leute – das ist das überraschende Ergebnis der Generali Altersstudie, die Professor Andreas Kruse vom Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg vorstellte. Aktiv sein zu dürfen sei vielen sogar noch wichtiger als materielle Sicherheit oder Autonomie, sagte er und warnte, Vereinsamung sei ein hoher Risikofaktor für Suizid im Alter. Wenn Menschen aus dem öffentlichen Raum herausgedrängt werden, dann führe das häufig zu Angststörungen und Depressionen. Darauf müsse sich die Gesellschaft besser einstellen, auch in Institutionen und Wohnquartieren.

Für Gemeinden heiße das: 80- bis 85-Jährige sind oft körperlich verletzlich, bleiben da aber nicht stecken, sondern haben oft hohe seelisch-geistige Kompetenz. Das unterstrich die fast 90-jährige Inge Burck, die sehr lebendig von ihrem dichtgedrängten Alltag erzählte, in dem sie sich für ausländische Schüler engagiert. Der Theologe Fulbert Steffensky, vielen Kirchentagsbesuchern durch seine tiefgehenden Bibelarbeiten und Vorträge seit Jahren bekannt, ist überzeugt: Eine Gesellschaft, die es erträgt, dass der Wert des Menschen nicht von seinem Nutzen bestimmt wird, ist eine humane Gesellschaft. Das sei Gnade: Ich bin, weil ich bin, und das reicht vor Gott. Die "Kunst des Abdankens" bestehe darin, sich selbst den anderen "nicht als Diktat" zu hinterlassen. Die Überflutung mit Reklame und den daraus folgenden "Zwang zum Konsum" sieht er als "große Verdummung der Gesellschaft".

Man verliert die Zähne, aber nicht die Zweifel

„Man verliert die Zähne, aber nicht die Zweifel“, sagte Steffensky auf die Frage, ob er denn im Alter frommer geworden sei. Er sei noch immer unversöhnt mit dem Zustand der Gesellschaft. "Empörung gehört zur Frömmigkeit dazu", aber es wachse der Wunsch, dass die Welt stimmig sein soll. Er kritisierte die Sucht der Theologie, das Widersprüchliche auszuradieren. Er habe gelernt: Man kann im Alter nicht von sich selber leben. "Ich werde bedürftiger, auch geistig", sagte er. "Der Gottesdienst ist der Rollator meines sinkenden Glaubens." Ihm werde die Tradition jetzt wichtiger, er könne nachbeten, was Bonhoeffer gebetet hat und "vom Glauben der anderen abschreiben". Was er beim Reden über das Alter kritisiert: Die Hässlichkeit werde unterschlagen, "wir müssen auch mit dem Hässlichen fertig werden". Er wünsche sich, dass er sich bei seinen Enkeln entschuldigen könnte für das "was wir ihnen angetan haben".

Sich mit der eigenen Lebensgeschichte aussöhnen

Ingrid Riedel, Theologin und Psychotherapeutin aus Konstanz, freut sich, dass sie nun eine innere Unabhängigkeit und Freiheit gewonnen hat. "Im Alter kommen wir mehr zu einem Leben im Jetzt." Wir dürften endlich wir selbst sein. Für Anselm Grün, Benediktinerpater und Autor aus Münsterschwarzach, hat Alter auch etwas zu tun mit "in die Tiefe zu gehen", die Tiefen seiner Seele anzuschauen und damit wahrhaftiger zu sein. Für ihn bedeutet gelingendes Alter, sich mit seiner Lebensgeschichte auszusöhnen, dankbar zu werden für das, gewesen ist, Abschied von Illusionen zu nehmen, die sich nicht erfüllen lassen, Begrenzungen anzunehmen, und "abzudanken in Dankbarkeit". Aber: lebendig bleiben, die Dinge heiter, gelassen, locker sehen und lachen können. Was er jungen Theologen mitgeben würde, wurde er gefragt: dass sie Mut haben, eigene Worte und Meinungen zu finden, ohne daran zu denken, was der Bischof dazu sagen könnte. „Trau deinem Gefühl, deiner Weisheit, dem, was in dir ist“.

Wenn Wolfgang Thierse, ehemaliger Bundestagspräsident, den Politikern auf dem G7-Gipfel etwas sagen könnte, dann fiele ihm Einiges ein, besonders die bleibende Herausforderung von Migration und Flucht. "Das wird unseren Globus auf dramatische Weise bestimmen", ist er sich sicher. Außerdem würde er ein Plädoyer für Entspannungspolitik halten, und die G7-Staaten müssten es schaffen voranzugehen, um die Klimaziele zu erreichen. Nun, nach seiner Zeit im Amt, sei er erleichtert, denn er brauche seine eigene Meinung nicht mehr so ernst zu nehmen, weil nichts mehr darauf folgen müsse. Aber manchmal würde er sich schon gern noch einmischen, gab er zu.

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