Mein Kirchentag
Podium "Wer tanzt nach wessen Pfeife?"

Elmau gibt die Antwort

Globale Partnerschaft? Da gibt es einen großen Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit, meinen Entwicklungsexperten und auch das Kirchentagspublikum.

Von Tobias Schwab

Das Unterscheiden in Nord und Süd, in Geber- und Nehmerländer ist nach Ansicht des Parlamentarischen Staatssekretärs Hans-Joachim Fuchtel (CDU) eine "Denke von gestern". Heute müsse es in der einen Welt um globale Partnerschaften gehen. "Denn die Probleme, die Menschen in fernen Ländern betreffen, sind auch unsere Probleme. Das erleben wir heute schon auf vielen Feldern", sagte Fuchtel auf dem Evangelischen Kirchentag in Stuttgart. Für diese Partnerschaft seien die Kirchen die wichtigsten Mittler. "Denn die Global Prayer sind schon an Orten, wo die Global Player erst gar nicht hinkommen."

Fuchtel vertrat auf dem Kirchentagspodium "Wer tanzt nach wessen Pfeife? – Anspruch und Wirklichkeit globaler Partnerschaft" den eigentlich angekündigten Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU). Der habe kurzfristig wegen der Vorbereitungen für den G-7-Gipfel in Elmau absagen müssen, entschuldigte Fuchtel seinen Chef.

"Hegemonie in den internationalen Beziehungen"

Das exklusive Treffen der sieben führenden Industrienationen sei eigentlich schon die Antwort auf die Leitfrage des Podiums, bemerkte der mosambikanische Entwicklungssoziologe Professor Dr. Elisio Macamo, der in Basel lehrt: "Eine globale Partnerschaft gibt es eben nicht." Eine Einschätzung, die auch die meisten der Zuhörer teilten. Bei einer Abstimmung zu Beginn der Diskussion votierte eine übergroße Mehrheit der rund 800 Besucher für die Auffassung, von einer globalen Partnerschaft in der Entwicklungszusammenarbeit könne keine Rede sein, es seien nicht einmal langsame Fortschritte festzustellen.

Der südkoreanische Theologe und Sozialethiker Dr. Hong-Jung Lee beklagte die "Hegemonie" in den internationalen Beziehungen. "Es ist die Verantwortung der Christen, das zu hinterfragen und aufzubrechen", sagte Lee, der in Südkorea als Generalsekretär der Presbyterianischen Kirche fungiert. In einer globalen Partnerschaft müssten die Traditionen, Ressourcen und die Autonomie der örtlichen Gemeinschaften eine viel größere Rolle spielen.

"Globale Partnerschaft heißt zuallererst, dass ich den anderen verstehen muss", betonte Dr. Gisela Schneider, Direktorin des Deutschen Instituts für Ärztliche Mission. "Partnerschaft bedeutet, dass wir genau hinhören, wenn die Brüder und Schwestern in Not sind." Es gehe darum zu fragen, was die betroffenen Menschen brauchen. "Wir müssen die lokalen Gemeinschaften vor Ort befähigen, in die lokalen Systeme investieren und uns dann zurücknehmen."

"In die lokalen Systeme investieren"

Eine schnellere Hilfe nach diesem Muster hätte bei der Bekämpfung der Ebola-Epidemie in Westafrika viel früher zu Erfolgen geführt, sagte Schneider, die in Liberia im Einsatz war. Partnerschaft in einer solchen Krise dürfe nicht nur heißen, die großen Zelte einzufliegen. Es komme vor allem darauf an, lokale Ärzte, Krankenschwestern und Gesundheitshelfer in die Lage zu versetzen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

So viel Skepsis in Sachen globaler Partnerschaft wollte Staatssekretär Fuchtel dann doch nicht stehen lassen. Die internationale Impf-Allianz Gavi sei ein gutes Beispiel für eine gelungene partnerschaftliche Kooperation von Industrie- und Entwicklungsländern, von UN-Organisationen, Stiftungen und Pharmaherstellern, betone Fuchtel. Mehr als 500 Millionen Kinder in armen Staaten hätten dank Gavi gegen vermeidbare lebensbedrohliche Krankheiten geimpft werden können. Jüngst erst sei die Finanzierung für Impfungen von 300 Millionen Kindern in den nächsten fünf Jahren gesichert worden.

Stirnrunzelnde Frösche und Kühe

Dem widersprach Dr. Gisela Schneider vehement. Gavi sei ohne Zweifel erfolgreich, verfolge aber genau den "vertikalen Ansatz", der die lokalen Systeme nicht Blick habe. Die Tatsache, dass beim G-7-Gipfel das Thema Gesundheit auf der Agenda stehe, sei erfreulich. Dass es dabei aber um Regionen geht, deren Vertreter nicht mit am Tisch sitzen, sei schon sehr fraglich. Schneider appellierte an die Politik, mehr Geld für Entwicklungszusammenarbeit zur Verfügung zu stellen. Damit sollten dann die betroffenen Länder ihre eigenen Programme entwickeln können.

Minister Müller kämpfe engagiert für einen höheren Entwicklungsetat, sagte Staatssekretär Fuchtel, doch dafür brauche er auch parlamentarische Mehrheiten. Jeder könne im Dialog mit seinem Bundestagsabgeordneten Druck machen und dazu beitragen, dass das Bewusstsein dafür wachse, appellierte der Schwabe aus Calw an die Besucher des Evangelischen Kirchentages.

Auf die Frage von Moderator Jürgen Reichel an Elisio Macamo, was er den europäischen Regierungen hinsichtlich der "menschenrechtlichen Problematik ihrer Flüchtlingspolitik" ins Stammbuch schreiben wolle, antwortet der Soziologe lächelnd mit einem afrikanischen Sprichwort: "Stirnrunzelnde Frösche können Kühe nicht davon abhalten, Wasser aus dem Weiher zu trinken."

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