Mein Kirchentag
Französische Protestanten bereiten "Fest der Versöhnung" für 2017 vor

"Wir sind klein, aber wir wachsen"

Blick über den Rhein: Im Nachbarland bilden die Protestanten mit gerade mal zwei Prozent der Bevölkerung eine kleine Minderheit - weit hinter den Muslimen. Aber Noblesse oblige: Gruppen und Einzelreisende finden Unterschlupf in einem kirchlichen Haus ganz in der Nähe des Eiffelturms.

Von Wolfgang Heilig-Achneck

"Wir sind klein, aber wir wachsen", merkte Francois Clavairoly, Präsident des Protestantischen Bunds Frankreich, mit augenzwinkerndem Stolz zum Auftakt seiner Bibelarbeit an. Rund drei Dutzend Kirchen und Gruppierungen gehören dem Dachverband an, darunter Reformierte und Lutheraner, Methodisten, Freikirchen und viele andere. Mit einem Gemeinschaftsstand präsentierte sich die "Fédération Protestante" auf dem Markt der Möglichkeiten.

Aber selbst dort, wo der Protestantismus noch etwas stärker verankert ist wie im Elsaß, dominiert der strikte Laizismus in Politik und Gesellschaft. Das erschwert Vorhaben wie Versammlungen nach dem Vorbild des Kirchentags ungemein. An Dimensionen wie in Deutschland ist ohnehin nicht zu denken. Immerhin aber planen die Protestanten für 2017 ein eigenes Fest in Lyon. "Auf öffentliche Subventionen und Hilfen dürfen wir nicht hoffen", stellt Clavairoly nüchtern fest, "bestimmte Gruppen wachen mit Argusaugen darüber, dass Kirchen keine Förderung aus Steuergeldern erhalten".

Weil die Reformation - und Luther zumal - breiten Teilen der Bevölkerung herzlich gleichgültig sind, ist das Protestantentreffen nicht nur ökumenisch und international angelegt, sondern auch konzipiert als "Fest der Versöhnung". Zumal sich in Frankreich der Dialog mit dem Islam weder einfacher noch erfolgreicher gestaltet als in Deutschland. Die Versäumnisse wurden der Öffentlichkeit zuletzt im Zusammenhang mit den Attentaten auf das Satiremagazin schmerzlich bewusst. Doch im politischen Leben drohe über der Konzentration auf medienwirksame Aktionen und entsprechende Inszenierungen alles ernsthafte Bemühungen um sachliche Lösungen verdrängt zu werden, klagt Clavairoly.

Beeindruckt zeigte sich Clavairoly sowohl von der Gemeinsamkeit der Generationen beim Kirchentag und dem hohen Anteil junger Teilnehmer ("in Frankreich ist das Bild vom überalterten Deutschland weit verbreitet") wie von der schier unüberschaubaren Fülle an Gruppen und Institutionen auf dem Markt der Möglichkeiten, der damit als Schaufenster der Zivilgesellschaft wirkt. "Das ist Ausdruck der Offenheit wie auch der zivilisatorischen Kraft des Glaubens." Nicht anders als in Deutschland, sorgen Reizthemen wie die Anerkennung von Homo-Ehen für erhebliche Spannungen zwischen evangelikalen und liberalen Strömungen.

In seiner Bibelarbeit hatte Clavairoly die Erzählung von den klugen und törichten Jungfrauen im Matthäus-Evangelium als eine Art Märchen für Erwachsene gedeutet. Die Geschichte untergrabe die verbreiteten Vorstellungen vom Reich Gottes als einem jenseitigen Ort überquellender Fülle. "Da trifft die Kritik all derer zu, die diese Vorstellung nur als eine Vertröstung und als Ausgleich, ja Revanche für erlittenes Unrecht verstehen." Das  Reich Gottes sei aber weder örtlich noch zeitlich bestimmt und könne sich ganz unerwartet ereignen- und darauf gelte es, gefasst zu sein. Die Hochzeit ist dafür nur eine Metapher. Damit erweise sich Jesus weniger als mahnender, drohender, strenger Prophet, sondern vor allem als Weisheitslehrer.

 

 

Diese Seite teilen

Bleiben Sie immer über unsere neuesten Aktivitäten informiert.
Abonnieren Sie unseren regelmäßigen Newsletter.