Mein Kirchentag
Bibelarbeit Erhard Eppler

Zum Abschied: Seid klug und wachsam

Eine der profiliertesten Persönlichkeiten des Deutschen Evangelischen Kirchentages tritt ab: Mit einer Bibelarbeit hat Erhard Eppler seinen letzten Einsatz auf dem Kirchentag absolviert. Der inzwischen 88-jährige SPD-Politiker, mehrfache Kirchentagspräsident und Vertreter der Friedensbewegung verabschiedete sich mit der Auslegung eines Matthäus-Textes, mit dem er sichtbar rang - und "sein Jesusbild" verteidigte.

Von Rolf Masselink

Nicht oft enden die morgendlichen Bibelarbeiten auf dem Kirchentag mit stehendem Applaus. Im Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle würdigten die Zuhörer mit minutenlangem Beifall einen Mann, der den Kirchentag ebenso geprägt hat, wie die Friedensbewegung. Erhard Eppler hatte die Bibelarbeit als seinen letzten Beitrag zum Kirchentag angekündigt. Er gestaltete ihn als beinahe philosophische Betrachtung von Klugheit.

Die Parabel von den klugen Jungfrauen aus dem Matthäus-Evangelium entspreche nicht seinem Jesusbild, postulierte der 88-Jährige. Eine allegorische Deutung lehnte er ab. Eppler skizzierte die Parabel als Schilderung, in der viele Details offen bleiben, in der man sich "erst mühsam zurechtfinden" müsse. Die Einordnung des Bräutigams als Christussymbol beschreibe einen "barbarischen Christus", sie sei "unjesuaisch". Auch wenn er sich damit der Kritik vieler Kirchentagsbesucher aussetze: "Ich bin zu dem Schluss gekommen, die Parabel kann nicht von Jesus selbst kommen."

Hoffnungsschimmer früher Christen

Eppler ordnete das Gleichnis ein in die Christenverfolgungen am Ende des ersten Jahrhunderts. Es sei wohl erst zu jener Zeit entstanden und dann Jesus zugeschrieben worden. Die frühen christlichen Gemeinden seien damals "Freiwild" gewesen, verfolgt sowohl von den römischen Herrschern wie von jüdischen Gemeinden. Ihre letzte Hoffnung auf Rettung und Erlösung sei die bevorstehende Wiederkehr des Christi gewesen. Sie hätten an eine unmittelbar bevorstehende Wiederkehr Christi geglaubt, aber der genaue Zeitpunkt sei unbekannt gewesen. Angesichts dieser Naherwartung sei ständige Wachsamkeit und Bereitschaft angesagt gewesen.

Der Evangelist Matthäus habe, so Eppler, eine "nicht ganz gelungene Parabel" aufgeschrieben. Er habe damals aber die (bis heute nicht eingetretene) Naherwartung als bekannt voraussetzen können. "1900 Jahre nach Matthäus gehen wir heute natürlich anders an diesen Text heran. Eppler ist sicher: Matthäus würde über sein Ringen mit dem Text heute eher schmunzeln als empört sein.

"Dies ist mein letzter Beitrag für einen Kirchentag", verkündete Erhard Eppler am Schluss als ein "alter Mann, der weiß dass seine Tage gezählt sind". Beim nächsten Kirchentag 2017 sei er 90 Jahre alt. "Da reist man nicht mehr so gern." Damit schlug er einen Bogen zurück zu seiner ersten Bibelarbeit auf dem Kirchentag in Hannover 1967. "Festgebissen" habe er sich auch damals - an einem Text von Dietrich Bonhoeffer zum Thema Vorurteile. Dummheit, hatte Bonhoeffer 1944 geschrieben, sei kein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt. Der Dumme sei im Gegensatz zum Bösen mit sich selbst restlos zufrieden, Ihn plage kein schlechtes Gewissen. "Wir sind nicht, sondern wir werden entweder dumm oder klug", war Epplers Fazit in Anspielung auf das Kirchentagsmotto. Angesichts einer heutigen Gesellschaft, "in der man sehr viel Geld verdienen kann, indem man Menschen dumm macht", schloss er mit einer Mahnung: "Wir werden klüger, wenn wir mit unserer Eitelkeit fertig werden und die Grenzen unserer Fähigkeiten erkennen."

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