Mein Kirchentag
Ökumenische Bibelarbeit

Wir kennen weder Tag noch Stunde

"Wir sind berufen, uns achtsam mit der uns gegebenen Zeit zu beschäftigen." So deuten Karl Kardinal Lehmann und Kirchentagspräsident Andreas Barner in ihrer dialogischen Bibelarbeit das Gleichnis der Jungfrauen.

Von Silke Roß

Die Jungfrauen warten mit ihren Lampen auf den Bräutigam – fünf von ihnen haben ihre Vorräte aufgestockt und sind auf ein längeres Warten eingerichtet, die anderen fünf haben offenbar die Zeit des Wartens unterschätzt – sie sind nicht vorbereitet und werden in der Lutherübersetzung die "törichten Jungfrauen" genannt.

"Mir gefällt an den törichten Jungfrauen, dass sie nicht aufgeben", sagt Kirchentagspräsident Andreas Barner in der Dialog-Bibelarbeit mit Karl Kardinal Lehmann in der katholischen Domkirche St. Eberhard. "Obwohl sie erst erwachen, als der Bräutigam eintrifft, und sie auch dann erst merken, dass ihre Lampen erloschen sind, gehen sie los und versuchen, die Situation zu retten." Das erinnere ihn an Themen, die unsere Gesellschaft heute beschäftigen: "Die globale Klimaerwärmung oder auch der weltweite Umgang mit den Flüchtlingsströmen fordern uns zum Handeln auf – und wir wissen nicht, wie viel Zeit uns hier noch bleibt. Die törichten Jungfrauen machen es uns vor – es ist allemal besser, aktiv zu werden." Mit spontanem Applaus begrüßten die rund 500 Besucherinnen und Besucher in der vollbesetzten Kirche diese Ansage.

Karl Kardinal Lehmann verwies darauf, dass alle Jungfrauen über das Warten eingeschlafen seien – er deutet das als eine Verpflichtung, zwar bereit zu sein für die Ankunft des Herrn – sich aber auch auf eine lange Wartezeit einzustellen. "Es ist ein theologischer Streitpunkt, ob das Jungfrauengleichnis direkt auf Jesus zurück geht oder eher von der Gemeinde aufgeschrieben wurde." Über das Gemeindeleben zu Zeiten Jesu wisse man heute fast nichts, aber man könne doch davon ausgehen, dass "es damals wie heute darum geht, sich nicht von der Erwartungshaltung bremsen zu lassen. Der Glauben, dass die Ankunft des Bräutigams dicht bevor steht, kann das eigene Handeln ausbremsen. "Warum soll ich das tun, bald wird ja alles anders‘ ist genau so schädlich wie der Glauben daran, dass uns ewig Zeit bleibt, Dinge anzugehen", so der Kardinal.  

Das Gleichnis der Jungfrauen, wie auch die Losung des 35. Deutschen Evangelischen Kirchentages "damit wir klug werden", beinhalten eine Aufforderung zum Handeln, beziehungsweise zur achtsamen Auseinandersetzung mit der Frage: "Wie gehe ich mit der mir gegebenen Zeit um ?" 

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