Mein Kirchentag
Abend der Begegnung

Vom Herrgottsbescheißerle und schwäbischen Hausfrauen

Beim Abend der Begegnung konnten die Kirchentagsbesucher so richtig auf den Geschmack kommen. Die Gemeinden der beiden Landeskirchen Württemberg und Baden bereiteten den Gästen einen herzhaften Empfang.

von Tobias Schwab

Dieser Apfel ist eine Versuchung. Und an diesem Abend alles andere als verboten. Dekanin Regine Klusmann aus Steißlingen (Landkreis Konstanz) persönlich bietet die „paradiesische Frucht vom Bodensee“ beim Abend der Begegnung am Stand ihrer Kirchengemeinde an. „In der Sonne gebadet“, preist die Pfarrerin die Jonagold-Äpfel an. Und Jasmin Prochnow greift zu. „Sehr lecker“, sagt die 19-Jährige aus Rendsburg in Schleswig-Holstein, die mit einer Jugendgruppe nach Stuttgart zum Kirchentag gekommen ist, nach dem ersten Biss. „Ich freu mich, jetzt mal was Ordentliches zwischen die Zähne zu kriegen – und kein Fast Food.“

Von wegen schnelles Essen. An vielen Ständen der Kirchengemeinden, Vereine und Initiativen aus den beiden Landeskirchen bilden sich nach den Eröffnungsgottesdiensten am Mittwochabend schnell Schlangen. Im Zelt der Dreifaltigkeitskirche Leutkirch (Allgäu) läuft der Pizzaofen auf Hochtouren. „Leutkircher Krusti“ – mit gehacktem Schinken und geräuchertem Speck belegte und mit Käse überbackene Brötchen – finden reißenden Absatz. „Wir kommen kaum nach“, sagt Elfriede Olligmüller.

Eierteigwaren mit ungewöhnlichen Namen

In sieben Arealen präsentieren sich die verschiedenen Regionen der Landeskirchen an diesem Abend und tischen auf, was die lokale Küche zu bieten hat: Ofenschlupfer und Dinnede, Flachswickel und Gaisburger Marsch, Herrgottsbescheiserle und Buabaspitzle zum Beispiel. Eierteigwaren in den verschiedensten Variationen, für die die Schwaben und Badener so wunderbare Namen geprägt haben.

Und es steckt meist auch eine originelle Geschichte dahinter. Wie etwa beim „Crailsheimer Horaffen“, einem Hefeteilchen, das der Legende nach auf die Zeit um 1379 zurückgeht, als Crailsheim belagert wurde. Das erläutert Mechthild Pflieger den Gästen am Stand ihrer Gemeinde ausführlich. Um den Feinden zu zeigen, dass Crailsheim noch lange nicht am Ende ist, sammelten die Frauen das letzte Mehl, buken die in ihrer Form unverkennbaren Horaffen (= Horn offen) und warfen sie über die Stadtmauer. Gleichzeitig habe die Bürgermeisterin mutig die Zinnen bestiegen und den Angreifern ihren entblößten Hintern gezeigt, erzählt Pflieger, die die traditionelle lokale Sonntagstracht sichtlich mit Stolz trägt und für einen Besuch „in unserer wunderbaren Stadt“ wirbt.

Auch landschaftliche Reize werden angepriesen

Viele der Regionen bieten an diesem Abend nicht nur deftigen Gaumenschmaus, sie stellen auch die landschaftlichen Reize und Sehenswürdigkeiten ihrer Heimat heraus. Die Ulmer Gemeinde von Pfarrer Hans-Jörg Mack bringt beides gelungen in Verbindung. Sie bietet den Ulmer Spatz, ein Wahrzeichen der Stadt, das auf dem Münster-Dach sitzt, als Gebäck an und präsentieren alte Sandsteinfragmente aus dem Chor der Kirche. Wer will, darf sich unter Aufsicht von Dorothe Hag, Bildhauerin in Ausbildung, mit Hammer und Meißel ein „Stück Münster abschlagen“ und gegen eine Spende für die Sanierung des gotischen Sakralbaus mit nach Hause nehmen. „Eine tolle Idee“, findet Henrike Brunsmann aus Werne und holt mit dem Hammer aus. „Ist ja immerhin die Kirche mit dem größten Kirchturm der Welt.“

An anderen Ständen versuchen Gemeinden die flanierenden Besucherinnen und Besucher mit dem Argument der sprichwörtlichen schwäbischen Hausfrau zu locken: „Spara kann mer au“, werben plakativ die Ehrenamtlichen aus dem Hohenlohischen Frankenhardt und bieten Rabatt für die Kombination von Maultaschen und einem Getränk. Am Imbiss des Kirchenbezirks Aalen kann man am Glücksrad sogar ein Abendessen gewinnen – und die Kirchentagsbesucher stehen tatsächlich Schlange.

Anne Jütting aus Oldenburg will sich mit solchen Lockangeboten nicht aufhalten. Sie gönnt sich zum Auftakt ihrer kulinarischen Reise am Abend der Begegnung einen „Hohenloher Blootz“, eine Art schwäbische Pizza auf Sauerteig. „Ich finde es immer wieder toll, auf Kirchentagen die regionalen Spezialitäten kennenzulernen“, sagt die Leiterin eines Posaunenchors und zieht bald weiter. Schließlich heißt das Motto des Abends „Gugg gscheid na“ (Schau genau hin) – und da gibt es in der lauen Sommernacht noch viel zu entdecken.

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