Mein Kirchentag
Es macht einfach Spaß, dabei zu sein

Anreise

Aus den Reisezügen am Stuttgarter Hauptbahnhof quellen dicke Trauben schwer bepackter Menschen. Die meisten staunen erst einmal über die gigantische Baugrube von "Stuttgart 21". Die S- und U-Bahnen sind trotz verdichteter Taktfolgen proppenvoll. Mit der Ankunft zehntausender Mitwirkender hat die Anreisewelle zum Kirchentag ihren Höhepunkt erreicht.

von Rolf Masselink

"Es macht einfach Spaß, beim Kirchentag mitzuarbeiten und auch inhaltlich viel mitzukriegen", ist Britta Krause überzeugt. Trotz zehnstündiger Bahnreise aus dem niederländischen Groningen ist die 40-Jährige kein bisschen genervt. "Die Stimmung hier ist toll", sagt sie. Britta Krause ist auf den Evangelischen Kirchentagen ein "alter Hase": 1987 in Frankfurt war sie das erste Mal als Helferin dabei, und auf allen folgenden bis 1995. 1997 in Leipzig übernahm sie die Leitung eines Forums. "Danach war viele Jahre Pause", lacht sie. 2013 in Hamburg stieg sie wieder ein und kümmert sich seitdem um den Stand des Vereins der Freundinnen und Freunde des Kirchentages. Auch hier in Stuttgart ist sie gemeinsam mit ihrer Schwester jetzt dabei, im Zelt des Vereins neben der Zelthalle 4 den Stand einzurichten. "Ich finde den Kirchentag als Bewegung einfach spannend", sagt sie und bastelt weiter an den bunten Papierbäumchen-Anhängern, die sie ab morgen an die Besucher am Stand ausgeben will.

Mehr als 97.000 Dauerteilnehmende erwartet das Kirchentagspräsidium zum 35. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart. Rund ein Drittel von ihnen sind Mitwirkende, also unterschiedlichste Funktionsträger sowie etwa 11.000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer. Sie sind für alle Kirchentagsbesucher leicht erkennbar an ihren himmelblauen Halstüchern mit dem weißen Aufdruck "Ich helfe".

Die Kluft gehört dazu

Auch Petra Jansing trägt das Helferhalstuch über ihrer mausgrauen Pfadfinderkluft. Die Pfadfinder stellen einen großen Teil aller Helfer auf den Kirchentagen. Gemeinsam mit zwei anderen Pfadis hat die 42-Jährige "Torwache" an der Hauptzufahrt zum Veranstaltungszentrum an der Hanns-Martin-Schleyer-Halle. "Wir achten hier darauf, dass nur berechtigte Personen und Fahrzeuge auf das Gelände kommen." Schweißtreibender Schichtbetrieb in praller Mittagssonne. Trotzdem: Die "Kluft" gehört dazu. Die geheimnisvolle Welt der Pfadfinder, ihre mit bunten Aufnähern bestückten Kluften, die verschiedenfarbigen Halstücher, ihr Gruppenbewusstsein und ihre Rituale bleiben den meisten Besuchern des Kirchentags irgendwie fremd. Aber als allgegenwärtige und hilfsbereite Helfer gehören die Pfadfinder für jedermann einfach zum Kirchentag dazu.

Petra Jansing erlebt in Stuttgart nicht ihren ersten Kirchentag. Sie kennt die Aufgaben für ihre Gruppe. "Jeder Kirchentag ist anders", sagt sie, "aber jeder ist wieder gut. Man trifft auf jedem Kirchentag alte Bekannte wieder und gewinnt neue dazu. Das ist irgendwie wie eine große Familie."

Es sind vor allem die Helfer und die Mitwirkenden, die mit der ersten großen Anreisewelle das Kirchentagsgelände bevölkern. In der Hallenstadt mit ihren immerhin 45.000 Quadratmeter Zeltfläche bauen allein einige hundert fleißige Hände die Präsentationsstände auf dem "Markt der Möglichkeiten" auf. 

Hochbetrieb herrscht auch an den Schaltern des Teilnehmendenservice im Foyer der Porsche-Arena. Hier können Teilnehmende und Mitwirkende sich mit ihren Fragen melden, nicht benötigte Karten zurückgeben oder Fragen zu ihrer Unterbringung in Privat- oder Gemeinschaftsquartieren loswerden. "Wir kriegen hier ein paar hundert Anrufe pro Tag", berichtet die Leiterin, Julia Junge, "eine Mischung aus Anstrengung und Beschwerden und liebevollen Geschichten". Da melden sich Stuttgarter, die ganz kurzfristig doch noch einen Kirchentagsgast bei sich beherbergen wollen, und andere, die das zugesagte Privatquartier in letzter Sekunde wieder absagen müssen, weil sie einen Todesfall in der Familie haben. 

Das Einchecken läuft auf Hochtouren

Gleich nebenan am "International Desk" läuft das Einchecken der ausländischen Gäste auf Hochtouren. Fast 5.200 internationale Teilnehmer haben sich zum Kirchentag angemeldet. Eine von ihnen ist die Ungarin Elisabet Koncz. Mit dem Auto ist die 61-Jährige ganz allein nach Stuttgart gefahren, Zwölf Stunden hat sie am Steuer gesessen. "Ich wollte nur wissen, ob ich an diese Adresse einfach so hinfahren kann", fragt sie am Schalter nach. Das kann sie, ihr Privatquartier ist gebucht und erwartet sie. "Ich freue mich auf den Kirchentag, will die Veranstaltungen sehen und Konzerte hören und Kirchen besichtigen und - wie heißt das? - das ansehen, wo der König gewohnt hat?" Das Schloss? Ja genau. Und weg ist sie.

Auf der anderen Seite des Tresens "arbeitet" Simon. Keine Schublade ist vor ihm sicher, an jedem Tisch zieht er sich hoch. Simon ist ein Jahr alt und der Liebling der 35-köpfigen Servicemannschaft. Während seine Mutter Anna Schäfer am Counter geduldig die Fragen der Ankommenden beantwortet, krabbelt Simon putzmunter zwischen den Arbeitsplätzen umher. "Wir müssen unsere Nachwuchskräfte möglichst früh anlernen", frotzelt ein Kollege.

Da muss auch Anna Maudé schmunzeln. Die 40-Jährige ist mit ihrem Mann soeben aus Sierra Leone eingetroffen und meldet sich gerade für das Internationale Zentrum an. Genau wie Reverend Isaac Toluua Agbelayi aus Nigeria. Beide sind gespannt auf das Programm, das Kirchentagspräsident Prof. Andreas Barner gerade bei der Eröffnungspressekonferenz als ein "Fest der guten Diskussion und der wohlwollenden gegenseitigen Akzeptanz" angekündigt hat.

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