Mein Kirchentag
Ankunft im Gemeinschaftsquartier

Wenn die Schule zum Schlafplatz wird

Schulfrei für den Kirchentag? Naja, fast. Die Jugendlichen aus den Gemeinden des evangelischen Kirchenkreises Mecklenburg entkommen zwar in den nächsten Tagen ihrem Mathe-, Biologie- und Englischunterricht, schlafen müssen sie aber trotzdem in der Schule.

von Viktoria Bolmer

95 Kinder, Jugendliche und Betreuer aus Schwerin finden während des Kirchentages einen Schlafplatz dort, wo sonst die Köpfe der Kornwestheimer Schülerinnen und Schüler rauchen. Den Überblick im Ernst-Sigle-Gymnasium behalten Kerstin und Klaus Dengler. Das Ehepaar verteilt Schlafplätze, Quartiersausweise und hilft den Gästen aus Norddeutschland auf der Suche nach Duschen, Toiletten und Frühstücksräumen.

Zwei silbrig glänzende Busse mit Schweriner Kennzeichen bewegen sich langsam zwischen zwei Reihen parkender Autos die Auffahrt zum Ernst-Sigl-Gymnasium in Stuttgart-Kornwestheim hinauf. Der Busfahrer lässt Druck von den Reifen, es zischt, die Tür öffnet sich. Er steigt aus, schaut nach links und rechts und runzelt die Stirn. „Wie sollen wir denn hier jemals wieder rauskommen?“ Nach zehn Stunden Fahrt verlassen die Kinder, Jugendlichen und etwa ein Dutzend Begleiter die zwei Busse. Was man auf dem ewig langen Weg von Schwerin nach Stuttgart so treibt? „Essen und Schlafen“, sagt die 11-Jährige Paula Harder. Wer um fünf in der Früh aufstehen muss, hat einiges nachzuholen.

Mädchen ins erste Obergeschoss, Jungs ins Zweite

Die Kinder und Jugendlichen schnappen sich Luftmatratzen, Schlafsäcke und Rucksäcke und schlendern die wenigen Meter bis vor den Eingang der Schule. Weiter geht’s erst mal nicht: Direkt dahinter warten Kerstin und Klaus Dengler, die Quartiersmeister. An ihnen kommt so leicht keiner vorbei. „Nur Mädchen dürfen rein!“ lautet das Kommando. Etwa zehn Mädchen zerren gleichzeitig ihr Gepäck durch die Tür, ein kleines Chaos bricht aus. Bis es jede einzelne mitbekommen hat, verkündet Kerstin Dengler mindestens fünfmal: „Alle Mädchen ins erste Obergeschoss, ins erste Obergeschoss!“. Als hinter der Letzten die Glastür ins Treppenhaus zufällt, lassen die Quartiermeister die Jungs herein. „Alle ins zweite Obergeschoss, ins zweite Obergeschoss!“

Mit einem Dauergrinsen im Gesicht schaut Roland von Engelhardt seinen Schützlingen auf der Suche nach ihrem Schlafplatz zu. An dem 52-Jährigen Gemeindepastor aus Schwerin haben die lange Fahrt und das frühe Aufstehen keine Spuren hinterlassen, er freut sich auf den Abend der Begegnung. „Ein Highlight am Kirchentag“, weiß er. Der Pastor schläft nicht bei den Kindern und Jugendlichen, sondern in einem separaten Betreuerzimmer. Er rechne zwar damit, dass die jungen Leute nachtaktiv seien. Erfahrungsgemäß erledige sich das aber ziemlich bald. „Wenn sie den ganzen Tag auf den Beinen sind, und erstmal liegen, ist es schnell ruhig.“

"Schwerin 3"

Im ersten Obergeschoss der Schule rollt ein einsames Skateboard über den Flur. In einem Klassenraum, der kurzfristig in „Schwerin 3“ umbenannt wurde, werfen zehn Jungs ihr Gepäck in die Ecken. Noch ist kein Platz zum Schlafen. Sie schieben Tische und Stühle an die Wände, rollen Isomatten und Luftmatratzen aus. „Für die nächsten Tage haben wir uns ein paar Bibelarbeiten ausgesucht, und zum Poertry Slam würde ich gerne gehen. Ansonsten schauen wir mal was so geht“, erzählt der 16-Jährige Jonas Köhler.

„Viel Fantasie haben die Jugendlichen nicht, was das Programm angeht“, sagt von Engelhardt. „Da müssen wir schon einige Vorschläge machen.“ Deshalb erkunden sie in Kleingruppen ab Donnerstag den Kirchentag, um eine Auswahl anbieten zu können. Etwa ein Dutzend ehrenamtliche Betreuer unterstützen Engelhardt. „Viele der Kinder und Jugendlichen sind jünger als 16 und müssen immer unter Aufsicht sein“, erklärt  er.

Keine Supernanny

Das Ehepaar Dengler hat die größte Schwierigkeit ihrer neuen Aufgabe schon überwunden: Noch mehr Helfer für die Unterkunft zu finden. „Wir brauchten Leute, die die Nachtwache übernehmen. Das war nicht einfach“, sagt die 47-Jährige Kerstin.

Es sei viel zur organisieren in diesen Tagen, aber sie würden trotzdem damit rechnen, genügend Schlaf zu bekommen. Als ein Helfer Dengler nach dem Abendprogramm der Besucher aus Schwerin fragt, ist ihre Antwort: „Dafür haben die doch ihre Gruppenleiter. Schließlich bin ich nicht die Supernanny!“

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