Mein Kirchentag
Fahrrad-Pilger

Auf dem Rad für besseres Klima

Aus allen Himmelsrichtungen kommen sie. Ab Esslingen fahren die Fahrrad-Pilger dann gemeinsam nach Stuttgart. Aufgerufen von Brot für die Welt wollen die Radler ein Zeichen setzen.

von Johannes Lohmaier

An der Spitze ein Polizeibus. An der Seite Motorrad-Polizisten. Autos werden gestoppt und müssen den Weg freimachen. Rote Ampeln darf die Delegation ignorieren. Sie hat Vorfahrt. Auch wenn es danach klingt – Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich erst für Freitag angekündigt. Umringt von Polizeiautos fährt am Mittwochmittag daher nicht die Regierungschefin, sondern eine Schar Radler mit dem Ziel Evangelischer Kirchentag in Stuttgart. Manche in professioneller Radlerhose, andere mit prall gefüllten Satteltaschen. Und wieder ein anderer auf einem klapprigen Kirchentags-Fahrrad mit einer Acht im Hinterreifen, das danach aussieht, als wäre es schon bei dem ersten Kirchentag dabei gewesen.

Das evangelische Hilfswerk Brot für die Welt rief die Besucher des Kirchentags auf, mit dem Fahrrad nach Stuttgart zu reisen. Aus allen Himmelsrichtungen fuhren Menschen nach Esslingen, um von dort aus gemeinsam nach Stuttgart zu fahren. Eine 15 Kilometer lange Sternenfahrt, bei der Gruppen und Einzelfahrer ein Zeichen setzen wollten. Denn eine Großveranstaltung wie der Kirchentag mit etwa 100.000 Teilnehmenden belastet das Klima. Mit der "Brot-Tour" gehen oder eher fahren die Radler mit gutem Beispiel voran: Klimafreundlich anreisen, statt im Stau stehen. Die Organisatoren von Brot für die Welt verknüpften die gemeinsame Tour von Esslingen nach Stuttgart mit einem weiteren Anliegen. Sie wollen Aufmerksamkeit schaffen für ihr Projekt "Satt ist nicht genug". Denn obwohl der Hunger in der Welt abnimmt, leiden immer noch sehr viele Menschen an Mangelernährung. Egal woher sie kamen, am Mittwochmittag starteten sie – begleitet von der Polizei – auf die letzte Etappe nach Stuttgart.

Über 900 Kilometer mit dem Fahrrad

Cornelia Oertel sticht unter den Fahrrad-Pilgern sofort heraus. Zwei riesige, schwarze Satteltaschen klemmen den Hinterreifen ein und noch eine Tasche hat sie sich auf den Gepäckträger geschnallt. Gemeinsam mit Ansgar Hagemann und 20 weiteren Leuten startete sie aus Hamburg. Die gesamte Streckte legten sie auf dem Fahrrad zurück. Hagemann ist der Organisator dieser 900 Kilometer-Tour. Auch ohne Aufruf fährt er seit vielen Jahren auf dem Rad zum Kirchentag. Als Mitglied des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) in Osnabrück führt er die Radtouren zum Kirchentag schon seit 2007 an. Dass die Truppe in Hamburg startete, ist kein Zufall. Denn vor zwei Jahren fand der Kirchentag dort statt. Hagemanns Touren nehmen immer die Vorgängerstadt des Kirchentags als Ausgangspunkt. Aber nicht nur die evangelischen, sondern auch den Katholikentag bereisen sie mit dem Fahrrad.

Oertel und Hagemann radelten die fast 1000 Kilometer von Nord nach Süd in elfeinhalb Tagen. "Obwohl wir quer durch Deutschland gefahren sind, mussten wir recht wenige Höhenmeter bewältigen", resümiert Hagemann. 85 Kilometer ließen sie täglich hinter sich. Wo die Radler ihre Nächte verbracht haben, darauf lässt das monströse Gepäck eigentlich schon schließen: auf Luftmatratze und Schlafsack in Pfarrzentren.

Ratsvorsitzender Bedford-Strohm macht sich stark für Radfahrer

Mit nicht 900 sondern eher 15 Kilometern gaben sich die prominenten Radler bei der "Brot-Tour" zufrieden. Wie Heinrich Bedford-Strohm, der sich mit Fahrradhelm und rotem Kirchentagsschal in die Kolonne mischte. "Radfahren tut meinem Körper gut, so komme ich jeden Tag zur Arbeit", verrät der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche kurz vor der Abfahrt. In der Aktion sieht er allerdings mehr als ein Fitnesstraining für den Körper. Jeder müsse sich fragen, was er dazu beitragen könne, dass die Natur weniger zerstört werde. Für Bedford-Strohm ist das Fahrrad zumindest eine Möglichkeit.

Genauso überzeugt vom Fahrrad als alternativem Verkehrsmittel zeigte sich Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann. Für den Grünen-Politiker passte die Aktion gut zu seinem Plan, die Radkultur voranzubringen. "Wir wollen Baden-Württemberg zu einem fahrradfreundlichen Land machen. Wir haben da einen richtigen Nachholbedarf."

Die beiden Fahrrad-Pilger Cornelia Oertel und Ansgar Hagemann sind auch nach den letzten Kilometern der "Brot-Tour" noch gut gelaunt. Trotz der 900 Kilometer wollen sie das Programm beim Kirchentag voll ausnutzen. Wieder mit Luftmatratze und Schlafsack verbringen sie die Nächte in einer Gemeinschaftsunterkunft. 2017 werden sie ihr Gepäck dann für den nächsten Kirchentag schnüren. Dann aber von Stuttgart nach Berlin, über 660 Kilometer; wieder eine genügend lange Strecke, um ein Zeichen zu setzen.

Auf dem Weg nach Stuttgart.

Die Prominenz bei der "Brot-Tour".

Die Pilger warten am Bahnhof in Esslingen.

Angekommen in Stuttgart sprechen Heinrich Bedford-Strohm und Winfried Hermann.

Thema: Fahrradfahren in der Stadt.

Heinrich Bedford-Strohm erzählt von seinen täglichen Radfahrten zur Arbeit.

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