Mein Kirchentag
Blick ins Zentrum Jugend

Draufhauen, was das Zeug hält und cool bleiben

Bunt wie das Leben schillert beim Kirchentag die evangelische Jugendarbeit. Von Sport bis stille Einkehr, von Bühnenshow bis Selbsterfahrungsspiel reicht die Palette. Und bei allen heißt es in diesen Tagen: immer schön cool bleiben!

Von Volker Rahn

Die Jungs aus Brühl bei Köln haben jede Menge Spaß. Was sonst auf dem Schulhof strengstens verboten ist, ist im Jugendzentrum des Kirchentags erlaubt: Boxen, Rangeln, Draufhauen, was das Zeug hält. Genau deshalb sind sie hier. "Vielleicht auch, um sich gegenseitig ein paar Regeln im Ringen und Boxen beizubringen", ergänzt der Schüler der elften Klasse, Matthias Dahlmann. Der Kirchentag hat in Stuttgart eine Turnhalle zur "Rangelhalle" mit Matten, Kissen und improvisiertem Boxring umfunktioniert. Exklusiv ist sie den Jungen vorbehalten. Mädchen haben hier keinen Zutritt. "Nicht, um die Mädchen auszugrenzen, sondern um die Jungs einzugrenzen", wie Rainer Schnebel erklärt. "So können sie unter sich bleiben, das ganze Posing vor dem anderen Geschlecht fällt weg", sagt der Jugend- und Männerreferent der badischen Kirche, der die Idee dazu hatte.

In einem Forschungsprojekt geht Schnebel auch dem nach, wie die Kirche für Jungs und junge Männer wieder attraktiver werden kann. "Denn ohne Glauben sind sie nicht", sagt er aus Erfahrung. Doch für die meisten sind politische Podiumsdiskussionen und hochkarätige Klassikkonzerte nicht unbedingt das Thema, das sie von den Papphockern reißt. Stattdessen drehe sich bei ihnen alles darum, Grenzen auszuloten, was wiederum ein eminent religiöses Thema sei. Bei Schnebel und in seiner Rangelhalle bietet sich ihnen zwischen jeder Menge Matten genau dafür genügend Platz.

Domino-Kunst als Spiel des Lebens

Nicht rohe Kraft, sondern Fingerspitzengefühl ist dagegen am Stand des Evangelischen Jugendwerks aus Württemberg im Jugendzentrum des Kirchentags gefragt. Hier werden aus bunten Dominosteinen fragile Kunstwerke. Straßen von sorgfältig aufgestellten Spielsteinen winden sich über Brücken und um Kurven. Werden sie angetippt, fallen sie in atemberaubendem Tempo um. Stundenlage Arbeit ist dann in wenigen Sekunden hin. Der ganze Spaß hat indessen einen ernsten Hintergrund: Das Spiel steht als Symbol für das Leben, das so fragil wie Domino-Bauwerke ist und oft schnell zusammenfällt. Die Idee mit den Spielsteinen soll dazu anregen, über das Leben und ältere Menschen nachzudenken. Wieder ums festere Anpacken geht es in der hölzernen Rundkirche des württembergischen Jugendwerks. Hier und da fehlen in dem mobilen Gotteshaus noch Wände, ganz zu schweigen von Fenstern. Auf dem Kirchentag können Teile des Bauwerks von jedem gebastelt, gemalt und eingesetzt werden. Das soll zeigen: Jeder baut an der Kirche mit. Und irgendwie scheint sie nie richtig fertig zu werden.

Nur gut, dass das Improvisationstheater „Sonntagsschüler“ aus Hildesheim und Leipzig das nicht mitbekommen hat. Auf der Open Air Bühne im Jugendzentrum gerieren sie sich gerade als Holzwürmer. Die perfiden Tierchen haben es auf den Kirchentag selbst abgesehen und wollen ihn boykottieren. Nun nagen sie alles an, was nicht Niet und Nagelfest ist, um es zum Einstürzen zu bringen. An dem Mercedes-Benz-Museum in unmittelbarer Nähe dürften sie sich aber ihre Zähnchen ausbeißen. Nicht nur, dass es aus Stahl und Beton ist. Im Inneren feiert die katholische Jugendseelsorge einen Ökumenischen Kreuzweg-Gottesdienst, in dem die Überwindung des Leids im Zentrum steht. Ruhig geht es zu, besinnlich im abgedunkelten und klimatisierten Raum, der an ausgestellten Nobelkarossen vorbeiführt. Nichts scheint hier die Welt aus den Fugen heben zu können. Keine Chance für Holzwürmer.

Bunt wie das Leben

Kaum einen Steinwurf weiter bebt indessen das Zelt. Die Vereinte Evangelische Mission hat zum internationalen Jugendgottesdienst geladen. Unterm brütend heißen Dach wird zu Gospeln geklatscht, dass es eine wahre Wonne ist. Dabei ist das Thema, um das es geht, ernst: Menschenhandel und Missachtung der Menschenrechte.

Bunt wie das Leben schillert an diesem sonnigen Kirchentags-Tag die Jugendarbeit der evangelischen Kirche. Von Sport bis stiller Einkehr, von Bühnenshow bis Selbsterfahrungsspiel reicht die Palette. Und dabei reihen sich die Anbieter wie ein einer Perlenkette friedlich aneinander – vereint im Ziel, junge Menschen für den Glauben zu begeistern.

Schließlich müssen einen die Differenzen, die zwischen manchen Jugendverbänden herrschen, auch mal kalt lassen. Tatsächlich lässt manchmal die Not vor Ort so manchen Glaubenszwist vergessen. So ist der CVJM mit seiner Ten-Sing-Gruppe sonst für besondere Gottesdienste mit flotten Choreographien und ebensolcher Musik bekannt. Doch statt heißer Show steht an diesem Tag mit gefühlten 50 Grad Außentemperatur kühle tätige Nächstenliebe auf dem Programm: Jeder, der möchte, erhält vor dem Stand eine erfrischende Dusche aus der Wasserspritze. Großer Einsatz, diesmal aber mehr zum Wohl der Menschen als zum Lobe Gottes. Echt cool!

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