Mein Kirchentag
Regionales Kulturprogramm

Neue Musik für die Ewigkeit

Gleich drei Uraufführungen in einem Konzert – das gibt es selbst im musikbegeisterten Stuttgart nicht alle Tage. Zum Kirchentag entstanden gleich eine ganze Reihe neuer Werke sakraler Musik für Chor, Orchester und Orgel. Drei davon fügten sich im gut besuchten Beethovensaal der Liederhalle zu einem ungewöhnlichen Programm, sicher nicht von ungefähr unter dem Titel "Zeit und Ewigkeit". Ist doch Musik immer einmalig und dem Augenblick verhaftet und beschwört doch zugleich überirdische Sphären – wie Moritz Eggerts "Halleluja/Apokalypsis".

Von Wolfgang Heilig-Achneck

Unter der zupackenden Leitung von Rainer Johannes Homburg stimmten die Stuttgarter Hymnus-Chorknaben, in schwarzen Roben mit weißen Kragen, das fast paradox anmutende Gotteslob an: Wie lässt sich der Allmächtige feiern angesichts bedrohlichen Endzeiterscheinungen aus der Offenbarung? Eggert, der sich bei den Künstlern begeistert für die Interpretation bedankte, entfaltet die tonalen Linien über einem sacht einsetzenden und sich verdichtenden Sprachteppich. Das Ensemble hatte die Komposition zum Kirchentag in Auftrag gegeben.

Stimmlich und rhythmisch gefordert sind die jungen Sänger, die erst am Vortag von einer Chorreise zurückgekehrt waren, auch bei den El Roi-Impressionen von Günter Berger. Beruhend auf einer eigenwilligen Mischung von Texten aus dem Alten Testament und des Dichters Reinhard Rakow, gehört dieses Werk allerdings nicht zum Uraufführungsreigen. Es entfaltet ein Klangspektrum, das neben Tonkaskaden und feinen Spitzen, die sich bei der Anrufung "Liebling Jahwes" auch einmal zu einem motettenartigen Satz fügen, auch Stampfen, Schnalzen, Pfeifen, Zischen und Kieksen umfasst.

Die Geburt im Herzen

Selbst einen Teil zum Gelingen beitragen durfte und musste das Publikum bei Jörg Herchets "Die Geburt im Herzen". Der Schöpfung für Chor a capella und Schlagwerk, in Auftrag gegeben von der Internationalen Bachakademie Stuttgart, widmete sich die renommierte Gächinger Kantorei mit Hans-Christoph Rademann, unterstützt von AuditivVokal Dresden. Eine passende Wahl, denn Herchet stammt aus Elbflorenz und war in der DDR wegen seines aus sozialistischer Perspektive "unwürdigen", also allzu avantgardistischen Stils nicht zum Staatsexamen zugelassen worden.

Von starken Kontrasten geprägt, schwankt auch seine aktuelle Komposition zwischen atonalen Strukturen und dem eingängigen Refrain "wunderbarer Tausch im Herzen", in den neben Chor und vier Solisten auf der Empore auch die Zuhörer einstimmten, was dem sangesfreudigen Kirchentagspublikum nach kurzer Einweisung zu Beginn nicht weiter schwer fiel. Die Mess- und Psalmtexte pendeln zwischen Latein und Deutsch; flirrende, auch schrille, sirenenartige Tonfolgen wechseln mit abrupt einsetzender und damit klar akzentuierter Stille.

Heiliges Gefäß

Das üppigste, in der Klangsprache aber wohl auch verständlichste Werk des Abends stammt von Martin Smolka. Beeindruckt vom Markusdom in Venedig, deren Emporen einst den Gebrüdern Gabrieli den Anstoß zur Entwicklung der Mehrchörigkeit gegeben hatten, konzipierte auch gebürtige Prager sein "Heiliges Gefäß" (Sacred Vessel) für drei Chöre, die den Klang durch den Raum wandern lassen oder im musikalischen Hin und Her gegensätzliche Positionen markieren. Jörg-Hannes Hahn am Pult treibt neben der Gächinger Kantorei auch den Bachchor Stuttgart und den Philharmonia Chor Stuttgart hinein in die geradezu plastischen Tongemälde, wenn etwa, nach Psalm 93, die Wasserströme ihr Brausen erheben oder, nach Jesaja, fliehende Rosse durch den Saal jagen, akzentuiert vom penetranten Nein des Gottesvolkes, das seinem Herrn den Gehorsam verweigert. "Aber glauben Sie keinem Komponisten, was er über seine Musik sagt", merkte Smolka in einem Kurzinterview mit ironischem Augenzwinkern an, "ich bin noch nie auf einem Pferd gesessen".

Unter dem Titel "Bach und Neues" stellte am selben Abend, neben zwei Kantaten des Thomaskantors, Stiftskirchenkantor Kay Johannsen in "seiner" Kirche eine eigene Neukomposition vor.

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