Mein Kirchentag
Podium "Weltmeister oder Entwicklungsland?"

"Das Ende der Armut ist in Sicht"

Melinda Gates setzt große Hoffnungen in die globalen Nachhaltigkeitsziele. Die Regierungen müssten allerdings zu ihren finanziellen Zusagen in der Entwicklungszusammenabeit stehen.

Von Tobias Schwab

2015 ist in den Augen von Melinda Gates "für eine ganze Generation das wichtigste Jahr in der internationalen Entwicklung". Das sagte die us-amerikanische Philanthropin und Ehefrau von Microsoft-Gründer Bill Gates auf dem Evangelischen Kirchentag mit Blick auf die globalen Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals, SDG), die den Millenniumsentwicklungszielen folgen sollen.

"Lassen Sie uns jetzt die Gelegenheit beim Schopf packen, um eine bessere Welt zu gestalten", appellierte Gates an die Zuhörer beim Forum "Weltmeister oder Entwicklungsland – Deutschland und die globalen Nachhaltigkeitsziele?" im überfüllten Mozartsaal der Stuttgarter Liederhalle.

Das Ende der Armut sei zumindest in Sicht, sagte Gates. Jeder könne dazu beitragen. Am besten auf dem Feld, "auf dem er einen Unterschied machen kann und eine Stimme hat". Die Bill und Melinda Gates Foundation werde sich weiterhin für die Gesundheit von Müttern und Kindern sowie in der Landwirtschaft engagieren.

Zentral  für die Entwicklung eines Landes sei die Förderung von Mädchen und Frauen, betonte Melinda Gates, die gemeinsam mit ihrem Mann die mit Abstand größte Privatstiftung der Welt führt. "Wenn wir den Frauen finanzielle Mittel und Befugnisse in die Hand geben, dann setzen wir eine Aufwärtsspirale in Gang."

"Regierungen festnageln"

Priorität müsse auch das Engagement gegen die Mangelernährung haben. Trotz der Erfolge bei der Hunger- und Armutsbekämpfung "leiden noch eine Milliarde Menschen darunter – und kaum einer spricht darüber", betonte Gates. Besseres Saatgut und die Beratung von Kleinbauern könne helfen, die Menschen zu ernähren. Ihre Stiftung setzte dabei vor allem auch auf technische Innovationen.

Neben  den "guten Nachhaltigkeitszeilen" sei aber auch die Finanzierung von Entwicklungshilfe eine zentrale Frage. "Wir müssen unsere Regierungen darauf festnageln, dass sie ihre Versprechen, 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens für Entwicklung aufzuwenden, auch endlich einhalten."

"Wohlfahrtskonzept für neun Milliarden Menschen"

Professor Dr. Dirk Messner, Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik, nannte die SDGs der Vereinten Nationen ein "Wohlfahrtskonzept für die bald neun Milliarden Menschen". Mit den 17 Zielen würde die Armuts- mit der Nachhaltigkeitsagenda zusammengebracht.

Im Unterschied zu den Millenniumszielen gelten die SDGs nicht nur für arme Staaten, auch Schwellen- und Industrieländer müssten sich zu den Zielen bekennen und verpflichten, betonte Messner. Um die universellen Ziele umsetzen zu können, brauche es nun eine globale Kooperationskultur. "Das ist eine zivilisatorische Herausforderung, da ist noch viel zu tun."

Innerhalb der EU und in der deutschen Politik müssten die SDGs zum Rahmen der Politik werden. Da stelle sich beispielsweise die Frage, wie das geplante Freihandelsabkommen (TTIP) zwischen den USA und der EU aussähe, "wenn wir die Nachhaltigkeitsziele berücksichtigen".

"Ein Aufbruch, kein Durchbruch"

Barbara Unmäßig vom Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung kritisierte, die SDGs seien "ein Aufbruch, aber kein Durchbruch". Ungleichheit sei eine der Hauptursachen von Armut, stellte Unmüßig fest. Und der sei nur beizukommen, wenn Vermögen besteuert und Reichtum umverteilt werde. "Aber darüber ist in den SDGs kein Wort zu finden." Umverteilung sei auch beim Besitz von Land nötig, damit Bauern in der Lage seien, ausreichend Nahrungsmittel anzubauen.1 "Das Gegenteil ist aber aktuell der Fall. Die Landkonzentration nimmt immer mehr zu."

Anknüpfend an den Titel des Forums "Weltmeister oder Entwicklungsland?" sagte Unmüßig, die Deutschen seien Weltmeister im Fleischessen. Da gelte es, "jetzt abzurüsten". Wenn jeder pro Kopf im Durchschnitt weiter jährlich 60 Kilo Fleisch konsumiere, "dann befördern wir weiterhin die Armut in der Welt".

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Frank Schwabe forderte, "wir müssen alles tun, um am Ende mit unserer Politik konsistent zu bleiben". Es könne nicht sein, einerseits Trawler im Mittelmeer versenken zu wollen, um die Schlepper von Flüchtlingen zu stoppen, und andererseits europäische Fischfangflotten vor die Küste Westafrikas zu schicken, die den Menschen dort die Lebensgrundlage raubten.

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