Mein Kirchentag
Podienreihe Muslime und Christen

Mit dem Unterschied tanzen

Muslime werden oft auf ihre Religion reduziert. Bei der Podiumsdiskussion zum Thema Interreligiösität forderten Experten einen offeneren Austausch zwischen den Religionen.

Von Viktoria Bolmer und Johannes Lohmaier

Zwei Frauen, etwa im selben Alter. Ihre Gesichter sprechen dieselbe Sprache. Die Augen weit aufgerissen, die Mundwinkel nach unten gezogen, die Stirn in Falten gelegt. Skeptisch, ängstlich, vorwurfsvoll. Sogar ihre Gedanken sind dieselben: "Sie hasst mich." Das entscheidende Detail, das die beiden unterscheidet, ist ein Kopftuch. Denn eine Frau trägt es, die andere nicht.

Bei der Szene handelt es sich um einen Comic der Zeichnerin und Psychologin Soufeina Hamed. Die 25-Jährige spricht beim Podium "Muslime und Christen – von Comics, Clowns und Kooperationen" am Freitag auf dem Kirchentag über ihre Erfahrungen in Deutschland als Muslimin, die Kopftuch trägt. Neben ihr sitzen unter anderem Mouhanad Khorchide, islamischer Religionspädagoge, und Peter Schreiner, Erziehungswissenschaftler.

Mit dem Zeichnen von Comics fing Hamed als Schülerin an. "Ich hatte einfach Frust wegen meiner negativen Erfahrungen in der Schule." Seitdem zeigt sie in ihren Bildern, was es bedeutet, in Deutschland Muslima zu sein. Da geht es um Vorurteile gegen Frauen, die ein Kopftuch tragen, und das Gefühl, immerzu als Person mit "Migrationshintergrund" bezeichnet zu werden.

Eigentlich sei das Zeichnen aber eine Zwickmühle, sagt Hamed. "Das Kopftuch ist ständig Thema in meinen Comics, aber eigentlich möchte ich dem gar keine Bühne geben." Daher beziehen sich auch nicht alle Bilder auf ihre Religion. Trotzdem verbinden viele Menschen die Botschaft ihrer Comics wegen des Kopftuches mit dem Islam. "Es passiert sozusagen eine Islamisierung des Kopftuchs", so Hamed. So wird Religion auch unfreiwillig Thema in ihrer Kunst.

Türöffner für den Dialog

Das Kopftuch ruft Vorurteile bei den Mitmenschen hervor. Dabei sei es einfach, die Vorurteile aus dem Weg zu räumen, sagt Hamed. "Wir müssen einfach öfter miteinander reden." Aber für die 25-Jährige sind eigentlich nicht die Worte der Vermittler. Sondern Comics. "Manchmal sagen Bilder mehr als tausend Worte und können Türöffner sein für den interreligiösen Dialog", erklärt die Psychologin bei der Podiumsdiskussion. Deshalb verbreitet sie ihre Werke über soziale Medien.

Dass der Dialog zwischen den Religionen besonders zwischen jungen Menschen wichtig ist, weiß Mouhanad Khorchide, islamischer Religionspädagoge aus Münster. In einer Religionsschule in Wien erlebte er, dass christliche Jugendliche die Divergenz der muslimischen Lebensweise als Chance wahrnahmen und zum Beispiel Berührungspunkte des Islam im Christentum suchten. Den muslimischen Jugendlichen wiederum gefielen der Religionsunterricht der christlichen Jugendlichen und die viele Musik, die darin vorkam. Trotzdem gibt es Probleme zwischen jungen Leuten unterschiedlicher Konfessionen.

Fehlende gesellschaftliche Anerkennung

Ein Phänomen sei der "Rechtfertigungsmodus", in den muslimische Jugendliche gedrängt werden, wenn sie auf das Kopftuch oder Betvorschriften angesprochen werden. Aber auch, dass ausgegrenzte Jugendliche auf der Suche nach Anerkennung manchmal in die Arme von radikalen Muslimen gelangen. Werden Pädagogen auf solche Jungen und Mädchen in ihren Schulklassen aufmerksam, könne es sinnvoll sein, einen aufgeklärten Imam hinzuzuziehen. Das eigentliche Problem sei aber die gesellschaftliche Anerkennung, und die könne den Jugendlichen auch jeder nicht-muslimische Pädagoge geben.

Interreligiöse Kompetenz ist eine Haltung. Man müsse sie nicht nur geistig verstanden, sondern auch erfahren haben, sagt der Religionspädagoge. Es gehe dabei vor allem um bewussten Kontakt. "Man muss die Logik der anderen Religion verstehen", sagt Khorchide. Gerade der Islam sei eine Religion, die viel zu oft mit negativen Aspekten — zum Beispiel fehlendem Pluralismus — verbunden werde. Austausch zwischen den Religionen könne dabei helfen, jene Vorurteile abzubauen.

Der Dialog zwischen den Religionen löst bestehende Grenzen nicht auf, weiß der Erziehungswissenschaftler Peter Schreiner. "Es geht vielmehr um den konstruktiven Umgang mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden". "Dancing with the difference" (zu deutsch: "Tanze mit dem Unterschied"), lautet Schreiners Credo. Deshalb sollte interreligiöses Lernen auch immer Teil des konfessionellen Unterrichts sein.

Die Zeichnerin und Psychologin Soufeina Hamed vor ihren Comics.

Auf dem Podium diskutieren Experten über das Thema Interreligiösität.

In der Carl-Benz-Arena stellt die Künstlerin Soufeina Hamed einige ihrer Comics aus.

In der Carl-Benz-Arena stellt die Künstlerin Soufeina Hamed einige ihrer Comics aus.

In der Carl-Benz-Arena stellt die Künstlerin Soufeina Hamed einige ihrer Comics aus.

In der Carl-Benz-Arena stellt die Künstlerin Soufeina Hamed einige ihrer Comics aus.

In der Carl-Benz-Arena stellt die Künstlerin Soufeina Hamed einige ihrer Comics aus.

In der Carl-Benz-Arena stellt die Künstlerin Soufeina Hamed einige ihrer Comics aus.

In der Carl-Benz-Arena stellt die Künstlerin Soufeina Hamed einige ihrer Comics aus.

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