Mein Kirchentag
Zentrum Weltanschauung

Nicht religiös ist auch normal

Konfessionslos oder konfessionsfrei? Sind religiöse Menschen die besseren Menschen? Wie viel Freiheit verträgt Glaube?

Von Janka Hegemeister

Die Pauluskirche im Stuttgarter Westen war fast bis zum letzten Platz gefüllt, als es am Freitagnachmittag um das Thema „Konfessionslosigkeit als Herausforderung für die Kirche“ ging. Auf dem Podium saß eine Expertenrunde - theologisch kompetent und fast homogen, wäre nicht die Vorstandssprecherin der Humanisten Baden-Württemberg, Dr. med. Gabriele Will, als Vertreterin der Konfessionsfreien dabei gewesen. „Wir fühlen uns nicht defizitär, weil wir nicht glauben, und bezeichnen uns eher als konfessionsfrei“, so die Medizinerin.

Das Thema erhitzt vor allem die religiösen Gemüter, denn für Menschen ohne Konfession ist es kein Thema - ihnen fehlt die Religion nicht. Die Crux, die es zwischen Gläubigen und Konfessionsfreien gibt, brachte Pfarrer Dr. Andreas Finke, Erfurt, bereits in seinem Eingangsstatement auf den Punkt: Die Kirche möchte mit den Konfessionsfreien ins Gespräch kommen, aber die Konfessionsfreien nicht mit der Kirche.

Neue Kommunikationswege finden

Wie also kann es der Kirche gelingen, mit Nichtgläubigen beziehungsweise Menschen, die nur noch passive Glieder ihrer Glaubensgemeinschaft sind, wieder zu kommunizieren? Finke ging in seinem Statement sogar davon aus, dass in Deutschland um die acht Millionen Menschen, also jede dritte Bürgerin oder jeder dritte Bürger, religiös ansprechbar und für die Belange der Kirche zu interessieren wären.

Wie aber können Kirchen nicht nur Sympathisanten, sondern Mitglieder gewinnen? Und das in Zeiten, in denen Konfessionslosigkeit die am schnellsten wachsende Konfessionsorientierung in Deutschland ist. Diese These bestätigen aktuelle Untersuchungen wie etwa der Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung. Prognosen besagen, dass bis zum Jahr 2030 bis zu 50 Prozent der Deutschen ohne Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft sind. Es sei denn, die Kirchen finden einen Weg zu einer neuen Kommunikation, einer neuen Ansprache. „Wir brauchen eine andere Sprache, keine Worthülsen, sondern eine Sprache, die Menschen erreicht“, erklärt Pfarrer Finke.

Jugendweihe als konfessionslose Identitätssuche

Unterschiede in der fehlenden Religionszugehörigkeit zeigen sich deutlich in West- und Ostdeutschland: Während die Westdeutschen sich bewusst für eine atheistische Lebensweise entschieden, fehlt den Ostdeutschen die Verbundenheit zur Kirche und zur Religion aufgrund ihrer jüngsten politischen Vergangenheit. Dennoch zeigt sich gerade dort in der beibehaltenen Tradition der Jugendweihe eine neue Form der konfessionslosen Identitätssuche.

Aus dem Publikum erreichte folgende Frage das Podium: „Missionieren Humanisten bei den Christen?“ „Humanisten missionieren nicht. Wir respektieren die Andersdenkenden“, kam die klare Antwort von Gabriele Will.  „Mission darf keine Überwältigung sein“, unterstreicht auch Dorothee Land, Referentin Gemeindekolleg Vereinigte Ev.-Luth. Kirche Deutschlands, gerade Bürgerinnen und Bürger aus Ostdeutschland seien da besonders sensibel.

Im Anschluss an das Podium lud der Moderator Pfarrer Dr. Gernot Meier, Karlsruhe, alle Kirchentagsgäste zu Diskussionskreisen mit den Experten ein. 

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