Mein Kirchentag
Zentrum Gender

"Wir alle sind Teil des Menschenhandels"

Verliebt, verreist, versklavt: Tausende Frauen und Männer leben in Deutschland in der totalen Abhängigkeit. Menschenhandel ist auch bei uns kein Fremdwort.

Von Philipp Mangold und Christian Engel

Ein rumänisches Paar zieht nach Deutschland. Der Mann schickt seine Freundin zum Arbeiten in den Puff seiner Schwester. Sie gehorcht doch bald hält sie es nicht mehr aus. Ihr Freund nimmt ihr den Pass ab, schlägt sie und zerreißt ihre Kleider. Sie muss sich weiter verkaufen. Da zeigt sie ihn an. Problem: Sie ist schwanger von ihm. Als er sie aus der Ferne per Handy weiter bearbeitet, bricht sie ein und reist zurück zu ihrem Freund nach Rumänien.

Geschichten wie diese standen im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion zu Menschenhandel am Freitagmittag. Fünf Expertinnen diskutierten in der Schwabenlandhalle vor mehr als fünfzig Besucherinnen und Besuchern über Ursachen von und Maßnahmen gegen den Menschenhandel.

Armut und Perspektivlosigkeit als Ursache

"Wer denkt, dass das Thema uns nichts angeht, irrt", sagte Brigitte Lösch. Die Vizepräsidentin des baden-württembergischen Landtags untermauerte diese These mit Zahlen: 150 Milliarden US-Dollar Profit werden jedes Jahr mit Menschenhandel gemacht, 99 Milliarden davon mit sexueller Ausbeutung. 270.000 Menschen werden in Europa sexuell ausgebeutet. In Deutschland sind vor allem Rumäninnen und Bulgarinnen die Opfer.

Die Ursachen des Menschenhandels sind oft Armut und Perspektivlosigkeit, so Elena Timofticiuc von der Ökumenischen Vereinigung der Kirchen in Rumänien: Die Opfer fallen auf Anwerber herein, die ihnen Wohlstand versprechen. Dabei variierten die Taktiken der Anwerber: Mal gaukelten sie jungen Frauen Liebe vor, mal stellten sie ihnen eine Karriere als Model in Aussicht. Männer lockten sie mit Jobs auf dem Bau oder in der Landwirtschaft.

Für Frauen, die sich prostituiert haben, gibt es oft kein Zurück: Von ihren Familien verstoßen, geraten sie immer wieder in Fänge der Menschenhändler. Timofticiuc versucht, dies mit sogenannten Integrationsprogramme ändern: Die Opfer erhalten psychologische Betreuung. Um aber eine Perspektive zu haben, bräuchten sie Geld, mit dem sie sich eine Existenz aufbauen könnten.

Beratung für Arbeitsausbeutung gefordert

Brigitte Lösch kündigte an, sich politisch mit dem Opferschutz zu befassen. Bislang nämlich sagen viele Frauen aus Angst vor Verfolgung durch die Menschenhändler nicht aus. Außerdem fordert sie eine eigene Beratung für Arbeitsausbeutung. Gerade sie lässt sich bis in die deutschen Wohnzimmer verfolgen: Insbesondere Putzhilfen arbeiten in Deutschland oft schwarz, zu illegalen Konditionen. Aber auch ausländische Textil- und Bauarbeiter würden in Deutschland oft ausgebeutet. Politisch sei das Problem komplex, da es sich auf drei Ministerien verteile: Arbeit, Frauen und Migration. Wenn diese Ministerien und die entsprechenden Beratungsstellen kooperierten, gäbe es Hoffnung.

Über eines waren sich die Diskussionsteilnehmenden einig: Das Hauptproblem sind die Konsumenten. Wo es keine Nachfrage gebe, gebe es auch kein Angebot. Dies betreffe Prostitution; doch genauso betreffe es günstige Kleider, günstige Putzhilfen, günstige Bauarbeiter. "Wir sind Teil und Akteure von Menschenhandel", sagte Barbara Deml-Groth, Pfarrerin und Referentin des Berliner Missionswerks. "Das ist keine Forderung, sondern eine Ermutigung."

Diese Seite teilen

Bleiben Sie immer über unsere neuesten Aktivitäten informiert.
Abonnieren Sie unseren regelmäßigen Newsletter.