Mein Kirchentag
Digitalisierung

Jede Zeit muss ihre eigene Klugheit entwickeln

Für Angela Merkel sind Kirchentage ganz offensichtlich gern wahrgenommene Heimspiele. Wie auf früheren Kirchentagen wurde sie auch in Stuttgart von mehr als 9000 Kirchentagsbesuchern in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle mit langanhaltendem Beifall empfangen. "Es ist eine Freude, in diese Halle zu blicken", erwiderte sie die Begrüßung.

Von Dirk Klose

Anders als Bundespräsident Joachim Gauck am Vortag war die Regierungschefin zwar nicht direkt "in touch" mit den Besuchern, aber ihre lockere, ungezwungene Art in Auftritt und Rede sicherte ihr sofort viel Sympathie, wie ständige Beifallsbekundungen zeigten. Trotz des immensen Drucks, dem sie angesichts des bevorstehenden G7-Gipfels im bayerischen Elmau ausgesetzt ist, wirkte sie gelöst und locker.

Die Kanzlerin vermied es entschieden, sich zu aktuellen Problemen wie G7-Gipfel, TTIP-Debatte oder Griechenlandkrise zu äußern, konzentrierte sich ganz auf das Thema "Digital und klug" und lotete in aller Kürze aktuelle politische und wirtschaftliche Aspekte des Themas aus. Die auch im Alltag durch Handy, Smartphone und iPad unübersehbare Digitalisierung mache ihr, wie sie bekannte, nicht nur Freude. Ärgerlich werde es, wenn ein persönliches Gespräch durch einen plötzlichen Anruf gestört werde: "Ich habe manchmal Angst, dass das Phone Vorrang hat vor dem direkten Partner. Da die zunehmende Vernetzung fast aller Lebensbereiche nicht mehr rückgängig zu machen sei, bleibe die dringliche Aufgabe, angemessen mit ihr umzugehen, also sich das Wissen darüber anzueignen und einen klugen Umgang mit den neuen Technologien zu erreichen.

Ein neues Wertesystem

Macht die Digitalisierung klug oder bedeutet sie vielleicht eher einen Verlust an Klugheit? Dazu die Kanzlerin: "Jede Zeit muss ihre eigene Klugheit entwickeln", also klug und angemessen auf die neuen Herausforderungen reagieren. Dafür bedarf es, so Merkel, eines neuen Wertesystems, was aber nicht bedeute, bisherige Werte über Bord zu werfen. Viele traditionellen Wertemaßstäbe blieben. "Denken Sie an die in Artikel 1 des Grundgesetzes verankerte Menschenwürde." Die neuen Möglichkeiten von Internet, Facebook & Co. sollten und müssten auch als Chancen zu mehr zwischenmenschlicher Kommunikation und zu wirtschaftlichem Fortschritt gesehen werden.

Auf den letztgenannten Punkt ging die Kanzlerin besonders ein. Sie erinnerte an das von der Bundesregierung gemeinsam mit Wirtschaft und Gewerkschaften entwickelte Projekt "Industrie 4.0", das, vereinfacht gesagt, eine immer intensivere Kommunikation zwischen Mensch und Maschine in Industrie und Wirtschaft zum Ziel hat.

Umstrittenes Projekt

Merkel bekannte sich nachdrücklich zu diesem umstrittenen Projekt und warnte davor, dass Deutschland international ins Hintertreffen geraten könne, würde es sich nicht im Bereich computergesteuerte industrielle Fertigung mit aller Kraft engagieren ("im Moment sind wir nicht vorne dran"). Es bleibe eine gesamteuropäische Aufgabe, sich gegenüber den derzeit  marktbeherrschenden US-Unternehmen zu behaupten.

Zum Projekt "Industrie 4.0" zeigte in der lebhaften und auf hohem Niveau geführten Diskussion der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, Reimund Neugebauer, an vielen Details aus der Automobilherstellung, wie weit die genannte "Kooperation" zwischen Mensch und Maschine teilweise schon gediehen ist. Auch er warnte vor einem Nachlassen der Anstrengungen: "Wir haben noch nicht die erforderliche Größenordnung." Skeptisch über die rasante technologische Entwicklung äußerte sich der Münchner Philosoph und Physiker Harald Lersch; sein Eindruck sei, dass angesichts aller Entwicklungen "schon kein Mensch mehr genau weiß, was passiert. Wir merken nur, dass wir auf einem abrutschenden Hang sind; aber merkt das die Politik überhaupt noch?"

Die Politik reagiert nur

Soviel Skepsis mochte die Kanzlerin nicht akzeptieren. Sie verwies darauf, dass doch die Politik immer nur auf bereits in Gang befindliche Entwicklungen reagiert habe: "Erst wurden die Autos gebaut, dann erst kam eine Straßenverkehrsordnung, doch nicht umgekehrt.". Klar sei allerdings: "Wir müssen verdammt viel arbeiten, um ein menschengerechtes Regelwerk zu schaffen. Aber in der bisherigen Menschheitsgeschichte ist das noch immer gelungen!"

Verständnis zeigte sie für die vielen Menschen, denen die Entwicklung zu schnell geht, die resignieren und den Eindruck haben, überhaupt nicht mehr mitzukommen. Ihnen müsse geholfen werden, sich in der geänderten Gesellschaft zurechtzufinden. Die Kanzlerin dazu am Ende des intensiven Vormittags: "Wir sollten eine Ermutigungsgesellschaft sein und jedem Mut machen, etwas Neues zu lernen."

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