Mein Kirchentag
Gender, Glitzer und Gottes Garten

Kirchenpräsident fordert Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare

Das jüngste Referendum in Irland zur Zulassung gleichgeschlechtlicher Ehen hat die Debatte über die Rolle von Frau und Mann neu entfacht. Auch in Stuttgart wird darüber gestritten - mit Glitter und guten Glaubensargumenten.

Von Volker Rahn

Wommy Wonders rotes Kleid glitzert auf der Bühne, dass es eine wahre Pracht ist. Dabei habe sie sich so züchtig wie möglich für den Kirchentag in ihr bescheidenes Outfit gehüllt, das dem Duschvorhang des früheren Limburger Bischofs Tebartz-van Elst nachempfunden sei. So schillernd wie die Kleidung des Stuttgarter Travestiekünstlers  ist auch die aktuelle Diskussion um die Gleichberechtigung der Geschlechter. Und so lautete die Frage in der Schwabenlandhalle am Donnerstag auf dem Kirchentag: „Wer hat Angst vor Gender? – Stimmungslage, Stimmungsmache und neue Stimmen“.

Die einen halten die Debatte darüber, ob etwa Geschlechterrollen sozial zu stark festgelegt sind, für überfällig, die anderen schlicht für überflüssig. Die Landshuter Genderforscherin Prof. Barbara Thiessen sieht es als Ziel der Gender-Debatte, Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Dabei kämen aber auch „Privilegien ins Rutschen“ und entstünden zugleich „neue Freiheiten“. Dies erkläre die oft aufgeheizte Stimmung bei dem Thema. Wichtig bleibe aber, dass „das Geschlecht kein sozialer Platzanweiser sein darf“.  

Nach Ansicht der Mainzer Historikers Prof. Andreas Rödder hat die Gender-Diskussion die Frage nach der Gerechtigkeit in der Gesellschaft um eine Facette erweitert. Dazu müsse nun beispielsweise auch die Frage nach der Gerechtigkeit für Familien treten. Er warnte zugleich davor, dass die Gender-Debatte gerade die Vorurteile gegenüber Geschlechtern verfestigen könne. „Bauen Frauen im Beruf Netzwerke auf, ist es gut. Tun Männer das, wird es kritisiert“, so Rödder. Zudem fürchte er, dass die Gender-Diskussion „ideologisch abdriftet“ und „ein guter Gedanke die Idee zerstören könne.  Aus der Geschichte sei dagegen zu lernen, dass sich bestimmte Bilder oder Geschlechterrollen im Verlauf der Zeit ändern und es problematisch sei, eine Gesellschaft von vorneherein nach bestimmten Bildern ändern zu wollen. Er plädierte dafür, die gegenwärtige „Unsicherheit und Offenheit“ in Geschlechterfragen auszuhalten, statt  in „Selbstgewissheit“ gefangen zu bleiben.

Gender -Debatte "entideologisieren"

Der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Volker Jung, erklärte, dass es ein wichtiges Anliegen der Bibel sei, „Menschen in ihrer Individualität Gerechtigkeit widerfahren zu lassen“. So seien  „Ordnungen um der Menschen willen da und nicht der Mensch um der Ordnungen willen“. Dieser Ansatz bedeute theologisch nicht, dass alles für möglich erklärt wird. Es sei vielmehr die Frage danach, was getan werden kann, „damit Menschen gestärkt werden können, um verlässlich, verbindlich, dauerhaft Verantwortung füreinander zu übernehmen“.

Dazu gehört nach Ansicht des Kirchenpräsidenten auch, "die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare zu öffnen“. Jung plädierte dafür, die Gender-Debatte „zu entideologisieren“ und die Geschlechterfrage nicht als Glaubens- oder Weltanschauungsfrage zu begreifen, sondern als „gesellschaftliche Gestaltungsfrage“. Es gehe letztlich nicht um die Eindeutigkeit von Zuordnungen, sondern um eine gute „Wahrnehmung von Individualität und um die gerechte Gestaltung von Beziehungen und damit um soziale Verantwortung.“

Die Netzaktivistin und Kommunikationsberaterin Anne Wizorek machte auf die Situation im Internet aufmerksam, wo über Geschlechterfragen heftig gestritten werde. Wizorek rief vor zwei Jahren die Aktion „Aufschrei“ im sozialen Netzwerk Twitter ins Leben, bei dem Frauen ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt öffentlich machen konnten.  Hasskommentare in Geschlechterfragen seien immer mehr an der Tagesordnung, berichtete sie. Sie forderte deshalb die zunehmenden „Hassreden“ auch unter Strafe zu stellen. „Hier werden Menschen bewusst erniedrigt“, so Wizorek. Das Internet bleibe letztlich ein Spiegel für alles, was auch sonst in der Gesellschaft kursiere.

Wommy Wonders unterdessen versteht die ganze Aufregung nicht. Sie hält die Gender-Debatte und die Frage nach Männern und Frauen für völlig überzogen. Ginge die Haarspalterei so weiter wie in der Geschlechterdebatte, müsse man sich bald fragen, „ob Muslime auf eine Kreuzfahrt gehen und Atheisten Christstollen essen  dürfen“. In Wahrheit sei doch „alles nicht so kompliziert, wie man es macht“, sagt sie. In Gottes Garten gebe es eben viele Tiere. „Und die Schlange ist da genauso viel wert wie der Elefant.“

 

 

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