Mein Kirchentag
Kinder

Jeder Finger eine Erinnerung

Was passiert, wenn Kinder trauern? Der Psychologe und Pfarrer Roland Kachler gibt Antwort auf diese Frage. Er erklärt, wie Heranwachsende den Tod von geliebten Menschen verarbeiten können – mit Symbolen.

von Christian Engel

Der Junge weint nicht um seinen toten Opa. Aber im Garten gräbt der Siebenjährige kleine Gruben und steckt Kreuze hinein, eines in alle sechs. Wie Heranwachsende den Verlust von geliebten Menschen verarbeiten, das hat der Psychologe und Pfarrer Roland Kachler am Donnerstagnachmittag beschrieben. In seinem Vortrag „Wenn Kinder trauern“ gab er den mehr als 200 Zuhörern in einem Hörsaal auf dem Campus Stadtmitte der Universität Stuttgart zudem Einblicke in seine therapeutische Arbeit mit trauernden Kindern und Jugendlichen.

Kinder trauern doppelt. Diese Einsicht stand zu Beginn von Kachlers Vortrag. Weil sie nicht nur den Verlust des eigenen Papas oder der kleinen Schwester spüren, sondern auch mit ihrer leidenden Mama mitfühlen, trifft der Tod eines geliebten Menschen Kinder gleich zweifach, erläuterte Kachler. Schwer sei es für Heranwachsende auch mit der Angst umzugehen, die plötzlich in ihr Leben trete – Angst darum, dass bald noch jemand Liebes oder sogar sie selbst sterben könnten.

Gefühle zulassen

Im Mittelpunkt der Therapie von trauernden Kindern, erklärte Kachler, steht  das Zulassen aller Gefühle die mit dem Tod eines geliebten Menschen verbunden sind. Kinder müssten in der Behandlung lernen, dass es wichtig und gut ist, zu trauern, sich verzweifelt und wütend zu fühlen über den Tod der Oma oder des Bruders. „So wie du trauerst, ist es richtig - das müssen wir Kindern vermitteln“, sagte Kachler.

Eine weitere Besonderheit kindlicher Trauer ist, dass Kinder Rituale brauchen, wie Kachler erklärte. Weil sie nicht wie Erwachsene kontinuierlich, sondern phasenweise trauerten und sich sprachlich noch nicht differenziert äußern könnten, seien Symbole für sie ein einfacherer Weg, ihrem Schmerz Ausdruck zu verleihen. Diese Rituale könnten von Kreuzen im Garten für den toten Opa bis zu einer gebastelten Schultüte für den vor der Einschulung gestorbenen Freund reichen.

Neben der Trauer müssen Kinder aber auch die Liebe zulassen, die sie für den für verlorenen Menschen noch immer empfinden. „Für viele Kinder bleibt der Verstorbene als innerer Begleiter“, sagte Kachler. Deshalb sei es wichtig, die schönen Erinnerungen an den Toten aufrechtzuerhalten. Ein einfaches Mittel dazu sei es, sich für jeden Finger einer Hand einen besonderen Augenblick vorzustellen. „Dann steht zum Beispiel der Zeigefinger für einen Ausflug, der Ringfinger für ein inniges Schmusen und der kleine Finger für etwas Witziges.“

Auch Freude akzeptieren

Die dritte Empfindung, die Kinder akzeptieren lernen müssen, ist Freude. „Die Therapie muss ihnen klarmachen, dass es ihnen auch dem Tod eines geliebten Menschen gut gehen darf“, sagte Kachler. Das Zulassen von schönen Gefühlen sei entscheidend für die Verarbeitung des Todes.

Zum Abschluss gab Kachler einen Eindruck davon, wie die Trauer-Therapie eines Kindes aussehen kann. Er bat die Zuhörer darum, die Hände über die Augen zu legen. Dann erzählte er ihnen eine Geschichte: Die Mutter eines Mädchens stirbt. Mit seinem Schmerz allein weiß das Kind nicht, was es tun soll. Im Traum sagt ihm eine Stimme, dass es alle seine Tränen in einem Krug aufbewahren und dann über dem Grab ausschütten soll. Als es soweit ist und das Mädchen das Gefäß über die letzte Ruhestätte seiner Mutter neigt, fließen keine Tränen, sondern Edelsteine purzeln heraus. Für Kachler enthält die Geschichte eine für Kinder und Erwachsene gleichermaßen entscheidende Lehre: dass Trauer wertvoll ist.

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