Mein Kirchentag
Mobilität

Das Auto steht sich selbst im Weg

Wie sieht die Mobilität der Zukunft aus? Welche Rolle spielt das Auto, spielen öffentliche Vekehrsmittel im Jahr 2050? Kann nur eine echte Systemwende unsere Städte vor dem Verkehrskollaps bewahren oder wollen wir das System nur erträglicher gestalten?

Von Rolf Masselink

Um diese Fragen ging es am Donnerstag beim Themennachmittag "Mobilität 2050". Auf dem Podium des Kirchentags diskutieren Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn, der Soziologe Prof. Dr. Hartmut Rosa und weitere Experten - mit durchaus kontroversen Standpunkten. Einigkeit herrschte nur in einem Punkt: ein Weiter so kann es nicht geben. Die Zeit drängt, Weichen für Veränderungen zu stellen. 

Mit seiner Forderung, den Verkehr im Stuttgarter Stadtzentrum um 20 Prozent zurückzuschrauben, hatte Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn bei seinem Amtsantritt für reichlich Wirbel in der "Autostadt" gesorgt. Der Soziologe Prof. Dr. Hartmut Rosa hielt ihm auf dem Kirchentag vor, er habe zwar Recht mit seinem Eintreten für das Zurückdrängen unnötigen Individualverkehrs, für den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und innerstädtischer Radwege. Aber er kratze damit nur an der Oberfläche des Problems. Statt solcher "Mobilitätskosmetik" forderte Rosa eine "Mobilitätswende". Das Thema müsse ganzheitlich diskutiert werden.

Mobilität macht Welt verfügbar

Rosa forderte eine Entschleunigung der Mobilität, ein Durchbrechen des systemischen Zwangs zu immer schnellerer und billigerer Mobilität. "Mobilität bringt immer mehr Welt in Reichweite, macht Welt verfügbar", so der Soziologe. Lange Zeit sei das Auto "Speerspitze" dieser Dynamisierung gewesen. Heute sei es die Wechselmöglichkeit zwischen den verfügbaren Verkehrssystemen. Rosas Wunsch für 2050: eine Gesellschaft, die nicht mehr glaubt, das Leben werde durch ständige Reichweitensteigerungen besser. Seine Befürchtung: diese Gesellschaft werde es auch 2050 nicht geben, der Trend zur Beschleunigung werde anhalten, denn: "Die Jugend interessiert sich heute nicht so sehr für politische Gestaltung, sondern für technische Machbarkeit."

Für eine konsequente "Wende ins postfossile Zeitalter" trat auch der Verkehrswissenschaftler Prof. Dr. Heiner Monheim ein. Er forderte in einem engagierten Statement, endlich "wahre Preise" für Verkehrsleistungen zu nennen. Die Offenlegung der wahren Kosten mache schnell deutlich, wie teuer der Autoverkehr sei. Nicht der Öffentliche Nahverkehr, sondern das Auto sei schon bald nicht mehr finanzierbar. Außerdem forderte er mehr Flächeneffizienz und die Abkehr von Hochgeschwindigkeitssysteme für Straße und Schiene: "Wir brauchen keine energiefressenden Hochgeschwindigkeitszüge, sondern flächen- und energiesparende Mikrolösungen." Vorantreiben muss nach Monheims Überzeugung die kommunale Ebene diesen Kurswechsel. Bürgermeister und Landräte müssten auf "die Abschaffung des Auto-orientierten Verkehrsrechts" drängen und "marktgerechte" Lösungen einfordern, denn auf der kommunalen Ebene "beginnt und endet Mobilität". 

Bürger müssen Angebote auch nutzen

Der Versuch, nach dem Zweiten Weltkrieg die autogerechte Stadt zu schaffen, sei früh als Irrweg erkannt worden, reagiert worden sei aber zu spät, erklärte Fritz Kuhn. Die Wandlung von einer Autowelt zu einer Mobilitätsgesellschaft werde nicht einfach. Kuhn warb für ein Zurückdrängen unnötigen Autoverkehrs, indem Wohnen und Arbeiten wieder zusammengebracht werden. In den Wohnquartieren müsse eine dezentrale Versorgung mit den Dingen des täglichen Bedarfs sichergestellt werden. Aber die Bürger müssten dies auch wollen und auch mittragen, indem sie Angebote tatsächlich nutzen. Und: "Die Autokonzerne müssen diesen Wandel mitmachen."

Immer wieder ging es in der Aussprache auch um das Stuttgarter Bahnprojekt "Stuttgart 21". Auf den dadurch freiwerdenden Flächen will Oberbürgermeister Fritz Kuhn neue Wohnviertel schaffen. Der Stuttgarter SPD-Politiker und profilierte "Stuttgart21"-Gegner Peter Conradi glaubt nicht daran. Der geplante Tiefbahnhof werde schon in wenigen Jahren zu klein sein, die alten Bahnflächen würden dann für weitere Gleise wieder benötigt. Fest steht für Conradi eines: Ein zweites "Stuttgart21" wird es in Deutschland nicht geben. Selbst die Industrie habe inzwischen erkannt, dass Großprojekte ohne entsprechende Bürgerbeteiligung heute nicht mehr machbar seien.

Ist das Auto der Zukunft elektrisch? Wenn es nach der Leiterin smart Automobile im Daimler-Konzern, Dr. Annette Winkler geht, auf jeden Fall. Und nicht nur das. Das Auto der Zukunft werde intelligent sein, werde geteilt werden. Carsharing, aber auch die Vermittlung freier Mitfahrerplätze und die Nutzung abgestellter Autos zum Beispiel als Paketbriefkasten werde die Rolle des Autos erweitern und es zum Entlastungsfaktor für die Innenstädte von morgen machen. Damit könnten die Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Nahverkehr verschwimmen.

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