Mein Kirchentag
Podium "Klimagerechtigkeit jetzt schaffen"

"Jeder muss klimaneutral werden"

Es reicht nicht, auf die Ergebnisse des Klimagipfels in Paris zu warten. Städte, Unternehmen, Universitäten und jeder einzelne müssen beim Kampf gegen die Erderwärmung vorangehen, fordern zwei Politikwissenschaftler.

Von Tobias Schwab

Der lokale Klimawandel ist an diesem Donnerstagmorgen höchst willkommen: Aus der schon vormittags stechenden Sonne hinein in die kühle Alte-Kelter-Halle im Stuttgarter Stadtteil Fellbach. Eine Wohltat. Global gesehen allerdings macht die Erderwärmung den meisten Besuchern des Forums  „Klimagerechtigkeit jetzt schaffen“ große Sorgen. „Es passiert viel zu wenig und es geht viel zu langsam voran“, sagt Kirchentagsbesucher Uwe Leibfahrt. „Die Industriestaaten sind historisch gesehen die Hauptverursacher der Kohlendioxid-Emissionen.“ Gerade hierzulande, wo Mercedes und Porsche gebaut werden, „hätten wir Grund genug, mehr für den Klimaschutz zu tun“.

Auf dem Podium sind an diesem Morgen die Mutmacher zu finden. Dirk Messner spricht von einer „zivilisatorischen Herausforderung einer Transformation hin zum klimaverträglichen Wirtschaften, die zu schaffen ist, wenn wir klug sind“. Messner ist Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik und berät neben der chinesischen Regierung die EU, die Weltbank und andere internationale Organisationen zu Fragen globaler Entwicklung. 

„Den Krisenmodus ausschalten“

Messner betont, die Voraussetzungen für eine Wende seien allesamt gegeben: das  Bewusstsein für die globale Herausforderung, die Erderwärmung zu stoppen, habe sich weitgehend durchgesetzt, die Technologien für ein klimaverträgliches Wirtschaften seien bekannt, und die Nachhaltigkeitswende sei auch finanzierbar. „Wir brauchen dafür 1,5  bis 2 Prozent des globalen Bruttosozialproduktes – das ist viel Geld, ruiniert die Weltwirtschaft aber nicht.“

Es sei nun höchste Zeit, den Krisenmodus aus- und auf lokale und globale Kooperation sowie präventives Handeln umzuschalten, forderte Messner vor etwa 1500 Zuhörern. „Alle müssen sich auf den Weg machen, klimaneutral zu werden: Städte, Gemeinden, Universitäten und Unternehmen.“ Messner appellierte an Kirchentagsbesucher, den Politikern deutlich zu zeigen, „dass wir den Erfolg der Klimakonferenz im Dezember in Paris wollen und erwarten“.

Auch Politikwissenschaftler Thomas Hale aus Oxford forderte die Zuhörer auf, sich angesichts der „Tragödie der Gemeinschaftsgüter“ nicht als gelähmt zu empfinden, sondern als energiegeladen. Es gebe zahlreiche Mut machende Aktionen und Ansätze, dem Klimawandeln zu begegnen. „Außerhalb der Verhandlungsräume der internationalen Politik passiert eine Menge“, sagte Hale und verwies zum Beispiel auf ein Netzwerk von Megastädten wie Rio de Janeiro, die beim Klimaschutz ambitioniert vorangehen.

Unternehmen gehen voran

Und erst jüngst hätten sich 100 global agierende Unternehmen wie etwa Unilever dazu verpflichtet, ihre Kohlendioxid-Emissionen bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent zu senken. „Das ist ehrgeiziger als alles, was die 190 Vertragsstaaten des UN-Klimagipfels jemals beschlossen haben“, betonte Hale. Und niemand habe sie dazu gezwungen.

„Wir brauchen alle“, sagte der britische Politologe. „Jeder ist Teil einer Kaskade von Aktionen.“ Alle Kirchentagsbesucher sollten sich als Wassertropfen sehen, der mit anderen zusammenfließt, zu einem Strom wird und schließlich mit anderen Flüssen gemeinsam „ins Meer unserer gemeinsamen Herausforderung mündet“.

Der Lebensstil entscheidet

Die 18 Jahre alte Ruth Klebe, die im Publikum sitzt, findet an diesem Bild Gefallen. „Es sind die vielen kleinen Schritte von vielen Menschen, die etwas bewegen.“ Für sie persönlich bedeute das, beim Einkauf Verpackungen zu vermeiden, Salat und Gemüse im heimischen Garten anzubauen, meist mit dem  Fahrrad zu fahren und wenn möglich Fahrgemeinschaften zu bilden, erzählt die Abiturientin aus dem niedersächsischen Helmstedt.

Auch der pensionierte Pfarrer Franz Waldura aus Saarbrücken findet, dass es auf den persönlichen Lebensstil ankommt. Aber eben auch auf die Politik. Und da ärgere ihn, dass die deutsche Klimapolitik „wieder aufweiche“ und ältere Kohlekraftwerke länger am Netz bleiben sollen. „Da müsste sich die Umweltministerin Hendricks gegenüber Wirtschafsminister Gabriel mehr durchsetzen“, fordert der 66-Jährige.

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