Mein Kirchentag
Carl-Benz-Halle

Differenziert oder verzeichnet? Der Islam in den Medien

"Die Vielfalt des Islam wird in den deutschen Medien nicht ausreichend abgebildet!" Warum das so ist und was Medien, Politik und Gesellschaft dagegen unternehmen müssen, stand am Donnerstag zur Diskussion.

Von Christina Özlem Geisler

Manchmal, wenn Aiman Mazyek die Zeitung aufschlägt, bekommt er Angst vor dem Islam. Denn das Bild, das er dort immer wieder von seiner Religion gezeigt bekommt, schockiert selbst ihn, den Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime. Am zweiten Vormittag des Kirchentags teilte er sich mit vier Vertretern aus Presse, Religion und Islamwissenschaften eine Bühne in der Podienreihe Muslime und Christen. Oberkirchenrat Dr. Detlef Görrig, der das Referat für Interreligiösen Dialog der EKD leitet, moderierte die Veranstaltung.

Die Islamwissenschaftlerin: zu wenig Muslime und Fachexperten in Medienredaktionen


Dr. Riem Spielhaus wies darauf hin, dass die innerislamische Vielfalt in der deutschen Berichterstattung vernachlässigt werde. Denn der gelebte Islam sei in jedem Land ein bisschen anders – je nachdem, welche Traditionen und historischen Ereignisse eine Gesellschaft geprägt haben. Zwar beschäftigten deutsche Redaktionen zunehmend Muslime und Islamspezialisten. Unter Wissenschaftlern sei dennoch der Vorwurf verbreitet, Journalisten hätten nicht genug Fachwissen, um über Themen mit Islambezug fundiert informieren zu können.

Der Vertreter der Muslime in Deutschland: Medien sind wichtig für die Friedensarbeit


Auch Aiman Mazyek kritisierte, dass viele Berichte nur an der Oberfläche kratzen würden, anstatt die eigentlichen Hintergründe zu hinterfragen und einzuordnen. Der Islam werde seit der Jahrtausendwende als Erklärung für zahlreiche politische und gesellschaftliche Probleme in Nahost und Europa missbraucht. Deshalb sei es sehr wichtig, an der Friedensarbeit zwischen Juden, Christen und Muslimen festzuhalten. „Und da sind die Medien“, so Mazyek „in der Verantwortung, ihren Beitrag zu leisten.“

Die Magazin-Chefin: Muslime können nicht alle über einen Kamm geschoren werden


Sineb El Masrar sagte, sie habe sich schon als Jugendliche daran gestört, dass Frauen mit „MH“ (Migrationshintergrund) in der deutschen Berichterstattung meist in defizitorientierten Geschichten oder in der Rolle als Ausländerin vorkommen. Diese Stigmatisierung beeinflusse, wie Menschen in Deutschland den Islam verstehen. In der von El Masrar gegründeten Zeitschrift „Gazelle“ gehe es deshalb um die Lebenswirklichkeit aller Frauen – egal woher sie kommen.

 

 

Der ZEIT-Journalist: unser Beruf lebt vom Negativen

Jörg Lau, Redakteur für Außenpolitik, bemerkte, der Journalismus müsse darüber berichten, was in der Welt geschieht. Und die bestimmenden Themen, die man mit dem Islam verbindet, seien nun mal momentan Terrorismus und Kriege. Als Journalist habe man keine Wahl, man müsse über den Islamischen Staat berichten. Allerdings sei die Frage, wie man es tut. Entscheidende Faktoren für die Qualität der Berichte seien Zeit für Recherchen vor Ort und Medienhäuser, die differenzierten Journalismus auch möglich machen: nämlich indem sie dafür zahlen. Jörg Lau warnte außerdem vor medieninterner Stigmatisierung. Redaktionen dürften von ihren Mitarbeiten mit Migrationshintergrund nicht automatisch erwarten, dass sie Islam-Themen übernehmen.

 

 

Der Kirchenmann: Einheit in versöhnter Verschiedenheit auch im interreligiösen Dialog


Vom Schweizerischen Kirchenbund in Bern sprach Präsident Dr. Dr. h.c. Gottfried Locher auf dem Podium. Durch den Dialog mit dem Islam werde das Christentum dazu angeregt, über seine eigenen Überzeugungen nachzudenken. Und die innere Vielfalt habe dabei auch in der christlichen Kirche noch Entwicklungsmöglichkeiten: „Darauf hinzuweisen, dass es Unterschiede zum Islam gibt, von denen der Islam lebt und die nicht nur von Nachteil sind, scheint mir eine entscheidende Aufgabe der Kirche zu sein“. Die Medien bat Locher darum, den Dialog zu unterstützen, indem sie Schwierigkeiten offen benennen, aber sich nicht nur auf Auseinandersetzungen im Glaubensgespräch fokussieren.

In der Schlussrunde waren sich alle Anwesenden darüber einig, dass sich in Deutschland etwas bewegt habe. Früher wurde über Integration diskutiert, nun gehe es um Teilhabe.

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