Mein Kirchentag
Zentrum Bibel

Wie hältst du's mit der Schrift?

Zwei Theologen sprechen über christlichen Fundamentalismus.

Von Angelika Fey

Das Interesse war groß: 850 Menschen kamen am Donnerstagvormittag zur Podiumsdiskussion „Bibel – Fundament – Fundamentalismus“ ins Zentrum Bibel. Für alle, die nicht in den Saal passten, haben wir im Anschluss mit zwei der Referenten über Fundamentalisten, Liberale, Evangelikale und die Bibel gesprochen. Beide beantworten getrennt voneinander die gleichen Fragen.

Ulrich H. J. Körtner (Foto links) ist Systematischer Theologe und Professor an der Universität Wien. Heinzpeter Hempelmann (rechts) ist Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Evangelischen Hochschule Tabor in Marburg.

Was ist die Bibel für Sie persönlich?

Körtner: Die Bibel ist für mich ein Glaubensbuch und mein täglicher Begleiter. Sie ist für mich Zeugnis des Gotteswortes. In der Lektüre kann dieses Zeugnis für mich immer wieder neu zum Gotteswort werden.

Hempelmann: Die Bibel ist ein Buch, das mich jetzt – bewusst – etwa fünfzig Jahre begleitet und mit dem ich völlig unterschiedliche Erfahrungen gemacht habe. Sie hat es über dieses halbe Jahrhundert geschafft, mich zu faszinieren. Aus der Bibel kommt mir immer wieder etwas entgegen, was mir zum Leben weiterhilft.

Ist die Bibel in ihrem Leben Fundament?

Körtner: Fundament ist für mich Jesus Christus, der in der Bibel bezeugt wird. Die Bibel ist nicht in der Weise für mich Fundament, wie es zum Beispiel im Islam der Koran ist als ein Buch, das dem Propheten Mohammed Wort für Wort diktiert wurde. Die Bibel ist für mich auch nicht irrtumsloses Wort Gottes, wie der sogenannte Fundamentalismus sie sieht. Aber die Bibel ist für mich insoweit Fundament als ich sage: Alle Glaubensaussagen und auch meine Glaubenspraxis muss sich immer wieder daran prüfen lassen, ob sie mit dem biblischen Zeugnis übereinstimmt oder nicht. Das heißt aber nicht, dass alles, was in der Bibel steht, buchstäblich für wahr zu halten oder buchstäblich zu befolgen ist.

Hempelmann: Nein. Die Bibel ist für mich Gesprächspartner. Allerdings ein Gesprächspartner, dem ich einen sehr hohen Vorsprung vor meinen eigenen Erfahrungen und den Erfahrungen anderer einräume, auch vor wissenschaftlichen Einsichten. Und die Bibel ist für mich insofern nicht Fundament, als ich hier als Philosoph denke. Wir können kein letztes Fundament ausweisen. Das hängt damit zusammen, dass wir Menschen jedes Fundament „unter-fragen“ können. Ich kann die Bibel als Fundament bezeichnen, müsste dann aber angeben können, warum das so ist, und müsste diese Antwort dann auch wieder „unter-fragen“ können.

Wo wird das Fundament zum Fundamentalismus? Was kennzeichnet fundamentalistisches Denken?

Körtner: Das Fundament wird zum Fundamentalismus, wenn zwischen der Bibel und Gott oder Christus nicht mehr ausreichend unterschieden wird. Also: Grundlage des Glaubens ist das Wort Gottes. Und das Wort Gottes begegnet mir immer wieder neu, zum Beispiel in der Predigt oder auch im Akt des Bibellesens. Wenn man aber sagt, die Bibel ist einfach direkt Gottes Wort, wird zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen nicht mehr unterschieden. Und dann würde ich von Fundamentalismus sprechen.

Hempelmann: Fundamentalistisches Denken kennzeichnet der Verzicht auf Interpretation: Als Fundamentalist unterscheide ich nicht zwischen Gottes Wort, der Bibel und meiner Wahrnehmung dessen, was ich in der Bibel finde. Ich unterstelle, dass ich es mit der Bibel eins zu eins mit dem Wort Gottes zu tun habe. Und typisch für den Fundamentalismus ist die Unfähigkeit, mit anderen in eine kritische Auseinandersetzung über die eigenen Überzeugungen einzutreten.

In der Beziehung zur Bibel: Wo ist da der Unterschied zwischen Evangelikalen und eher liberalen Christinnen und Christen?

Körtner: Ein Unterschied ist sicher darin festzumachen, dass – nennen wir sie – liberale Christinnen und Christen kein Problem mit der historisch-kritischen Exegese haben. Die Methoden der historisch-kritische Exegese verstehen die Bibel zunächst mal als historische Dokumente der Religionsgeschichte Israels und der Religionsgeschichte des ältesten Christentums. Diese Methoden sind heute Standard in der Theologie, also auch in der Ausbildung von angehenden Pfarrerinnen und Pfarrern. Evangelikale Christen aber lehnen solche Methoden entweder ganz ab oder haben doch größte Schwierigkeiten damit. Ich merke das daran, dass jemand an der Universität studiert, ins kirchliche Pfarramt will und eine Proseminararbeit im Neuen oder Alten Testament schreiben muss. Dort muss er diese Methoden anwenden, schreibt aber dann am Ende darunter: Ich möchte bekennen, dass ich das hier nur gemacht habe, weil man es von mir erzwungen hat. Eigentlich glaube ich nicht, dass diese Methoden richtig sind.

Hempelmann: Zunächst ein Einspruch: So grob können wir nicht unterscheiden. Ich kenne die evangelikale Szene sehr gut. Wir haben dort eine riesen Bandbreite von Schriftpositionen. Dort gibt es sowohl fundamentalistische Überzeugungen, als auch solche, die man in der Schriftfrage als liberal bezeichnen würde. Also Positionen, bei denen es eine völlige Offenheit für historische Arbeit an der heiligen Schrift gibt. Andererseits: Im Bereich dessen, was wir als liberal bezeichnen, stellen wir durchaus auch fundamentalistische Haltungen fest, etwa im Bereich der feministischen oder der materialistischen Exegese. Dort weiß man eigentlich vorher schon ganz genau, was die Bibel sagt.

Und wo verläuft die Grenze zwischen Evangelikalen und Fundamentalisten?

Körtner: Fundamentalismus ist ein Begriff, der eigentlich aus Nordamerika stammt und eine Bewegung des 19. und 20. Jahrhunderts meint, in der man sich auf bestimmte sogenannte Fundamentals, also Glaubensgrundsätze verständigt hat. Der Fundamentalismus sieht die Bibel als irrtumsloses Wort Gottes und sagt, dass dann auch bestimmte Aussagen, die in der Bibel gemacht werden und im Glaubensbekenntnis stehen, wörtlich zu nehmen sind und wer das nicht glaubt, ist kein rechter Christ. Als Evangelikale bezeichnet man eine bestimmte Strömung, die aus dem Pietismus hervorgekommen ist. Und dieser Pietismus hat durchaus auch, ich sage mal, eine gewisse Offenheit gegenüber der modernen Bibelauslegung gezeigt, stimmt aber vielleicht konservativen Theorien und Interpretationen eher zu.

Hempelmann: Es gibt sicherlich im evangelikalen Raum auch fundamentalistische Positionen, aber der Mainstream ist anders orientiert. Im evangelikalen Mainstream geht es grundsätzlich um eine Wertschätzung der heiligen Schrift, die aber nicht durch eine Inspirationslehre abgesichert ist. Das heißt: Die Bibel ist wichtig, aber sie ist deshalb wichtig, weil sie uns den dreieinigen Gott und Jesus Christus zeigt.

Wo sehen Sie bei liberalen Christinnen und Christen Gefahren in Bezug auf das Bibelverständnis?

Körtner: Das Christentum ist von seinen Anfängen an plural. Und manche würden den Pluralismus nicht nur als Zeiterscheinung unserer Gegenwart bezeichnen, sondern geradezu als Markenzeichen des Protestantismus. Aber die Frage lautet ja: Gibt es auch noch soetwas wie Verbindlichkeit des Glaubens? Und ich glaube, die Abwehr gegenüber dem Fundamentalismus ist auch insoweit eine Abwehrreaktion als wir die Frage nach der Verbindlichkeit, also deanach, was in der Kirche noch gilt, in so einem gemäßigten, liberalen Volkschristentum nicht so richtig klar beantworten können. Man kann sagen: Wir sind nicht fundamentalistisch. Aber positiv zu sagen, für was man denn eigentlich steht, das fällt ungleich schwerer.

Hempelmann: Die evangelische Theologie kann den Anspruch nicht mehr einlösen, mit dem sie einmal gegen die katholische Theologie angetreten ist. Dieser Anspruch ist: Die Bibel selbst ersetzt das Lehramt. Oder konkreter formuliert: Die evangelische Theologie kriegt es hin, die Bibel so eindeutig und verbindlich auszulegen, dass wir kein Lehramt brauchen, das uns erzählt, was wir tun sollen. Und genau das funktioniert nicht mehr. Seit den sechziger und siebziger Jahren haben wir eine Pluralisierung der Exegese, die bedeutet, dass wir zu nahezu jeder wichtigen Textstelle des Neuen Testamentes diametrale Positionen haben, die sich ausschließen und widersprechen. Das verunsichert Leute, die keine Theologen sind, total. Meine Kritik ist nicht, dass man historisch-kritisch mit der Bibel umgeht, sondern, dass man im Grunde beliebig mit ihr umgeht.

Befürchten Sie, dass sich der Graben zwischen liberalen und evangelikalen Christinnen und Christinnen in Zukunft vertieft, etwa durch die Debatte um die Öffnung der Ehe auch für homosexuelle Paare?

Körtner: Dass sich jetzt gerade an der Frage des Familienbildes der Streit um die Bibelauslegung zuspitzt, ist nicht zu bestreiten. Diese Debatte um die ethische Verbindlichkeit der Bibel führen wir aber im Grunde genommen schon seit Jahrzehnten. Die Frage ist: Wie wird es in der Kirche möglich sein – etwa auf der Ebene von Synoden –, die Flügel oder Fraktionen, die es gibt, zusammen zu halten, so, dass es nicht zu einem Zerbrechen der Volkskirche kommt.

Hempelmann: Die Befürchtung habe ich ganz klar. Die Kirche entwickelt sich sehr stark auseinander. Ich beobachte bei Konservativen die Tendenz zu sagen: Warum soll ich mich eigentlich mit dieser Kirche weiter ärgern, ich kann doch meine eigene Gemeinde machen. Früher wäre vermutlich der Weg gewesen, sich einfach wegzuducken, aber die Frommen sind deutlich selbstbewusster geworden. Auf der anderen Seite haben wir Kirchenleitungen, die offenbar die Stärke und Dynamik dieser Bewegung noch immer unterschätzen. Es käme darauf an, dass beide Seiten aufeinander zugehen. Meine große Hoffnung ist, dass wir als Kirche beieinander bleiben. Und dafür kämpfe ich.

Islamischer Fundamentalismus ist seit Jahren ein Thema. Wird christlicher Fundamentalismus da übersehen und unterschätzt?

Körtner: Ein Merkmal des Fundamentalismus ist die starke Einflussnahme auf die Politik. In Deutschland ist christlicher Fundamentalismus noch eher ein Randphänomen, insofern er als eine politische Kraft gesehen wird. Ganz anders ist das zum Beispiel in den USA. Da gibt es eine starke religiöse Rechte auf Seiten der Republikaner, die seit Jahrzehnten starken Einfluss auf die amerikanische Politik nimmt. Denn Fundamentalisten oder auch Evangelikale sind dort in eigenen Kirchen organisiert. Sie haben eine große Infrastruktur und große eigene Medienunternehmen. Sie nehmen auf diese Weise als Lobbys starken Einfluss auf die amerikanische Politik.

Hempelmann: Christlicher Fundamentalismus ist in Deutschland nicht die zentrale Herausforderung. Weltweit sieht das deutlich anders aus. Denken Sie zum Beispiel an die „Achse des Bösen“, die von Vater und Sohn Bush vertreten worden ist und die Außenpolitik einer Weltmacht, inklusive mehrer Kriege, dramatisch beeinflusst hat. Die amerikanische Rechte ist zu einem erheblichen Prozentsatz durch fundamentalistische Überzeugungen geprägt. Das müssen wir sehr viel ernster nehmen.

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