Mein Kirchentag
Gutes Leben. Kluges Leben.

Leuchtender-Augen-Index statt Bruttoinlandsprodukt

Von der Krankenversicherung bis zur Tabaksteuer: Schon lange mischt sich die Politik in das Leben ihrer Bürger ein. Der Soziologe Hartmut Rosa hat andere Ideen, wie der Staat den Bürgern zu einem guten Leben verhelfen kann.

Von Anne Kratzer

Seit kurzem ruft Angela Merkel zum Dialog über das „Gute Leben“ auf; unter www.gut-leben-in-deutschland.de sollen Bürger schreiben, was ihnen wichtig ist. Doch was kann die Politik für dieses gute Leben dann überhaupt tun? Eine Podiumsdiskussion am Donnerstagvormittag widmete sich dieser Frage, und während Bundespräsident Joachim Gauck glaubt, dass Glück ein zu schwieriger und individueller Begriff ist, als dass man daraus Gesetze ableiten könne, sieht der Soziologie-Professor Hartmut Rosa strukturelle Probleme, die den einzelnen vom guten Leben trennen. Und nicht nur deshalb sieht er die Politik in der Pflicht, sondern auch, weil er denkt: Das gute Leben realisiert sich in Beziehungen, und die kann man nur gemeinsam verbessern.

„Dafür haben wir jetzt keine Zeit, klatschen Sie später“, sagt Rosa während seines Vortrags und tappt damit genau in die Falle, in die unsere Gesellschaft ihm zufolge gestürzt ist. Die Schnelligkeit, der Fortschritts- und damit verbundene Wohlstandsglaube des ewigen Wachstums hätten die Beziehung der Menschen zu ihrer Umwelt „verdinglicht“, also instrumentalisiert. Man sehe die Umwelt nur noch auf ihre Funktion reduziert. Eine Folge davon sei beispielsweise die Massentierhaltung. Das Tier werde nur noch als Ding gesehen, von dem wir uns ernähren. Genau das Gegenteil davon aber sei es, was ein gutes Leben ausmache. Dieses Gegenteil nennt Rosa „Resonanz“.

In Kontakt sein

Die Resonanz sei ein „vibrierender Draht“ in uns und beschreibe, dass wir im Kontakt mit uns selbst sind, mit unseren Mitmenschen, aber auch der Natur oder Tieren. Resonanz ist beispielsweise, wenn einer etwas sagt, die anderen darauf reagieren und klatschen – und er die Zeit hat, das auszukosten. Genau das Gegenteil von dem, was Rosa bei seinem Vortrag gemacht hat.

In der Moderne mit ihrem ständigen Zeitdruck und der Angst, im Wettbewerb nicht mithalten zu können, sieht er einen „Resonanzkiller“. Deshalb hat er Tipps an die Politik: Eine Reduzierung des Wettbewerbs – beispielsweise in den Schulen –, soll zu weniger Furcht führen; ein bedingungsloses Grundeinkommen zu einer „Pazifizierung der Existenz“. Wer nicht um ausreichendes Einkommen kämpfen muss, so Rosa, hat Zeit Dinge zu tun, die er will. Außerdem fordert er ein aktiveres Demokratieverständnis, bei dem der Einzelne aktiv mitgestaltet, statt passiv zu sein. Vor allem aber hält er es für nötig, „dass es eine kollektive Einsicht gibt, dass der Fortschrittsglaube so nicht weitergehen kann“.

Und während der ehemalige Pastor Gauck den Resonanzgedanken schön und „prophetisch“ findet, kommt er bei der Forderung zu einem Umdenken nicht mehr mit. In Rosas Sicht steckt ihm zuviel „Kulturpessimismus“ und „Ohnmacht“. Er wünscht sich eher ein „öffentliches Erntedankfest“ für den Wohlstand. Die Ideen von Rosa hält er für Luxusprobleme.

Gutes Leben im Kleinen

Rosa aber meint, den Resonanzmangel gebe es auf allen Ebenen. Auch Obdachlose geben ihm zufolge an, was sie am meisten verletze sei nicht die Armut, sondern dass sie oft nicht angesehen werden. Richtig konkret kann der Soziologe nicht erklären, wie er sich seiner Forderung nach „Resonanzräumen“ vorstellt. Fest steht, dass sich seine Ideen und der Wandel im bestehenden System vollziehen sollen. Letztlich geht es um eine Humanisierung.

Beispiele, wie sich dies bereits vollzieht, sieht er vor allem im Alltag: wenn sich Menschen zum Beispiel für Flüchtlinge engagieren, gegen die Zustände in Pflegeheimen vorgehen, das Wochenende in der Natur verbringen oder statt Fleisch aus Massentierhaltung auf Bioprodukte zurückgreifen. Allerdings käme bei seinen Studien heraus, dass sich die Mehrheit der Menschen nicht so verhält, wie sie es eigentlich gemäß ihrer Werte gerne möchte. Deswegen könnte die Politik eingreifen und anhand von Gesetzen regeln, was den Menschen gut tue. Der Erfolg des Staates solle nicht in finanziellem Wachstum gemessen werden, sondern an einem „leuchtende-Augen-Index“.

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