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Zentrum Älterwerden

Droht der Generationenvertrag zu platzen?

Jede Große Koalition ist ein GAU für die jüngere Generation. Das ist die Aussage des Bevölkerungswissenschaftlers Dr. Reiner Klingholz; Direktor Berlin-Institut Bevölkerung und Entwicklung. Das Thema "Generationenvertrag zu Ende?" zog am Donnerstagmorgen mehr als 1.500 Kirchentagsbesucher in die Stuttgarter Liederhalle.

Von Dirk Klose

Zu den allseits bekannten Tatsachen wie alternde und zugleich immer älter werdende Bevölkerung, wachsende Staatsverschuldung, drohende Umweltkatastrophe und Ressourcenknappheit zeichnete der Berliner Bevölkerungswissenschaftler Rainer Klingholz ein vergleichsweise düsteres Bild: In etwa zehn bis zwanzig Jahren würden auf zehn Ruheständler nur noch fünf erwerbstätige jüngere Menschen kommen. Die derzeitigen Verbindlichkeiten des Staates plus Staatsschulden beliefen sich derzeit auf rund sechs Billionen Euro, eine Summe, die den nachfolgenden Generationen aufgebürdet werde. Ganz klar sei, "die versprochenen Leistungsziele sind nicht mehr zu halten". Praktisch sei aber nichts getan worden, um die drohende und seit langem absehbare Entwicklung etwa durch die Bildung von Rücklagen einzudämmen.

Die Älteren sind nicht das Problem

Klingholz wandte sich gegen die häufig zu hörende Meinung, ältere Menschen hielten aus purem Egoismus an ihren Vergünstigungen wie steigende Renten und Rundumversorgung im Alter fest. Eher das Gegenteil sei der Fall, wie die millionenfache ehrenamtliche Tätigkeit von Älteren in Familien und Gesellschaft deutlich mache. Nicht die älteren Menschen seien also das Problem, sondern "der vorauseilende Gehorsam der Politik". Der Sozialstaat in der Bundesrepublik benutze seine finanziellen Möglichkeiten als "Kriegskasse zur Wiederwahl", was für jede der beiden großen Volksparteien gelte. Unter heftigem Beifall des Auditoriums meinte Klingholz: "Eine der beiden Volksparteien regiert ja immer; und kommt es zu einer Großen Koalition zwischen Union und SPD, so ist das der GAU, der 'größte anzunehmende Unfall' für jede jüngere Generation."

Förderung von Familien und Bildung ist vordringlich

Dringlichstes Problem sei heute, in die Bildung jüngerer Menschen zu investieren, sowohl in Grundkenntnisse wie Lesen und Rechnen als auch in die berufliche Bildung. Vorrangig sei ferner die Förderung von Familien; es könne nicht angehen, dass Mütter oder Väter, die in die Zukunft ihrer Kinder investierten, gegenüber kinderlosen Paaren noch immer benachteiligt seien. Schließlich müsse die Gesellschaft lernen, mit Problemen wie Ressourcenknappheit oder stagnierendem Wirtschaftswachstum  umzugehen. Die Versprechen auf ständiges Wirtschaftswachstum und auf immer größeren Wohlstand seien Vergangenheit und nicht mehr zu halten: "Mit den ständigen Versuchen, das Rad der Entwicklung zurückzudrehen, koste es, was es wolle, versündigen wir uns an den kommenden Generationen."

An der sich anschließenden Podiumsdiskussion nahm auch der frühere Bundesarbeits- und Sozialminister Franz Müntefering teil; heute Präsident des Arbeitersamariterbundes. Er pflichtete Klingholz bei, dass es vordringlich sei, hinreichend viele und gut ausgebildete Menschen zu haben, um annähernd den Status als Hochindustrieland und Sozialstaat zu halten. Auch mit Blick auf den demografischen Wandel sollten ältere Menschen nicht zu früh aus ihrem Beruf ausscheiden. Angesprochen auf den auf Betreiben der SPD wieder gesetzlich möglichen Eintritt ins Rentenalter schon mit 63 Jahren, sagte Müntefering, eine Rente mit 63 sei "falsch und nicht vernünftig. Solche Pläne zeugen von Illusion."  

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