Mein Kirchentag
Hauptpodienreihe Gesellschaft verantwortet Wirtschaft

Profit oder Menschenrechte?

"Ich glaube fest, dass jedes Problem lösbar ist!" Diese Überzeugung äußerte der indische Bürgerrechtler Kailash Satyarthi, denn: in den Problemen selbst sei doch jeweils auch die Lösung angelegt. Mit Leidenschaft und Verve setzte sich der Friedensnobelpreisträger für mehr Ethik in der Wirtschaft und die Kinderrechte ein.

Von Dirk Klose

Dem Kirchentag gelingt es immer wieder, bei Fragen zur Entwicklungspolitik und zur globalen Zusammenarbeit internationale Gäste als Redner zu gewinnen, die gleichermaßen durch die Kraft ihrer inhaltlichen Aussagen, durch ihr Temperament und durch überzeugendes persönliches Engagement tief beeindrucken. Das war vor Jahren bei dem südafrikanischen Bischof und Mandela-Freud Tutu der Fall, bei Muhammad Yurus aus Bangladesh oder auf dem Kirchentag in Hannover der vielbejubelte Auftritt der kenianischen Bürgerrechtlerin Wangari Maathai zusammen mit dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Jetzt auf dem Stuttgarter Kirchentag war es am Donnerstagnachmittag der im vergangenen Jahr mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete indische Bürgerrechtler Kailash Satyarthi, der die etwa 2.000 Zuhörer in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle mitriss - zeigte er doch, wie durch unermüdlichen Einsatz für Verfolgte, Erniedrigte und Benachteiligte allen Widerständen zum Trotz Fortschritte erreicht werden können, die bis dato als unmöglich galten.

Marsch gegen Kinderarbeit

Satyarthi sprach auf einem Podium mit dem Thema "Wieviel Ethik verträgt das Geschäft?", bei dem es am konkreten Beispiel der Textilindustrie um die Frage ging, inwieweit hierzulande Kleidung angeboten werden darf und gekauft werden soll, bei der man weiß, dass sie unter menschenunwürdigen Verhältnissen wie Kinderarbeit, überlangen Arbeitszeiten bei Billiglöhnen und unzureichenden Sicherheitsmaßnahmen in den Herstellerbetrieben erzeugt wird. Satyarthi geißelte mit bitteren Worten die noch immer in zahlreichen asiatischen Ländern (sie dienten ihm als Anschauungsbeispiel) verbreitete Kinderarbeit. Er hatte 1988 mit einem berühmt gewordenen globalen Marsch gegen Kinderarbeit seinerzeit etwa 80.000 Kinder aus der, wie er es nannte, "Sklavenarbeit" befreit. Jetzt berichtete er, dass sich durch zahlreiche Kampagnen in den vergangenen Jahren die Zahl der Kinderarbeit in den Ländern Süd- und Südostasiens von einer Million auf 200.000 verringert hat. "Ich repräsentiere Hoffnung" sagte er und verwies darauf, dass beharrliche Kampagnen letztlich doch Wirkung zeigen. 

Der indische Gast rief die Deutschen auf, sich international noch viel mehr als jetzt gegen Kinderarbeit und Ausbeutung zu engagieren. Noch immer seien derzeit etwa 158 Millionen Kindern gefangen, -  als Kindersoldaten, als billige Arbeitskräfte oder als Prostituierte. 58 Millionen Kinder hätten noch nie eine Schule gesehen. Die gegenwärtige ökonomische Globalisierung führe nicht zu einer nachhaltigen, menschenwürdigen Gesellschaft; "was wir brauchen, ist eine Globalisierung des Mitgefühls", schloss er seinen mit viel Beifall bedachten Beitrag.

Das "Textilbündnis" wächst

In einer folgenden Runde diskutierten Politiker und Wirtschaftsvertreter am Beispiel der deutschen Textilindustrie, wie Gebote von Nachhaltigkeit und Achtsamkeit für Beschäftigte in Ländern der Dritten Welt von deutscher Seite durchgesetzt werden könnten. Dabei ging es vor allem um das im vergangenen Oktober vom Bundesentwicklungsminister angestoßene "Textilbündnis", das gewissermaßen einen Verhaltenscodex für deutsche Unternehmen bei Einkäufen in Drittweltländern zum Inhalt hat.  Anfangs nur von einigen kleineren Textilunternehmen gestützt hat sich das Bündnis vor wenigen Tagen durch den Beitritt mehrerer großer Unternehmen deutlich erweitert, was zugleich eine größere Durchsetzungsfähigkeit verspricht. Allerdings, das wurde auch deutlich, steht für Unternehmen immer auch die Frage des Gewinns und die Haltung der Konkurrenz mit Blick auf billigere Angebote im Raum. Freiwilligkeit, das war übereinstimmende Meinung, reiche nicht; der Staat müsse verbindliche Regeln schaffen, um ein gegenüber Beschäftigten in Drittweltländern besseres Verhalten zu ermöglichen, - und hier dann wieder die Frage, ob und inwieweit Deutschland allein handeln könne oder ob nicht zumindest eine Abstimmung im Rahmen der Europäischen Union erforderlich sei. Gleichwohl sei das Textilbündnis, so ein Beteiligter, "ein enormer Schritt zur Verbesserung der Welt".

Mit Blick auf ein menschenwürdiges und damit auf ein christliches Handeln von Unternehmen sagte der EKD-Vorsitzende und bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, als Christ könne man sich unmöglich aus der Politik heraushalten: "Man kann nicht fromm sein, ohne politisch zu denken". Gerade Frömmigkeit führe dazu, sich mit politischen Fragen zu befassen. Das sei auch eine kritische Anfrage an die Kirchen selbst, bei allem Handeln in Politik und Gesellschaft zu fragen: Was gilt als normal, was ist anständig, was gehört sich nicht? Gerade solche Fragen müssten die Kirchen so deutlich wie nur möglich formulieren und sich mit Blick auf globale Wirtschaftsbeziehungen für verbindliche, menschengerechte Lösungen einsetzen.

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