Mein Kirchentag
Bläserchöre

Hitzeschlacht im Bläserzelt

Zum Kirchentag kommen Bläser aus ganz Deutschland nach Stuttgart. Sie gestalten in verschiedenen Gruppen Gottesdienste und Konzerte mit, sie erfreuen Besucher und Stuttgarter - und sie proben alle gemeinsam für den Schlussgottesdienst. Unser Autor Steffen Groß war mittendrin statt nur dabei.

Von Steffen Groß

Warum um alles in der Welt habe ich mir eigentlich keine Wasserflasche eingepackt? So überraschend ist es ja nun nicht, dass die Temperatur schwindelnde Höhen erreicht, wenn mehr als tausend Blechbläser samt Instrumenten ein nur leidlich klimatisiertes Zelt bevölkern, um dann in knapp zwei Stunden das Programm für den kompletten Schlussgottesdienst des Kirchentags zu erarbeiten. Blasen hat viel mit Luft, mit Atmung zu tun, aber die Luft steht hier ganz einfach, und es wird immer heißer. Das Hemd klebt - tröstlich, dass es dem Mann am Dirigentenpult genauso geht.

Hans Ulrich Nonnenmann heißt der, ist Landesposaunenwart in Württemberg und Leiter des Kirchentags-Posaunenchors 2015. Er schwitzt auch, aber seine gute Laune lässt er sich ebenso wenig nehmen wie seine musikalischen Ansprüche: "Etwas schneller! Hergucken! Langsamer werden, nicht leiser!". Kein Problem, mach ich ja gerne - wenn doch der hoch motivierte Posaunist schräg hinter mir zugehört hätte... Jetzt bläst der schon zum dritten Mal mitten in die Generalpause - im normalen Bläserleben müsste er jetzt den ganzen Chor zum Bier einladen, aber das wäre angesichts der großen Zahl der Mitspieler und des Dursts der Mannschaft wohl arg unfair.

Solidarität von Flensburg bis zu den Alpen

Ansonsten aber ist die Truppe erstaunlich konzentriert und musikalisch fit, Saunatemperaturen hin oder her. Und solidarisch sind die Musiker, die von Flensburg bis zu den Alpen ihre Heimatorte haben, auch: Ob ich den Notenständer ausleihen will, ich hätte ja offenbar keinen dabei? Nein, habe ich nicht, peinlich genug. Also ja, ich  nehme das freundliche Angebot dankend an, und die fehlenden Noten gibt es gleich obendrauf. Die große Bläserfamilie funktioniert eben überall auf der Welt. Da hat der alte Johannes Kuhlo, der Vater der modernen Posaunenchorbewegung, schon den richtigen Riecher gehabt.

Beim nächsten Stück klappt der Rhythmus am Anfang hinten und vorne nicht. "Einfach einhändig spielen und mit der anderen Hand mitdirigieren", rät Dirigent Nonnenmann, "dann klappt es besser, und es kühlt auch". Ersteres stimmt, letzteres eher nicht. Linderung bringt erst das Folgestück: Das ist allein für Posaunen und Tuba komponiert, da habe ich als Trompeter Pause, gottlob.

Überhaupt jagt uns der Dirigent ziemlich sportlich durch das vom Komponisten Gerd-Peter Münden eingerichtete Programm des Schlussgottesdienstes: Ein pulsierender Eingangschoral "Eingeladen zum Fest des Glaubens", ein zurückgenommenes Kyrie und ein zwingend-monumentales Credo verlangen uns Bläsern eine Menge ab - vor allem Konzentration. Es gehört zu den Wundern im Blechbläseruniversum, dass das nicht nur weitgehend unfallfrei klappt, sondern auch noch wirklich gut klingt. 

Konzentration ist Alles

Erst beim vorletzten Stück ist der Akku ziemlich leer, die letzten Takte fallen auseinander, am Schluss kommt einer nach dem anderen an, anstatt das wir  einen gemeinsamen Akkord hinlegen. Immerhin: Ich bin nicht Letzter geworden... Aber war das nicht ein "e"? Dann war es keine gute Idee, ein "es" zu spielen, das passt einfach gar nicht zueinander, und falsch war es auch.

Im nächsten Anlauf ist auch diese Klippe überwunden, das Schlussstück meistern wir, das nahe Ende vor Augen, beschwingt und locker. Dann ist Schluss - nur eine Information hat Nonnenmacher noch für uns: "Am Sonntag um 8 Uhr früh treffen wir uns alle an der Bühne auf dem Wasen." Na gut.

Am Ende bleiben mir zwei Erkenntnisse von meinem bläserischen Selbstversuch auf dem Kirchentag  im Gedächtnis: Die Großfamilie der Posaunenchöre lebt und funktioniert - und beim nächsten Mal gehe ich nicht ohne zwei Liter Wasser zur Probe. Tusch!

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