Mein Kirchentag
Bibelarbeit mit Sven Giegold

"Wir sehen das Leid der Näherinnen nicht"

Der EU-Parlamentarier Sven Giegold hat in seiner Bibelarbeit am Donnerstag eine andere Ökonomie gefordert, um den "Gott Mammon" in Grenzen zu halten.

Von Tobias Schwab

„Ja, es gibt kluges Handeln mit dem Mammon“, stellte Sven Giegold am Donnerstagmorgen in seiner Bibelarbeit zu Lukas 16,1-13 in der Stuttgarter Schwabenlandhalle fest. Wichtig sei dabei, nicht kurzfristig „den billigsten Jakob, die einfachsten Lösungen zu suchen“, sondern vernünftig, nachhaltig und langfristig zu handeln und dabei die Schwächsten im Blick zu haben, sagte der Grünen-Abgeordnete im Europaparlament und Mitgrüder von Attac-Deutschland.

Eine gerechte Wirtschaftsordnung lasse sich aus der Bibel nicht direkt ableiten. Weil sich Wirtschaft, Technologien und Produktionsverhältnisse immer wieder ändern, müsse jede Generation von Christinnen und Christen ihre eigenen Ordnungsvorstellungen entwickeln. Es gelte, zu jeder Zeit neu zu sehen und zu verstehen, zu urteilen und zu handeln. Entscheidend sei, den Geist der biblischen Botschaft und nicht den Buchstaben zu übertragen.

Ähnlich wie mit dem Großgrundbesitzer im Evangelium, der das Leiden der Tagelöhner nicht sehen müsse und den Verwalter vorschicke, verhalte es sich in der globalisierten Weltwirtschaft mit den Lieferketten. „Wir sehen die Not und das Elend der Menschen nicht, die für die Renditen eines Staudamm-Projekts von ihrem Land vertrieben werden“, sagte Giegold. „Wir sehen die Näherinnen nicht, wenn wir bei C&A oder bei Primark eine Hose für 15 Euro kaufen.“ Die Globalisierung und die Finanzmärkte „entreißen die Folgen der Habgier dem Erlebbaren“.

Der EU-Parlamentarier forderte eine andere Ökonomie, um den „Gott Mammon“ in Grenzen zu halten. Dazu bedürfe es nicht nur einer persönlichen Barmherzigkeit, Verantwortung und Mäßigung, sondern vor allem auch gerechter Strukturen, die die gesellschaftlichen Ursachen von Armut und Leid angehen. „Wir brauchen einen starken Sozialstaat und Marktordnungsregeln.“ Und es dürfe nicht alles „verwertbar und vermarktlicht werden“, sagte Giegold mit Blick auf Wasser, Gesundheit und Bildung. Hoffnung mache, dass vor allem junge Leute nach Alternativen zum ewigen Wachstum suchten und Modelle des einfacheren Lebens entwickelten.

Die Kirchen selbst allerdings würden dem biblischen Anspruch nicht immer gerecht. „Unter dem kirchlichen Deckmantel tun sie manchmal auch noch das, was alle tun“, kritisierte Giegold bezugnehmend auf den kirchlichen Umgang mit Vermögen und die Arbeitsbedingungen von Beschäftigten. Auch der Blick in das evangelische Gesangbuch habe ihn enttäuscht: Obwohl das Thema Gerechtigkeit und Geld so viele Christinnen und Christen bewegt, „kommt es in Liedern kaum vor“.

Diese Seite teilen

Bleiben Sie immer über unsere neuesten Aktivitäten informiert.
Abonnieren Sie unseren regelmäßigen Newsletter.