Mein Kirchentag
Abendreihe Endlichkeit

Berührungen zwischen Leben und Tod

Gedenken mit Windrädern an totgeborene Kinder, eine Galerie der Einsamkeit und Blüten für ungeschmückte Gräber: In der Abenddämmerung inszeniert das Stuttgarter teatro piccolo auf dem Pragfriedhof eine Begegnung von Leben und Vergänglichkeit.

von Steffen Groß

Video von Christina Özlem Geisler und Martin Nejezchleba

Flackernde Kerzen weisen die Richtung auf dem Pragfriedhof; ein leuchtendes Netz von Wegen führt die Kirchentagsbesucher zu den einzelnen Stationen: An verschiedenen Orten des Gottesackers nahe der Stuttgarter Innenstadt hat das teatro piccolo seine Szenen, Bilder und Texte inszeniert. "be-Rührungen – theatralische Momente zwischen Werden und Vergehen", haben die Stuttgarter Schaupieler ihr Werk betitelt, und es führt mitten hinein in die Thematik des Kirchentags: "Wir wollen die Menschen zum Innehalten bringen, zum bewussten Nachdenken darüber, dass das Leben endlich ist und darum jeder Tag kostbar", erklärt Regisseur Martin Seeger.

Und das Konzept geht auf: Etwa an der "Grabstätte der Kleinsten der Kleinen": Dort, wo die so genannten Sternenkinder bestattet sind, Kinder, die noch vor ihrer Geburt gestorben sind – dort surren bunte Windräder ihren hellen Ton über das stillen Gräberfeld. In der Mitte der Grabstätte steht Seegers Tochter Marieke Seeger, hält eines der Windräder in der Hand, lässt einige Male Menschen aus dem Publikum pusten – und singt dann mit kindlich gefärbter Stimme das Volkslied "Weißt du, wie viel Sternlein stehen?" Eine kontrastreiche Begegnung, die den Beobachter ganz sachte zu dem Gedanken führt: Wie kostbar ist angesichts des ungelebten Lebens dieser Kinder jeder Tag, der einem selbst geschenkt ist – und wie wenig selbstverständlich ist er.

Galerie der Einsamkeit

Oder die Galerie der Einsamkeit, bestehend aus acht kleinen Szenen mit je einem Schauspieler: Da sitzt etwa in einem Bild einer in einer etwa mannshohen Holzvitrine, vor ihm ein Yes-Törtchen und eine Kerze, und singt "Happy birthday to me". Spätestens hier schwant dem Beobachter, dass die Einsamkeit die kleine Schwester des Todes sein kann.

Wieder anders: Eine Engelsgestalt, die auf den vielen ungeschmückten oder gar ungepflegten Gräbern mit leisen Bewegungen bunte Blütenblätter verteilt und so Zeichen des Lebens am Ort des Todes setzt. Begegnungen, Kontraste  von Tod und Leben sind die prägenden Gestaltungselemente der Inszenierung. Immer wieder treffen bunte Bilder des Lebens und die harte, manchmal fast technische Seite des Todes aufeinander.

Etwa in der Begegnung mit einem über den Friedhof schlendernden Schutzengel, der die Besucher am Arm fasst und sie so an seine helfende Gegenwart an den Grenzen des Lebens erinnert: Oder im Krematorium, das die Kirchentagsbesucher besichtigen können: Oben in der im Jugendstil erbauten Trauerhalle mit ihren freundlichen Pastellfarben wird der Sarg mit dem Verstorbenen langsam und würdevoll zur Orgelmusik in die Tiefe herabgelassen – und eine Etage tiefer kommt er in den nüchternen Funktionsräumen des Krematoriums an, wird von Mitarbeitern auf ein Fließband gelegt und verschwindet in einem der drei Öfen. Was bleibt, passt in eine Urne.

Bloß keine Routine

Die Idee für das Theaterprojekt kam Martin Seeger genau hier, auf dem Pragfriedhof: "Ich war vor 15 Jahren auf dem Weg zu einer Besprechung über unseren Beitrag zu einer Aktion "Leben und Tod" der katholischen Diözese Rottenburg-Stuttgart, und der Weg zum Treffpunkt führte über den Friedhof. Da kam mir die Idee, Erinnerungen an das Leben im Angesicht der Endlichkeit zu gestalten", erinnert er sich. Eine Idee, die viele Menschen berührte und seitdem auf zahlreichen Friedhöfen in Szene gesetzt wurde. "Aber nicht öfter als ein Mal im Jahr – sonst wird es Routine, und die können wir bei diesem Thema nicht brauchen."

Seeger selbst ist mit der eigenen Endlichkeit in den vergangenen Jahren sehr direkt konfrontiert worden: Eine schwere Erkrankung fesselte ihn ans Bett, zwischenzeitlich waren die Prognosen düster. Dann schlug die Therapie doch noch an. "Seitdem kann ich viel besser akzeptieren und mir vorstellen, dass ich endlich bin", lächelt er, "und ich gehe mit einer ungeheuren Dankbarkeit über die gelungene Therapie und die geschenkte Lebenszeit über den Friedhof." Sein Rat mit Blick auf das Kirchentagsmotto "damit wir klug werden": "Mach, was dir wichtig ist. Lass Unwichtiges weg. Vergeude deine Zeit nicht und ärger dich nicht über jede Kleinigkeit. Das Leben ist kostbar!" Seine Frau hat unterdessen festgestellt, dass ihr Mann "gütiger geworden ist – auch sich selber gegenüber." Lebensklugheit im Angesicht der Endlichkeit.

Welche Hoffnungen hat einer, der im Theaterspiel und im eigenen Leben dem Tod so nahe kommt? "Meine Angst vor dem Tod hat abgenommen, seitdem ich selbst krank geworden bin." Einerseits sei da die "naive Hoffnung, dass ich Menschen nach dem Tod wieder begegnen werde – das ist vielleicht nicht rational, aber wunderschön." Der Kinderglaube der eigenen Großmutter hat ihn so geprägt. Martin Seeger hütet ihn wie einen Schatz und übersetzt ihn für sich so: "Dass ich eingebunden sein werde danach in ein großes, gutes Ganzes, darauf hoffe ich."

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