Mein Kirchentag
Gedenken zu Beginn

Unsichtbar und doch eine Gefahr für die Volksgemeinschaft

Die erste Veranstaltung des Stuttgarter Kirchentag erinnert auch an die Ausgrenzung und Verfolgung frauenliebender Frauen im Nationalsozialismus.

Von Imke Girßmann

Beim diesjährigen Gedenken zu Beginn auf dem Karlsplatz erinnern wir an Männer und Frauen gleichgeschlechtlicher Orientierung, die Opfer nationalsozialistischer Verbrechen wurden. Der Strafparagraph 175 galt im "Dritten Reich" jedoch nur für Männer. Wie kommt es, dass wir heute dennoch von Frauen wie der 1942 ermordeten Mary Pünjer erzählen, für die ein KZ-Arzt die "Diagnose" "Sehr aktive ('kesse') Lesbierin" (zit. nach Schoppmann 2012:107) notierte?

Forschungen und Berichte von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zeigen, dass Frauen aufgrund von sexuell und sozial abweichendem Verhalten mittels anderer Gesetze und Kontrollmechanismen durchaus verfolgt werden konnten und wurden. Der unterschiedliche Umgang mit weiblicher und männlicher Homosexualität ist auf ein lange tradiertes und im Nationalsozialismus verstärktes "asymmetrische(s) Geschlechterverhältnis" (Eschebach 2012:12) zurückzuführen, in dem eine autonome Sexualität nur Männern zugeschrieben wird und nach dem folglich Homosexualität auch nur männlich sein kann. (vgl. ebd.:12ff.) Weibliche Sexualität war für die nationalsozialistische "Volksgemeinschaft" lediglich relevant im Hinblick auf Gebärfähigkeit.

Verstöße gegen das "gesunde Volksempfinden"

Die nationalsozialistische Rechtsprechung knüpfte an bestehende Normen an. Nachdem bis zum 18. Jahrhundert jede nicht auf Fortpflanzung ausgerichtete sexuelle Handlung - auf Grundlage des religiösen Sodomie-Begriffs - "widernatürlich" und damit strafbar war, galt seit der 1794 erfolgten Reform des preußischen Sexualstrafrechts weibliche Homosexualität nicht mehr als "widernatürliche Unzucht" und somit nicht mehr als Straftat (vgl. Schoppmann 2012:37). Da die Rechtsauffassung von einer männlichen Sexualität als Norm ausging, ist dies nicht unbedingt verwunderlich (vgl. ebd.:38). Diese Regelung wurde auch 1935 bei der Verschärfung des § 175a, der fortan für "Unzucht" unter Männern harte Strafen legitimierte, beibehalten.

Die Straffreiheit weiblicher Homosexualität wurde damit begründet, dass Frauen nur 'pseudohomosexuell' und 'kurierbar' seien, die Bevölkerungspolitik also nicht in großer Gefahr zu wähnen sei, während bei homosexuellen Männern 'Zeugungskraft vergeudet' werde (Wenzeslaus Gleispach, 1935, zit nach Schoppmann 2012:39). Außerdem wurde wie zu preußischer Zeit angeführt, dass die 'soziale Schädlichkeit' im öffentlichen Leben geringer ausfiele, da Frauen dort ohnehin nur eine 'bescheidene Rolle' spielten (ebd) - während eine bewusst verbreitete Unterstellung gegenüber homosexuellen Männern war, dass sie den NS-Staat als Kollektiv unterminierten (vgl. Schoppmann 2012:39).

Immer wieder wurde allerdings von einigen Juristenkreisen auch die Kriminalisierung von gleichgeschlechtlich liebenden Frauen gefordert - denn weibliche Homosexualität sei eben doch eine Gefahr für die 'völkische Gemeinschaft und ihre inneren Werte' und führe zu 'Rassenentartung' und 'Entfremdung der Frau von ihrer natürlichen Bestimmung als Gattin und Mutter' (Rudolf Klare, 1928, zit. nach Schoppmann 2012:40). Weit entfernt von einem Strafparagraphen für Frauen war man also möglicherweise nicht (vgl. Dobler 2012:61).

Nicht sehr bekannt, aber fundamental ist außerdem, dass eine Gesetzesnovelle im Juni 1935 die Möglichkeit schuf, eigentlich straffreie Handlungen zu verfolgen, wenn sie nach dem "'Grundgedanken' eines Strafgesetzes als strafbar" galten und nach dem 'gesunden Volksempfinden Bestrafung verdient' hätten (Änderungsgesetz des StGBs vom 28.6.1935, zit. nach Schoppmann 2012:41).

Die Vermutung liegt nahe, dass es mit diesem propagierten – indes nie definierten – "gesunden Volksempfinden" zusammenhängt, dass es aus der Bevölkerung immer wieder Denunziationen vermeintlich lesbischer Frauen oder Verhältnisse gab. "Anzeigen" wurden bei der Polizei erstattet, obwohl ein entsprechender Paragraph gar nicht existierte. In manchen Fällen wurden Paare daraufhin gezwungen, auseinanderzuziehen und standen fortan unter Beobachtung.

Diese Erkenntnisse verdeutlichen die Überzeugung von einer 'Widernatürlichkeit' gleichgeschlechtlicher Liebesbeziehungen, die offenbar in der Gesellschaft vorherrschte – und die eine alleinige Schuldzuweisung für geschehenes Unrecht an "die Nazis" erschwert, wie sie auch unbequeme Fragen nach Kontinuitäten solcher Vorstellungen bis heute aufwirft.

Festnahmen und Repressionen

Auch ohne entsprechenden Strafparagraphen konnte mithilfe der Zuschreibung anderer Delikte gegen frauenliebende Frauen ermittelt werden. Fälle, die belegt sind, umfassen Diebstahl, Betrug, Prostitution oder "Kuppelei", bei denen sich eine bekannte oder dann publik werdende sexuelle Orientierung "strafverschärfend auswirken" konnte (Schoppmann 2012:43).

Außerdem waren Festnahmen möglich anhand einer breiten Palette von "Vergehen", wie "staatsabträglichem Verhalten", "Wehrkraftzersetzung", "Rassenschande", "Verbrechen und Vergehen wider die Sittlichkeit" oder der "Verordnung zum Schutz von Ehe, Familie und Mutterschaft". Belegt sind auch Festnahmen im Rahmen der "vorbeugenden Verbrechensbekämpfung" (vgl. ebd.:43ff).

Repressionen gegen eine während der Weimarer Republik gewachsene kulturelle lesbische Szene wurden zur Tagesordnung: Im Rahmen einer strengeren Auslegung des Gaststättengesetzes konnten Szenelokale jederzeit wegen "Förderung der Unzucht" geschlossen werden. Regelmäßige Razzien wurden durchgeführt, zu denen auch die Feststellung der Personalien gehörte. Das Homosexuellendezernat der Berliner Kriminalpolizei war ab 1944 dazu angehalten, wie für schwule Männer auch Daten lesbischer Frauen karteimäßig zu erfassen (vgl. Dobler 2012:61).

Ab 1933 wurden Lesbenzeitschriften nach dem "Schund- und Schmutzgesetz" verboten. (vgl. ebd:56f.) Natürlich ist eine Zerschlagung der Szene nicht gleichzusetzen mit der Konzentrationslagerhaft von vermutlich 6000 Männern (vgl. Schoppmann 2012:48), denen eine homosexuelle Identität zugeschrieben wurde und von denen die Mehrheit nicht überlebte. Dem gegenüber weiß die Forschung derzeit von "(...) etwa einem Dutzend Frauen, bei deren Konzentrationslagerhaft das Lesbischsein eine ursächliche Rolle gespielt haben könnte" (ebd.). Die Unterlagen der Lagerverwaltung Ravensbrück sind nur lückenhaft überliefert, aber einige wenige einschlägige Hinweise zeigen, dass zumindest drei politische Häftlinge mit dem Zusatzvermerk "lesbisch" gekennzeichnet wurden. Jedoch konnten "nicht straffällig gewordene", aber "sozial und sexuell unangepasste" Personen (ebd.) als "Asoziale" inhaftiert werden. Wie schnell dies geschehen konnte, zeigt das Beispiel der 1915 geborenen Helene Bartelts, spätere Partnerin Anneliese Wulfs (geboren 1916), die nach ihrem Protest gegen die Verpflichtung zur Arbeit in der Rüstungsindustrie ('Der Scheiß-Hitler soll doch seine Munition alleine drehen') 1940 als "Asoziale" nach Ravensbrück gebracht wurde. (vgl. ebd:51)

Dass die Kennzeichnung der Frauen in den Konzentrationslagern nicht wie im Fall der Männer mit dem "rosa Winkel" erfolgte, sondern sie anderen Gruppen zugeordnet wurden, erschwert die Rekonstruktion und Forschung. Festhalten lässt sich, dass es für lesbisch lebende Frauen (oder als solche denunzierte) keine einheitlichen Konsequenzen gab. Einen entscheidenden Unterschied konnte eine jüdische Identität oder Herkunft aus unteren Schichten machen (vgl. ebd.:49). "Die Mehrheit der 'arischen' lesbischen Frauen, zumal aus bürgerlichen Kreisen, konnte durch eine weitgehende Anpassung an das Regime der NS-Zeit überleben", schreibt Claudia Schoppmann, gibt jedoch gleichzeitig zu bedenken: "Welche psychischen Belastungen jahrelanges Verstellen für die Einzelnen zur Folge hatte, steht auf einem anderen Blatt" (ebd.:50).

Kontinuitäten der Ausgrenzung begegnen

Keinesfalls dürfen für eine scheinbare Geschlechtergerechtigkeit die Schicksale von aufgrund von Homosexualität im Nationalsozialismus verfolgten Männern und Frauen undifferenziert gleichgesetzt werden. Vielmehr gilt es, bei der Beachtung der Unterschiede für alle Verfolgten den Kontext der nationalsozialistischen heterosexistischen Geschlechterideologie zu erkennen – und zwar nicht nur auf die Jahre 1933 - 1945 beschränkt. Der Blick auf die Nachkriegszeit zeigt, wie nach kurzer "liberaler" Phase, in der – wenn auch aus der Not und der Situation des "Frauenüberschusses" heraus – Frauenpaare meist unverdächtig zusammen wohnen konnten, schnell die Frau-Mann-Ehe wieder die einzig gültige Norm wurde (vgl. Plötz 2014:73).

Lesbisch lebende (jüngere) Frauen waren zwar nicht von Verfolgung, aber von der strukturellen Benachteiligung und Diskriminierung als 'unverheiratete Frauen' betroffen (vgl. ebd.:76ff). Schockierend ist indes die überlieferte Begründung für eine Straffreiheit homosexueller Handlungen unter Frauen im Strafrechtsänderungsgesetz des Bundesverfassungsgerichts von 1957 : Genau wie 1935 wurde deren 'geringe soziale Gefahr' angeführt, und: Sie seien schließlich weiterhin in der Lage, (...) normalgeschlechtlich zu verkehren' (zit. nach Plötz 2014:76). Spielte der eigene Wille dabei keine Rolle?

Auch dass Frauen wie Margarete Rosenberg (1910 - 1985) jahrelang erfolglos um finanzielle Entschädigung kämpften und trotz einer Kennzeichung als "politisch" im Konzentrationslager Ravensbrück aufgrund von Vorstrafen als "asozial" (wegen gleichgeschlechtlicher Kontakte) als nicht entschädigungsberechtigt eingestuft wurden, empört noch heute (vgl. Schoppmann 2012:50).

Auch die evangelische Kirche muss sich fragen, welchen Anteil sie an der Hartnäckigkeit gesellschaftlicher Kontinuitäten von Verfolgung und Ausgrenzung nicht-heterosexueller Lebensweisen hat. Bereits bestehende Ansätze hierfür machen Hoffnung. Wenn eine Veranstaltung wie das "Gedenken zu Beginn" beim Kirchentag in Stuttgart jedoch ernst gemeint ist und wirksam sein soll, muss sie aktuellen gesellschaftlichen rückwärtsgewandten Tendenzen, auch aus den eigenen und benachbarten Reihen, mutig und entschieden entgegentreten.

Die Autorin Imke Girßmann ist Kulturwissenschaftlerin und Doktorandin aus Bremen. Sie ist Mitglied der Projektleitung "Gedenken zu Beginn".

Literatur für diesen Text:

Eschebach, Insa (2012): Einleitung. In: Dies. (Hg.): Homophobie und Devianz. Weibliche und männliche Homosexualität im Nationalsozialismus. Berlin: Metropol, S. 11 – 20.

Dobler, Jens (2012): Unzucht und Kuppelei. Lesbenverfolgung im Nationalsozialismus. In: Insa Eschebach (Hg.): Homophobie und Devianz. Weibliche und männliche Homosexualität im Nationalsozialismus. Berlin: Metropol, S. 53 – 62.

Plötz, Kirsten (2014): Wo blieb die Bewegung lesbischer Trümmerfrauen? In: Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (Hg.): Forschung im Queerformat. Aktuelle Beiträge der LSBTI*-, Queer- und Geschlechterforschung. Bielefeld: transcript, S. 71 – 85.

Schoppmann, Claudia (2012): Zwischen strafrechtlicher Verfolgung und gesellschaftlicher Ächtung: Lesbische Frauen im „Dritten Reich“. In: Insa Eschebach (Hg.): Homophobie und Devianz. Weibliche und männliche Homosexualität im Nationalsozialismus. Berlin: Metropol, S. 35 – 51.

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