Mein Kirchentag
Württembergische Landeskirche

Spagat zwischen konservativen und liberalen Flügeln

Die Evangelische Landeskirche in Württemberg ist Gastgeberin des Stuttgarter Kirchentages 2015. Nicht nur die geographische Ausdehnung ist groß, es stehen sich auch theologisch zwei Gesprächskreise gegenüber. Und der Kirchentag spielte in ihrer Geschichte eine wichtige Rolle.

von Lars Westermann

Maultaschen und Mercedes, Spätzle und Sparsamkeit, Kehrwoche und Kirche – Tradition und Glaubensleben genießen bei den Gastgeberinnen und Gastgebern des 35. Deutschen Evangelischen Kirchentages einen hohen Stellenwert. Im "Schwabenländle" hat die Landeskirche einen festen Platz im gesellschaftlichen Leben. "Die Kirchlichkeit ist bei uns auch durch die pietistische Tradition seit jeher stark ausgeprägt", erzählt Pfarrer Wolfgang Kruse, Beauftragter der Landeskirche für den Kirchentag. Doch der starke konservative Flügel führt zu einem großen Spagat innerhalb der Kirche, die sich vom Bodensee bis zum fränkischen Unterland und von der Ostalb bis in den Schwarzwald hinein erstreckt.

Beispielhaft lässt sich der Konflikt an der Haltung zum Zusammenleben gleichgeschlechtlicher Paare festmachen. Im Gegensatz zu anderen Landeskirchen der EKD ist eine Segnung solcher Partnerschaften in Württemberg nicht möglich. Während konservative Stimmen diese Haltung befürworten, fordern liberalere Stimmen eine Öffnung. Auch in der Synode zeigen sich diese zwei Lager. Der pietistisch-konservative Flügel "Lebendige Gemeinde" stellt die größte Fraktion, als zweitstärkste Kraft ging die fortschrittlich ausgerichtete "Offene Kirche" aus der Ur-Wahl hervor. Die württembergische Landessynode wird als einzige in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) direkt von den Mitgliedern gewählt. Auch in der Hochburg der Theologinnen und Theologen Tübingen wird die Unterschiedlichkeit deutlich. Zwei Studienhäuser der Landeskirche bieten die Begleitung von Studierenden an. Das Albrecht-Bengel-Haus ist eher konservativ ausgerichtet, das evangelische Stift eher liberal.

Christustag als Alternative zum Kirchentag gegründet

Die Entwicklung hin zu diesen gegenüberstehenden Gruppierungen hatte ihren Startpunkt beim zweiten Stuttgarter Kirchentag im Jahr 1969. Aus politischer Sicht wurde er von den damals aktuellen Protesten der Studentenbewegung erfasst, auf theologischer Ebene stritten die Teilnehmenden vor allem um die historisch-kritische Bibelauslegung. Die Differenzen zwischen den Strömungen mündete in der Gründung des "Gemeindetages unter dem Wort" – später in "Christustag" umbenannt – als Alternativveranstaltung zum Deutschen Evangelischen Kirchentag.

30 Jahre dauerte es bis die württembergische Landeskirche 1999 den Kirchentag erneut eingeladen hat. "Bei den Stuttgarter Kirchentagen ging es schon immer heiß her, aber die offene und ehrliche Austragung der Konflikte ist auch positiv zu würdigen", merkt Wolfgang Kruse an. Er sieht in der Auseinandersetzung auch eine Generationenfrage: "Obwohl es immer noch viel debattierte Themen gibt, machen die jüngeren Leute diese Grabenkämpfe nicht mehr mit." Ein weiteres positives Signal erkennt Kruse in der Annäherung der beiden Kongresse. 2015 findet der Christustag erstmals im Rahmen des Kirchentages statt.

Online-Ideen-Wettbewerb ausgerufen

Mit Blick auf die großen Herausforderungen in Gegenwart und Zukunft stünde der Landeskirche Einigkeit gut zu Gesicht. Denn trotz der Frömmigkeit im Südwesten hat auch die württembergische Landeskirche mit schwindenden Mitgliederzahlen und fehlenden finanziellen Mitteln zu kämpfen. So wurden inzwischen sogar Kirchen wie die Leonhardskirche in Reutlingen oder die Ulmer Paul-Gerhardt-Kirche entwidmet. Um diesem Trend entgegenzutreten, hat die Landeskirche im Hinblick auf das Reformationsjubiläum 2017 unter dem Motto "Kirche macht was. Aus deiner Idee!" online einen Ideen-Wettbewerb ausgerufen. Pfarrer Wolfgang Kruse warnt jedoch vor einem kopflosen Drang zur Modernisierung: "Natürlich muss man was tun, aber man darf sich nicht zu sehr anpassen, um nicht beliebig zu werden. Die Kirche soll ihr Profil wahren. Zum Beispiel wird die über Jahrhunderte gewachsene Gottesdienst-Liturgie auch noch weiter tragen." Und Kruse hebt die Jugendarbeit in Württemberg hervor: "Die ist hier richtig stark und lebendig. Beim Kirchentag wird das im Zentrum Jugend sichtbar werden, das von der Landeskirche verantwortet wird."

Auch das Gläserne Restaurant ist ein Kind der württembergischen Landeskirche. Die Idee stammt ursprünglich von der Evangelischen Akademie Bad Boll. So hoffen der Kirchentag und die Landeskirche auch beim Stuttgarter Kirchentag 2015 auf wertvolle Impulse.

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