Mein Kirchentag
Abendreihe Endlichkeit

Ein Sargkünstler über Leben und Tod

Alexander Fluhr ist Bestatter in Stuttgart. Mit seinen Arbeiten, die er Erdmöbel nennt, ist er Gast auf dem Kirchentag.

von Steffen Groß

Wie sein eigenes Lebensende gestaltet werden soll, das weiß Alexander Fluhr schon ganz genau: Der Stuttgarter Bestatter ist auch Künstler – und für seinen Abschied aus dem Leben hat er beizeiten seinen eigenen Sarg gestaltet: "Fluhrs Lebenskunstwerk" heißt der schlichte, weiß grundierte Holzsarg. Vor vier Jahren hat er angefangen, das Erdmöbel zu gestalten, pro Lebensjahr will er ein rechteckiges Feld bunt ausmalen. "Damals waren das 49 bunte Felder, und insgesamt hatte ich 86 Felder eingeplant – bis ich gemerkt habe: Das reicht mir nicht. ich will älter werden!". Mittlerweile ist für 102 Felder Platz, 53 hat der heute 53-Jährige in ganz unterschiedlichen Farben gestaltet, beim nächsten Geburtstag kommt das 54. dazu.

Gleichzeitig hat Fluhr kleine Kästen gestaltet – für jedes Jahr einen, jeweils in der gleichen Farbe wie das entsprechende Feld auf dem Sarg. "Da stecke ich dann wesentliche Erinnerungsstücke aus dem betreffenden Lebensjahr hinein – meine Geburtsurkunde etwa, den Trauschein oder irgendetwas anderes von Bedeutung. So entsteht das Archiv meines Lebens."

Auch den Ablauf der Trauerfeier hat Fluhr schon geplant: Der offene Sarg wird inmitten einer Ausstellung mit seinen Kunstwerken in einem klimatisierten Raum eine Woche lang aufgebahrt, Familie und Freunde können in dieser Zeit Abschied nehmen. "Dann wird der Sarg feierlich geschlossen und mit mir verbrannt – und meine Asche kommt in den letzten Kasten meines Archivs." So will Fluhr am Ende seines Lebens "selbst zur Kunst werden".

Motto: wenig – einfach – schön.

Mit seiner kreativen Arbeit verbindet Fluhr die Schwerpunkte seines bisherigen Lebens. Der 53-Jährige studierte an der Kunstakademie Stuttgart, aber er konnte von seiner Kunst seine Familie nie wirklich ernähren. Nach einer gescheiterten Auswanderung in die USA kam er zurück – und wurde Bestatter in einem großen Stuttgarter Institut. Nun sitzt er in der Innenstadt-Filiale, weiße, helle Töne und Holzmöbel ("das erdet und beruhigt") prägen die warme Atmosphäre, in der Ecke lehnt ein Cello, an den Wänden Zeichenarbeiten, die Fluhr selbst gestaltet hat. "Mein Motto ist: wenig – einfach – schön!", erklärt er, und das gelte im Leben wie im Sterben und in der Kunst sowieso.

"Man lebt anders und viel bewusster, wenn man sich seiner Endlichkeit bewusst ist", bekennt der nach eigenen Angaben areligiöse Fluhr. "Wir verschwenden so viel Zeit fremdbestimmt, mit Dingen, die nicht wirklich wichtig sind – ob das Autos sind, Beziehungen, die uns nicht wirklich erfüllen, hundert E-Mails pro Tag. Im Angesicht der Endlichkeit merken wir dann, dass das alles nicht wichtig war." Das Kirchentagsmotto "damit wir klug werden" trifft deshalb seine Arbeit als Bestatter genau: "Ich lebe anders, seitdem ich diesen Beruf habe, ich kümmere mich immer zuerst um die Dinge, die mir wichtig sind."

"Lebt klüger, bewusster!"

Das bedeutet für Fluhr, bei allem was er tut ganz und gar bei der Sache zu sein: "Wenn ich ein Trauergespräch führe, tauche ich ab, dann bin ich ganz und gar bei den Menschen. Ich gehe mit ihnen durch den Schmerz hindurch, um herauszufinden: Was ist jetzt wichtig? Danach tauche ich wieder auf." Und auch jenseits der Arbeit an konkreten Todesfällen "ist es meine Aufgabe als Bestatter, den Menschen zu sagen: 'Stoppt mal! Lebt klüger, bewusster! Setzt Prioritäten!'" Vor seinem eigenen Tod hat Fluhr keine Angst. "Die Ärzte sagen uns, das Sterben nicht weh tut, weil der Körper dann in einer Art Schockzustand ist und keinen Schmerz empfindet." Und da er nicht an Gott glaube, „gibt es auch keine Hölle oder kein ewiges Leben, vor der ich Angst habe." Und wenn doch ein Leben nach dem Tod auf ihn wartet? Fluhr lächelt: "Wenn mir dann Gott begegnet, werden wir uns gut unterhalten. Und dann baue ich den nächsten Sarg."

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