Mein Kirchentag
Der harte Kern

Helfer

Am Tag vor dem Kirchentag ist die Vorbereitung in vollem Gange: Noch ehe die ersten Besucher nach Stuttgart strömen, helfen rund 4.300 Freiwillige beim Aufbau. Ein Blick in die Kirchentags-Werkstatt.

von Isabel Metzger (Text) und Kristin Häfemeier (Bild)

Die Lagerhalle auf dem Festgelände im Stuttgarter Neckarpark duftet nach Holz wie ein Baumarkt im Frühling. Aus den Ecken hämmert es. Platten für Bühnenkulissen und provisorische Stellwände durchtrennen den Raum. Ein Gabelstapler poltert über Holzstaub und mit Klarsichtfolie bespannten Betonboden. Zwischen Wellpappe und Bohrmaschinenlärm kniet Carolina Seidig im blauen Overall vor einer mannshohen Baumkrone aus Holz. Die 33-Jährige, die in der Werkstatthalle alle nur bei ihrem Pfadfindernamen „Bingo“ rufen, zieht mit zugekniffenen Augen die Linie von einem Schwein mit Bleistift auf der Oberfläche nach. „Das steht für den Schöpfungstag sechs: Mensch und Tier“, erklärt sie. Sieben Baumskulpturen werden in der Kirchentagswoche auf dem Stuttgarter Straßenpflaster wachsen: für jeden Schöpfungstag einer.

4.300 freiwillige Helferinnen und Helfer

 

Carolina ist eine von rund 4.300 freiwilligen Helferinnen und Helfern beim Stuttgarter Kirchentag. Die meisten sind in Carolinas Alter, zwischen 20 und 35, aber es gibt auch viele jüngere oder ältere Helfende – zu ihnen gehört Jutta Wilhelms, die auf dem Kirchentag ihren 55. Geburtstag feiert.

Viele gehören kirchlichen Organisationen an. Sie sorgen dafür, dass die Besucher zu den Veranstaltungsorten finden, Essen bekommen, die Bühnen mit Bildern dekoriert sind. Carolina leitet die so genannte Malawerkstatt und kümmert sich darum, dass auf allen Bäumen passende Bibelmotive zu sehen sind. Sonne und Mond auf dem ersten Tag, Wolken auf dem zweiten Tag. Wie viele andere Helfer kommt die Berlinerin schon zum wiederholten Mal zum Kirchentag, „seit 1999, mit einmal Aussetzen“. Zur Zeit tippt sie an ihrer Geologie-Doktorarbeit. „Keiner von uns hier in der Halle ist in Kunst ausgebildet“, sagt sie. „Aber mein Vater ist Maler. Der hat sich mit uns von klein auf hingesetzt und gezeichnet.“

Ihre Hände bewegen sich flink über das Holz. Seit acht Uhr bemalt sie mit ihren Helfern Bäume, Leinwände für die Kulissen, Cafeteria-Schilder („Cannstatt Cännle“) – Open End. „Manchmal bist du bis neun Uhr da, manchmal bis elf.“ Von den Veranstaltungen wird sie wenig sehen. Schlimm findet sie das nicht. „Es ist jedes Mal toll, wie man ein Projekt, das am Anfang unmöglich scheint, in der Gruppe umsetzen kann“, sagt sie. „Die ganzen Leute hier – das ist wie ein Uhrwerk, in dem die Zahnräder ineinander greifen.“

Jutta war 1977 zum ersten Mal auf dem Kirchentag

 

Diesen Zusammenhalt genießt auch Jutta. Sie sitzt heute auf einer Bierbank am Eingang des Zeltes, in dem die Mitarbeitenden verpflegt werden. Mit einem weißen Plastikeimer sammelt sie die Essensbons ein. In ihrer rechten Hand zählt sie per Knopfklick die verteilten Mahlzeiten, „für den besseren Überblick“. Aktuell steht sie bei 810. Und findet es „einfach irre, wie es bei so vielen Leuten so friedlich und geordnet zugehen kann“.

Und das ohne lange Vorbereitung: Die HaKas – der harte Kern, wie die Helfer sich nennen – sind seit Sonntag in der Stadt und schlafen in Stuttgarter Schulen, wo sie Bänke und Stühle in den Klassenzimmern beiseite geschoben und ihre Isomatten ausgerollt haben. Viele Helfer aus den Pfadfindergruppen reisen dagegen erst am Mittwoch an. Sie schreiben für die Kirchentagszeitung, nehmen Gepäck an, verteilen Getränke, geben die roten Kirchentagsschals aus, sammeln Müll in Tüten. Um sie auch bei den schwülen Stuttgarter Temperaturen bei guter Laune zu halten, verteilen Tutoren Kekse und Süßigkeiten.

 

Wenige Schritte von Carolina stemmen zwei Männer mit weißen Schutzhelmen und beigen Pfadfinderuniformen eine Metallstange unter den Stamm von Schöpfungstag Nummer vier. Ihre Mithelfer beobachten breitbeinig, wie ein Kran das mehr als eine Tonne schwere Konstrukt nach oben zieht. Eine Holzplanke fehlt noch an der Rückseite. Die Zeit drängt. Bis zum Abend sollen die ersten vier Skulpturen auf dem Schlossplatz stehen.

 

Jutta bleibt entspannt, 1977 kam sie zum ersten Mal zum Kirchentag, „da war ich noch 17. - Guten Appetit wünsch ich Ihnen!“ Nummer 811. Morgen werden noch weitere Helfer und Helferinnen die Essensausgabe stürmen – vermutlich wird Jutta auch Nummer 1.000 begrüßen – dann hat der Kirchentag Fahrt aufgenommen. Carolina hat dann aber schon das nächste Projekt in Arbeit.

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